Vabanque, 1/1, 24. Jul '25
(In dem heutigen Beispiel steht mir kein pgn-File mit der gesamten Partie zur Verfügung, ich muss also mit Diagrammen arbeiten.)
Man sollte im Schach immer misstrauisch werden, wenn der Zug des Gegners scheinbar ein völlig offensichtlicher, grober Patzer ist. Denn nicht selten handelt es sich dann um eine Falle.
So auch in folgendem Beispiel, das 1962 in Riga aufs Brett kam (Piskalnieti - Berzinsch):
Bei so wenigen Bauern, zumal in einem Turmendspiel, sind die schwarzen Gewinnchancen trotz des Mehrbauern äußerst schmal. Da kam dem Spieler ein witziger Gedanke; er hatte nämlich - kaum zu glauben! - ein potenzielles Mattbild erspäht. Natürlich musste Weiß dafür 'mitmachen', aber man konnte es ja zumindest mal probieren. Schwarz spielte also
1... f4+!?,
und Weiß ergriff freudig die Gelegenheit, diesen scheinbar groben Fehler mit
2. Ke4??
auszunutzen.
Denn 'offenbar' fallen jetzt hintereinander der schwarze e- und f-Bauer, ohne dass Schwarz noch etwas dagegen tun könnte?!
Hätte diese 'Offensichtlichkeit' Weiß nicht doch etwas stutzig machen sollen?
Wären nämlich der Bauer e5 und das Feld f5 unter schwarzer Kontrolle, so könnte Schwarz mit Td4 mattsetzen!
Kann man das denn erreichen? Ja, indem man den weißen Turm von der 6. Reihe abschneidet:
2... Td6!!
Und zu spät erkannte Weiß, dass er nun nicht 3. Txa7+ spielen darf, da nach Ke6 das erwähnte Matt durch Td4 nur noch durch Turmhergabe zu verhindern wäre:
Aber da nach 2... Td6 der weiße Ta6 zwischen a7 und a5 eingequetscht ist, bleibt nur der Turmtausch
3. Txd6 Kxd6,
und das entstehende Bauernendspiel ist für Schwarz gewonnen:
Der weiße König wird durch Zugzwang zurückgedrängt und Schwarz erobert schließlich noch den Bf3 (das Endspiel wäre auch ohne das a-Bauern-Paar gewonnen, gerne mal ausprobieren!).
Somit war 1... f4 kein Patzer gewesen, wie Schwarz zunächst annahm, sondern eine Falle bzw. ein Schwindel (wenn auch ein witziger und origineller). Mit 2. Ke2 hätte Weiß das Endspiel nämlich remis halten können.
Also: Immer Vorsicht bei Zügen, die wie krasse Fehler aussehen, vielleicht handelt es sich ja um eine Falle! Schließlich könnte unser Gegner ja auch einmal einen guten Einfall gehabt haben😉
Danque fürs Lesen!
Kritik, Anmerkungen und ggf. Hinweise auf Fehler sind immer willkommen.
Man sollte im Schach immer misstrauisch werden, wenn der Zug des Gegners scheinbar ein völlig offensichtlicher, grober Patzer ist. Denn nicht selten handelt es sich dann um eine Falle.
So auch in folgendem Beispiel, das 1962 in Riga aufs Brett kam (Piskalnieti - Berzinsch):
8/p2rk3/R7/P3pp2/8/4KP2/8/8 b - - 0 1
Bei so wenigen Bauern, zumal in einem Turmendspiel, sind die schwarzen Gewinnchancen trotz des Mehrbauern äußerst schmal. Da kam dem Spieler ein witziger Gedanke; er hatte nämlich - kaum zu glauben! - ein potenzielles Mattbild erspäht. Natürlich musste Weiß dafür 'mitmachen', aber man konnte es ja zumindest mal probieren. Schwarz spielte also
1... f4+!?,
und Weiß ergriff freudig die Gelegenheit, diesen scheinbar groben Fehler mit
2. Ke4??
auszunutzen.
8/p2rk3/R7/P3p3/4Kp2/5P2/8/8 b - - 1 2
Denn 'offenbar' fallen jetzt hintereinander der schwarze e- und f-Bauer, ohne dass Schwarz noch etwas dagegen tun könnte?!
Hätte diese 'Offensichtlichkeit' Weiß nicht doch etwas stutzig machen sollen?
Wären nämlich der Bauer e5 und das Feld f5 unter schwarzer Kontrolle, so könnte Schwarz mit Td4 mattsetzen!
Kann man das denn erreichen? Ja, indem man den weißen Turm von der 6. Reihe abschneidet:
2... Td6!!
Und zu spät erkannte Weiß, dass er nun nicht 3. Txa7+ spielen darf, da nach Ke6 das erwähnte Matt durch Td4 nur noch durch Turmhergabe zu verhindern wäre:
8/R7/3rk3/P3p3/4Kp2/5P2/8/8 w - - 1 4
Aber da nach 2... Td6 der weiße Ta6 zwischen a7 und a5 eingequetscht ist, bleibt nur der Turmtausch
3. Txd6 Kxd6,
und das entstehende Bauernendspiel ist für Schwarz gewonnen:
8/p7/3k4/P3p3/4Kp2/5P2/8/8 w - - 0 4
Der weiße König wird durch Zugzwang zurückgedrängt und Schwarz erobert schließlich noch den Bf3 (das Endspiel wäre auch ohne das a-Bauern-Paar gewonnen, gerne mal ausprobieren!).
Somit war 1... f4 kein Patzer gewesen, wie Schwarz zunächst annahm, sondern eine Falle bzw. ein Schwindel (wenn auch ein witziger und origineller). Mit 2. Ke2 hätte Weiß das Endspiel nämlich remis halten können.
Also: Immer Vorsicht bei Zügen, die wie krasse Fehler aussehen, vielleicht handelt es sich ja um eine Falle! Schließlich könnte unser Gegner ja auch einmal einen guten Einfall gehabt haben😉
Danque fürs Lesen!
Kritik, Anmerkungen und ggf. Hinweise auf Fehler sind immer willkommen.