Kommentierte Spiele

Trifunovic - Bronstein 1957 (Auflösung zweite Hybridaufgabe)

Vabanque - 08.09.21    
Hier nun also die vollständige Partie mit allen Daten und der Schlusswendung, die zunächst Gegenstand einer Aufgabe gewesen war.

https://www.chessmail.de/forum/topic.html?key=d4038c7157e94f64..

Die Partie wurde 1957 beim Match UdSSR-Jugoslawien gespielt, das im damaligen Leningrad (vor und nach der Sowjetherrschaft: Petersburg) ausgetragen wurde. Bronstein traf dabei mit Schwarz auf den jugoslawischen (gebürtig in Dubrovnik, heute Kroatien) GM Petar Trifunovic. Trifunovic spielt allerdings weit unter seiner üblichen Form (möglicherweise spielte Angst vor dem gewaltigen Gegner dabei eine Rolle) und ließ sich aus einer ausgeglichenen, fast symmetrischen Stellung heraus (noch dazu mit einem Mehrtempo für Weiß!) durch scheinbar einfache Züge völlig überspielen.




[Event "URS-YUG"]
[Site "Leningrad URS"]
[Date "1957.07.??"]
[Round "6"]
[White "Petar Trifunovic"]
[Black "David Bronstein"]
[Result "0-1"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "C42"]

1. e4 e5 2. Nf3 Nf6 3. Nxe5 d6 4. Nf3 Nxe4 5. Qe2 Qe7 6. d3 Nf6 7. Bg5 {Eine
Variante, die dafür bekannt ist, Weiß einen leichten, aber nachhaltigen
Stellungsdruck zu geben. Schwarz wird früher oder später nichts Besseres haben,
als auf e2 die Damen zu tauschen, und damit Weiß ein Mehrtempo zu geben. Der
Partieverlauf wird aber zeigen, dass Bronstein mit Schwarz trotz des
Minustempos seine Stellung langsam, aber sicher verbessern kann, wenn Weiß ohne
'Biss' spielt, wie es hier der Fall ist.} 7... Nbd7 8. Nc3 Qxe2+ 9. Bxe2 h6 10.
Bf4 g6 11. O-O-O Bg7 12. h3 {Der Zug soll dem weißen Lf4 vermutlich das Feld h2
sichern, aber wie man bald sehen wird, ist dies keinesfalls ein gutes Feld für
den Läufer.} 12... Nb6 13. Nd2 {Der Zug soll wohl Lf3 ermöglichen, sieht für
mich aber gekünstelt aus. Vermutlich war es doch besser, dem Lf4 das Feld d2
offen zu halten.} 13... Nbd5 14. Nxd5 Nxd5 15. Bh2 {Da wird er nun für den Rest
der Partie stehen und das Geschehen quasi als unbeteiligter Zuschauer
verfolgen. Die weißen Figuren haben kaum Spiel, Schwarz steht bereits besser,
und das scheinbar ohne etwas Besonderes gemacht zu haben.} 15... O-O 16. Bf3
Nb4 17. a3 {Wenn Weiß diesen Zug vermeiden will und zur Deckung Kb1 spielt (wie
ein Kommentator vorschlug), erzwingt Schwarz mit Le6 trotzdem a3.} 17... Nc6
{Wenn Weiß nun nicht Sd4 zulassen will, muss er seine Königsstellung weiter
schwächen, was auch bei Abwesenheit von Damen nicht unbedingt gesund sein
muss.} 18. c3 a5 19. Rhe1 Bd7 20. d4 b5 {Da haben wir es schon! Weiß hat mit
den Bauernzügen a3 und c3 genügend Angriffsmarken geschaffen, dass Schwarz mit
b5-b4 auf jeden Fall Linien öffnen können wird.} 21. d5 $2 {Damit verstellt
Weiß auch noch die Diagonale des Lf3. Daher maße ich mir ein Fragezeichen an.}
21... Na7 {Natürlich geht der S nicht nach e5, wonach ihn unser 'Zuschauer' h2
tauschen könnte.} 22. Nb3 b4 23. axb4 axb4 ( {Nach dem verlockenden
'Zwischenzug'} 23... Ba4 $2 {würde Weiß mit} 24. Nxa5 $1 {die Qualität opfern,
und Schwarz könnte seinen Angriff erstmal vergessen.} ) 24. cxb4 $2 ( {Weiß
verpasst hier eine letzte Chance, mit} 24. c4 {Linienöffnung weitestgehend zu
vermeiden.} ) 24... Rfb8 25. Re4 {Was lässt sich über die weiße Partie sagen,
wenn eine Deckung eines Bäuerleins mit einer Schwerfigur nötig wird?} 25... Ba4
26. Rd3 f5 {Nun ist der Turm um gute Fluchtfelder verlegen, nach Tc4 käme ja
Lb5.} 27. Re7 {Gegenspiel?} 27... Rxb4 28. Bd1 Rc4+ 29. Kb1 Nc8 {Das
'Eindringen' auf die 7. Reihe hat sich als Fehlschlag erwiesen. Ein einzelner
Turm ohne 'a little help from his friends' richtet eben nichts aus.} 30. Re6
Kf7 31. g4 {Die letzten Versuche auf Gegenspiel.} 31... Ne7 32. gxf5 Nxf5
{Erstaunlich, wie plötzlich auch noch der Gaul ins Spiel kam! Weiß fesselt ihn
sofort.} 33. Rf3 Rb8 34. Bc2 {Die Gegendrohung auf f5 sieht auf den ersten
Blick ja noch ganz gut aus. Aber ...} 34... Rxc2 $1 { Das war der Zug, den
einige von euch auch gefunden haben. Weiß verliert jetzt mindestens eine
Figur.} (34... Rxc2 35. Kxc2 Bxb3+ 36. Rxb3 {wenn statt dessen der König
zieht, gabelt Lxd5 die weißen Türme} 36... Nd4+ {(der ist jetzt nämlich nicht
mehr vom Tf3 gefesselt!) nebst Sxd3 oder Txd3 mit schwarzer Mehrfigur.
Trifunovic streckte daher schon nach Txc2 die Waffen.} ) 0-1
toby84 - 08.09.21    
ich möchte die partie nicht unkommentiert sehen, nur weil eine aufgabe extrahiert wurde. ich fand es wieder schön, die analyse mit der aufgabe zu beenden. sie war von moderater schwierigkeit und schön zu lösen. die partie können sicher andere hier besser beurteilen als ich. das gefühl, dass weiß hier sukzessive seine stellung verschlechtert, stellt sich allerdings auch bei mir ein. überhaupt verstehe ich nicht, warum weiß erst groß rochiert und dann durchgehend an seiner damenbauernstellung herumfuhrwerkelt. ich nehme mal an, dass da so manche für mich unsichtbare drohung im spiel war, die ihn -zumindest gefühlt - dazu zwang.

