Kommentierte Spiele

Leicht, locker und lehrreich (IX): Charousek-Burn 1898

Vabanque - 07.10.18   ++
Der im Alter von 26 Jahren verstorbene ungarisch-tschechische Meister Rudolf (eigentl. Reszö) Charousek (1873-1900) nimmt in der Schachgeschichte eine Sonderstellung ein. Sein Name dürfte leider heute nur noch wenigen Schachfreunden geläufig sein. Charousek steht zwischen der 'alten' (heute meist romantisch genannten) Schule und der damals neu aufgekommenen (und als 'trocken' verschrieenen) Schule des Positionsspiels. Er spielte häufig das Königsgambit und andere zu seiner Zeit bereits 'veraltete' Eröffnungen (weswegen er oft als Romantizist oder Anachronist missverstanden wurde), gewann diese Partien aber selten in dem opferreichen 'brillanten' Stil der romantischen Schule. Er behandelte statt dessen die alten Gambiteröffnungen positionell und wickelte sogar in Gambiteröffnungen gezielt ins Endspiel ab. Daher wirken seine Partien, die vor über 100 Jahren gespielt wurden, heute noch (oder wieder!) erstaunlich modern. Hier möchte ich euch ein Beispiel dieser Behandlungsweise des Königsgambits zeigen.
SF Kellerdrache hatte in der Reihe 'Die Vergessenen' schon einmal eine Partie von Charousek gebracht: https://www.chessmail.de/forum/topic.html?key=df413c331ee64efd..
In der folgenden Partie spielt Charousek allerdings nicht gegen einen Amateur, sondern gegen einen führenden Meister seiner Zeit, nämlich Amos Burn (1848-1925), der ihn ein Jahr früher (beim Turnier Berlin 1897, in dem Charousek den 1. Platz belegte) sogar besiegt hatte.


Wegen weiterer biografischer Details siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Charousek


[Event "Casual Game"]
[Site "Cologne GER"]
[Date "1898.??.??"]
[Round "?"]
[White "Rezso Charousek"]
[Black "Amos Burn"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "C39"]