in jedem fall danke für die partie und die aufgabe.
Alapin2 - 08.09.21    
Solche Partien habe ich mit weiß auch schon serienweise versemmelt. Damentausch, Anzugsvorteil, vielleicht Raumvorteil, kann doch eigentlich nichts schiefgehen... 3 oder 3 Doedelzuege, und starke Gegner schlagen zu...
Die Moral von der Geschicht: gerade in solchen "harmlosen" Stellungen :
"Besser ein schlechter (nicht" Schlechter 😊") Plan als gar einer"!
Alapin2 - 08.09.21    
GarKeiner!
Vabanque - 08.09.21    
Bei der momentanen Aufgaben- bzw. Lösewut im Forum stößt eine kommentierte Partie vermutlich nur auf Interesse, wenn sie mit einer Aufgabe verbunden wird😉

Das hat natürlich den Nachteil, dass das Posten der kompletten Partie anschließend kaum mehr wahrgenommen wird.

Einen weiteren Nachteil sehe ich darin, dass die Partieauswahl ziemlich stark eingeschränkt ist. Es muss zumindest eine Stelle in der Partie geben, wo es einen eindeutig besten Zug im Sinne des einzigen Gewinn- oder Remiszuges gibt. Es darf nicht mehrere gleichwertige Züge geben, und es dürfen auch keinerlei Unklarheiten bezüglich des Gewinn- oder Remisweges bestehen. Außerdem darf die gesuchte Wendung nicht zu schwierig sein. Dadurch scheiden z.B. die meisten Partien von Aljechin, Keres, Tal oder Kasparov ganz sicher aus. Man kann aber auch nicht tiefe strategische Konzepte wie in den Partien von Capablanca, Smyslov, Karpov oder Petrosjan als Aufgabe stellen.

Ich werde aber trotzdem nach geeigneten Partien suchen.