1. e4 e5 2. f4 {Selbst zu der Zeit, als diese Partie gespielt wurde, galt das
Königsgambit schon als veraltet. Charousek war einer der wenigen Spitzenspieler
der Jahrhundertwende, die sich auf diese Eröffnung spezialisiert hatten.
Ähnlich wie später auch Réti (der große Stücke auf Charousek hielt, und dies
wohl kaum nur deswegen, weil sie Landsleute waren), wandte Charousek das
Königsgambit jedoch als positionelle Eröffnung an, und er hat es damals
deswegen auch um viele neue Ideen bereichert, aus denen wir heute noch etwas
lernen können.} 2... exf4 3. Nf3 g5 {Wahrscheinlich die älteste Verteidigung
des Königsgambits, und auch heute noch die meistgespielte! Das Ideal des
Schwarzen wäre eine Bauernkette f4-g5-h6 mit einem Läufer auf g7. Der nächste
weiße Zug verhindert dies und ist deswegen positionell am logischsten.} 4. h4
{Da h6 jetzt keine Deckung wäre (wegen des ungedeckten Turms auf h8 könnte der
schwarze h-Bauer nach dem weißen hxg5 ja gar nicht zurückschlagen) und f6 eine
schreckliche Schwächung sowohl der Diagonalen c4-f7 wie auch h5-e8 darstellen
würde, bleibt ihm nur, den Traum von der Bauernkette aufzugeben.} 4... g4 5.
Ne5 {Das Kieseritzky-Gambit, im Gegensatz zum riskanteren Allgaier-Gambit, wo
Weiß Sg5 spielt und nach h6 gezwungen ist, auf f7 zu opfern, eine Spielweise,
die dem Positionsspieler Charousek natürlich niemals eingefallen wäre.} 5...
Bg7 ( {Die heutige Theorie berücksichtigt hauptsächlich} 5... Nf6 {, z.B.} 6.
Bc4 d5 {, um schnell die Entwicklung voranzutreiben und ein Gegenspiel im
Zentrum einzuleiten, aber der von Burn gewählte Textzug ist auch spielbar und
vor allem auch logisch, da er nicht nur eine Figur entwickelt, sondern auch
sofort den Se5 befragt.} ) 6. d4 {Nun wird Schwarz Lxf4 nur noch durch
unnatürliche Züge wie Df6 verhindern können, und der Bauer g4 ist auch
todgeweiht, wenn Schwarz nicht auf die (nahezu selbstmörderische) Idee h7-h5
verfällt.} 6... Nf6 7. Nxg4 Nxe4 8. Bxf4 {Nun ist das Gambit ja gar keins
geworden, da Weiß seinen Bauern wiederbekommen hat. Das strategische Ziel des
Königsgambits, nämlich die frühzeitige Öffnung der f-Linie, hat Weiß erreicht,
allerdings auf Kosten der Auflockerung des eigenen Königsflügels mittels h4.
Aber auch die schwarzen Königsflügelbauern sind zersplittert, die Felder f5,
f6, h5, h6 schwach (da sie nicht mehr von einem Bauern gedeckt werden können
und somit der Figurendeckung bedürfen). Die kurze Rochade sieht für beide
Seiten nicht mehr sehr gemütlich aus. Wer hat die besseren Chancen? Ich würde
hier lieber mit Weiß spielen (was sich wohl auch Charousek dachte).} 8... Qe7
$6 {Scheinbar unangenehm für Weiß, der nun mit den Drohungen Sc3+ (mit
Damengewinn!) und Db4+ rechnen muss.} 9. Qe2 {Ein Bauernopfer. Nun wird es also
doch wieder ein echtes Gambit. Trotzdem bleibt das Spiel positionell. } 9...
Bxd4 ( {Nun wäre} 9... Qb4+ $2 {wegen} 10. c3 {freilich ungünstig (die De2
deckt jetzt b2)} ) 10. c3 Bg7 11. Ne3 $1 {Obwohl Weiß hier mit einer schon
mehrmals gezogenen Figur noch einmal zieht, ist dieser Zug sehr stark, weil nun
sowohl Sd5 wie auch Sf5 droht. Der nächste Zug von Schwarz pariert beide
Drohungen, stellt die Dame aber nicht gerade auf ein Traumfeld.} 11... Qe6 (
{Die Alternative war} 11... Nf6 12. Nf5 $1 Qxe2+ 13. Bxe2 {, und da g7 und c7
hängen, erobert Weiß den geopferten Bauern mit besserem Spiel zurück:} 13...
O-O 14. Bxc7 {und Schwarz hat drei isolierte Bauern und so einige schwache
Felder.} ) 12. g3 {Bei unvollständig entwickeltem Spiel ein Bauernzug? Dieser
ist jedoch ein Entwicklungszug; der Lf1 soll nach g2 oder h3 entwickelt werden.
Außerdem festigt der Zug die Punkte f4 und h4.} 12... O-O 13. Bh3 f5 (13... Qa6
$5 {sieht interessant aus, aber auf solche 'langen' Damenschwenks kommt man
nicht so leicht. Der Aufzug des f-Bauern schwächt die schwarze Königsstellung
weiter, die weißen Figuren stehen aber (noch) nicht so, dass sie das ausnutzen
könnten.} ) 14. O-O {Wer hätte es gedacht, dass nun beide Seiten doch kurz
rochieren würden? Trotz Aufzug beider Rochadebauern ist die weiße
Königsstellung so gut wie unangreifbar, vor allem weil Schwarz keinen g-Bauern