Momentan habe ich noch zwei fast fertig kommentierte Exemplare, eine Partie von Uhlmann und eine von Alapin (dem richtigen, ursprünglichen Alapin), wo es eine Stelle gibt, an der jeweils nur ein einziger Zug zum Gewinn führt, der dann gefunden sein will. Vielleicht bringe ich aber lieber doch Partien von Spielern mit 'zugkräftigeren' Namen, sofern ich da etwas finde, was die genannten Kriterien erfüllt.
toby84 - 09.09.21    
"Außerdem darf die gesuchte Wendung nicht zu schwierig sein."

im gegenteil. bring hier ruhig auch die dinger, auf die ich nicht komme. mir ging es hierbei ja gerade datum, die partie-sternstunden realitätsnäher zu erleben. das lief in strategietrainings früher ähnlich. man blieb immer mal wieder an relevanten stellen stehen und jeder hat für sich gegrübelt, wie die beste fortsetzung aussieht. ich war jung und oft genug war das viel zu schwer für mich, und dann habe ich mich gefreut, wenn ich trotzdem aus gefühl den besten zug gefunden habe 😊 und wenn nicht, dann halt nicht. hier habe ich zusätzlich das analysebrett. also trau dich und hau die echten klopper raus 🙂
Vabanque - 09.09.21    
Naja, da sprichst du aber indirekt noch ein weiteres Problem an: ich kann hier schlecht an mehreren relevanten Stellen 'stehen bleiben'. Sicher gibt es genug Partien, die an mehreren Stellen Aufgaben anbieten würden, aber wenn ich euch die Partie sozusagen 'scheibchenweise' präsentiere, immer paar Tage bis zur Auflösung warte, dann bis zur nächsten Aufgabe weiter kommentiere usw., dann verliert bestimmt auch der geduldigste Leser irgendwann das Interesse.

Und was die Schwierigkeit der Aufgaben betrifft, so weiß ich selber, wie das damit ist. Bei den schwierigen Sachen gebe ich meist auch relativ schnell auf. Ich fürchte, ich werde dann kaum Einsendungen kriegen.

Diese Partie war irgendwie ideal: nur rein positionelles Überspielen bis zum einen, einzigen, finalen taktischen Schlag, den ihr dann finden solltet und der auch nicht schwer zu finden war, ohne wiederum zu offensichtlich zu sein. Solche Partien finden sich nicht häufig.
Oli1970 - 10.09.21    
Tja, zum Spiel ist praktisch alles gesagt worden. Vielleicht ist dies ein kleines Manko an diesem Format - durch die Einschränkung, im Viewer keine Startposition angeben zu können, bieten sich Partien an, die lediglich einen Finalzug als Knaller bieten. Da die Kommentierung fast ausnahmslos ausführlich ist, bleibt zum Spiel selbst nur wenig zu sagen.

Erstaunlich ist jedenfalls, wie defensiv-passiv Trifunovic in der Partie bleibt. Ohne den Turnierverlauf zu kennen, kann man vielleicht vermuten, dass er auf ein Remis aus war und sich in falscher Sicherheit wog. Russisch gilt als relativ ruhige, remislastige Eröffnung (jedenfalls, wenn Weiß keinen Fehler macht), die Damen waren früh vom Brett, auch remisverdächtig. Dann der untypische Bauernzug nach g6 - und Trifunovic rochiert rein in die Läuferdiagonale! Merkwürdig. Bh3 nebst Lh2 kann man machen - aber in einer Stellung, in der es keine Anzeichen gibt, die Diagonale jemals nutzen zu können? Finde ich ebenfalls eine merkwürdige Entscheidung, denn forcieren hätte Weiß das wohl nicht können, da hätte Schwarz schon mitspielen müssen.

Bronstein hat bis dahin eigentlich nur das Spiel bedienen müssen, die Vorteile daraus entwickelten sich von selbst. Das Einfordern von Ba3 war natürlich gut gemacht, ebenso das doch untypische Sa7. Aber wohin hätte der Springer auch sonst gehen sollen? Zurück auf die Grundreihe und damit wieder die Türme trennen? Nein, da stand er schon gut und leistete noch Unterstützung für den Bb5. Warum jedoch Trifunovic überhaupt d5 zog, lässt sich wohl nur auf das überhaupt fehlende weiße Spiel zurückführen. Viel Auswahl gab es ja auch nicht. Nur in der Summe sind es einfach zu viele Ungenauigkeiten oder Nachlässigkeiten. Oder wie Bronstein mal meinte: Drei kleine Fehler entsprechen einem großen.

Bleibt noch festzustellen, dass auch der zweite Läufer bis zum 28. Zug ein Statist blieb, da gab es am Endspiel auch schon nichts mehr zu rütteln. Jener war es ja dann auch, der als gut gemeinte Deckungsfigur zum Mittelpunkt der wirklich schönen Abschlusskombination wurde.

Danke fürs Zeigen, Vabanque! Ein Viewer-Update mit der Möglichkeit Startpositionen angeben zu können, würde für dieses Format (und Partieaufgaben allgemein) sicher weitere Möglichkeiten eröffnen.