mehr hat, den er als Rammbock benutzen könnte.} 14... d6 15. Nd2 {Natürlich
muss die am stärksten stehende schwarze Figur befragt werden. Weiß beabsichtigt
aber nicht nur einen reinen Abtausch auf e4. Er droht vielmehr mit Sxf5 oder
Lxf5 die Standfestigkeit des schwarzen Se4 zu untergraben, daher tauscht
Schwarz vorsichtshalber gleich selbst:} 15... Nxd2 16. Qxd2 Nc6 17. Rae1
{Zeigt, dass die schwarze Dame nicht günstig steht; es droht Sxf5. Aber hat
Charousek nicht gerade den a-Bauern eingestellt?} 17... Qf7 ( {Burn verschmäht
ihn, da nach} 17... Qxa2 18. Nd5 {seine Dame vom Puls des Geschehens
abgeschnitten wäre.} ) 18. Bg2 {Dieser Läufer hatte auf h3 keine Perspektive
mehr.} 18... Kh8 ( {Burn geht zur Sicherheit aus der Diagonalen d5-g8. Beim
Nachspielen der Partie glaubte ich (und möglicherweise glaubten beide Spieler
während der Partie dies auch!), Schwarz könnte jetzt nicht den natürlichen Zug}
18... Be6 $5 { spielen wegen} 19. Nxf5 $5 Bxf5 $1 (19... Qxf5 20. Bxd6 $1 (20.
Rxe6 $4 Qxe6 21. Bd5 Bd4+ $1 {(von mir genauso übersehen wie in der Variante
mit 19... Lxf5) und Schwarz verbleibt mit einem Mehrturm!} ) ) 20. Bd5 {,
scheinbar mit Gewinn, doch der Blechesel zerschlug mir den ganzen schönen
Gewinn mit dem gemeinen Gegenschlag} 20... Bd4+ $1 21. Qxd4 $1 Nxd4 22. Bxf7+
Rxf7 23. cxd4 {und Remis (hier sind die ungleichen Läufer mal wirklich
Remisfiguren!)} ) 19. Nd5 $1 {Nun kann Charousek die Entwicklung des
weißfeldrigen Läufers von Schwarz nämlich verhindern.} 19... Ne5 ( {Denn auf}
19... Be6 $4 {käme jetzt} 20. Nxc7 $1) 20. Bg5 $6 {Um nach dem zu erwartenden
c6 dem Sd5 das Feld f4 freizumachen, wie es sogleich auch geschehen wird. Eigentlich eine schöne Idee; hier
war sofortiges h5 jedoch eindeutig stärker.} (20. h5 $1 c6 $2 21. h6 $1) 20...
c6 $6 {Diese Vertreibung des Sd5 ist eine sehr natürliche Reaktion, allerdings
wird der Sd5 damit auf ein Feld getrieben, wo er, wie sich bald zeigen wird,
nicht minder wirksam steht. Außerdem hängt nach dem Wegzug des Sd5 der Bauer
d6.} ( {Nun hätte Burn doch die Gelegenheit ergreifen können, mit} 20... Be6
$1 {nebst Tae8 seine Entwicklung abzuschließen.} ) 21. Nf4 $1 {Charousek hat
erkannt, dass Schwarz nun nicht mit h6 den Lg5 fangen kann (siehe die folgende
Anmerkung). Also muss sich Schwarz um seinen jetzt hängenden d-Bauern kümmern. Aber dessen Vorrücken wird den Punkt e5 schwächen.}
21... d5 ( {Denn} 21... h6 $2 {würde das Feld g6 schwächen, so dass darauf sehr
hübsch} 22. Be7 $1 Qxe7 23. Rxe5 $1 Qxe5 {(auch andere Schlagweisen ermöglichen
die Gabel auf g6)} ( {oder} 23... Qf6 24. Re7 $1 {(wieder gestützt auf die Gabel Sg6) gefolgt von Tfe1 und ggf. Sh5} ) 24. Ng6+ {erfolgen könnte.} ) 22.
h5 $1 {Der h-Bauer, obwohl kein Freibauer, wird nun eine ernste Gefahr für
Schwarz.} 22... Bd7 $2 {Verliert forciert, aber plötzlich ist es sehr schwierig
geworden, eine ausreichende Verteidigung für Schwarz zu finden.} ( {Auf} 22...
h6 {wäre nämlich bereits} 23. Bxh6 {möglich, da der überlastete Lg7 nicht e5 und h6 zugleich decken kann.}) (
{Und} 22... Bf6 23. Bxf6+ Qxf6 24. h6 $1 {mit der Drohung Sh5 nebst ggf. Dd4
sieht erst recht übel aus für Schwarz. Ähnlich kommt es nun aber auch in der
Partie, und zwar sogar forciert! Wieder mal ist der Abtausch des Schutzläufers der Schlüssel zur Erstürmung der Rochadestellung.} ) 23. h6 $1 Bf6 24. Bxf6+ Qxf6 25. Nh5 {Der Bauer h6 ist nun durch die weiße Dame gedeckt.} Qd6 (
{auch} 25... Qg6 {hilft nicht wegen} 26. Qd4 $1 {und Schwarz kann gar nicht auf h5 nehmen wegen Dxe5+ nebst Matt auf g7 - mit Dank an den Bauern h6!} Rae8 27. Rxe5 {und wieder gewinnt Weiß. Man erkennt jetzt, wie sehr der schwarze Zug 21... d5 den Punkt e5 geschwächt hat und wie verhängnisvoll dies für Schwarz geworden ist.}) 26. Rxe5 $1 Qxe5 27. Re1 {Die Pointe der weißen
Kombination; die schwarze Dame muss die Diagonale d4-h8 aufgeben, wonach Dd4+
sofort entscheidet. Als Alternative bliebe also nur, die Dame auf e1 zu geben, was Burn aber keinen Spaß mehr machte, weswegen er lieber aufgab. Ein lässig-eleganter Schluss, hingetupft von Meisterhand.} 1-0


Ein paar allgemeine Prinzipien, die durch diese Partie illustriert werden, sind mir auch diesmal eingefallen (natürlich wieder mal zu lang geraten, wie immer):

1) Bauernopfer in der Eröffnung können auch positioneller Natur sein. Man kann nicht nur Entwicklungsvorsprung und offene Linien bzw. Diagonalen für den Bauern eintauschen (was ja normalerweise der Sinn und Zweck des Gambitspiels ist). Hier erhält Weiß für den Bauern starke Felder, während Schwarz mit Felderschwächen verbleibt. Diese sind dann statische Nachteile für den Verteidiger, die sich nicht so einfach verflüchtigen können wie ein Entwicklungsrückstand. Schwarz kann seinen König schlecht in der Mitte lassen, aber wenn er rochiert, ist er von schwachen Feldern umgeben.

2) Frühzeitige Drohungen des Verteidigers (hier 8... De7), die sich abwehren lassen, schlagen meist zum Nachteil aus. Hier steht die schwarze Dame auf e7 letztlich nur für weiße Belästigungen günstig und kommt nicht mehr so schnell auf ein gutes Feld (auf e6 wird sie später durch Lh3 und Tae1 beunruhigt).

3) Eine Rochadestellung, bei der die Rochadebauern bereits exzessiv gezogen haben, erscheint dem Auge geschwächt. Es kommt allerdings - wie bei allen Schwächen - darauf an, ob der Gegner etwas damit anfangen kann. Hier sind bei der weißen Rochadestellung ja theoretisch die Felder h3, g4, f3 'schwach' in dem Sinne, dass sie von keinem Bauern mehr geschützt werden können. Aber Schwarz hat keine Möglichkeit, in diese Felder einzudringen. Ebenso sind Rochadebauern auf g3 und gar h4 ja eigentlich klassische Angriffsmarken, die Schwarz hier aber ebenfalls nicht ausnutzen kann, weil er gegen h4 nur mit einem Bauern auf g5 oder mit einem Figurenopfer auf h4 vorgehen könnte, was beides hier unmöglich ist. Ebensowenig kommt er an g3 heran. Die schwarze Rochadestellung sieht im Gegensatz dazu optisch eigentlich weniger 'luftig' aus als die weiße; in Wirklichkeit ist sie aber deutlich schwächer, wie sich in der Folge zeigt: weiße Figuren und Bauern können sich ganz in der Nähe des schwarzen Königs festsetzen und dort große Wirkung ausüben.

4) Figuren, die dicht vor der gegnerischen Königsstellung 'herumtanzen', sind potenzielle Opferfiguren (vor allem wenn sie dort belästigt werden). Dies sieht man bereits in der Variante 1. e4 e5 2. f4 exf4 3. Sf3 g5 4. h4 g4 5. Sg5 (statt des hier geschehenen Se5) h6, das den Weißen zu 6. Sxf7 zwingt. In der Partie opfert sich in der Variante zum 21. Zug von Schwarz (21... h6) der weiße Lg5 sehr hübsch auf e7, was hier möglich ist, da der Befragungszug h6 das Feld g6 tödlich schwächt (dessen Schwächung schon durch das frühere f7-f5 vorbereitet wurde). Sind statt 3 Rochadebauern nur noch 2 vorhanden (so wie hier), kann jeder weitere Aufzug dieser Bauern umso fataler sein.

5) Die Stärkung eines Punktes kann zur Schwächung eines anderen führen. Hier stärkt Schwarz durch c6 nebst d5 seinen Punkt d5 und seinen d-Bauern, schwächt aber e5, was ihm schnell zum Verhängnis wird.

6) Reine Figurenangriffe sind selten Erfolg versprechend; meist muss noch ein bescheidenes Bäuerlein vorpreschen, um den Figuren die entscheidende Unterstützung zu gewähren. Hier ist es der weiße h-Bauer, der zwar untypischerweise nicht auf einen schwarzen g-Bauern als Angriffsmarke stößt (es geht hier ja auch nicht um Linienöffnung), aber der durch sein Vorrücken bis nach h6 (das hier nicht durch schwarzes h7-h6 gestoppt werden kann!) den schwarzen Schutzläufer belästigt bzw. dort auch noch bei Mattwendungen mithilft.
Oli1970 - 07.10.18   +
Wow, da steckt ja einiges an Arbeit drin! Nahezu jeder Zug ist kommentiert, die Ideen beider Seiten hinter den Zügen analysiert und dargestellt. Spielerherz, was willst Du mehr?

Viele der großen Schachspieler scheinen nicht aus Altersgründen zu sterben, Charousek senkt den Durchschnitt nochmal erheblich. Immerhin war es ihm in seiner kurzen Schachkarriere 1896 möglich, Emanuel Lasker zu besiegen. In diesem Turnier starten durfte er auf Empfehlung von Géza Maróczy - weil Amos Burn abgesagt hat. Wie das Leben manchmal so spielt.

Das Turnier, dem diese Partie entnommen ist, beendete Burn dennoch auf dem ersten Platz, Charousek, Cohn und Tschigorin landeten punktgleich hinter ihm. Wer wissen will, wie die Punkteverteilung aussah und wie hoch die Preisgelder waren, kann dies brandaktuell in der NY Times nachlesen: https://timesmachine.nytimes.com/timesmachine/1898/08/20/10212..

Burn präsentiert sich zunächst als Meister der Verteidigung. Man kann wohl sagen, Charousek war ein Experte in Sachen Königsgambit. Trotzdem findet Burn lange Zeit die richtigen Antworten.

Im 13. Zug fiel auch Dc6 eine mögliche Alternative mit der Idee der Springergabel auf g3 und Turmgewinn bei Schachgebot auf. Das wäre aber durch einfaches Lg2, was ja gerade vorbereitet wurde, zu verhindern gewesen. Schade auch.

Die Variante Dxa2 zum 17. Zug ist womöglich gar nicht so schlecht. Auch hier hätte Lxd4+ im Tausch gegen den Springer funktioniert. Weiß hätte zwei Bauern weniger und dafür zwei Isolani im Team gehabt. Nach folgendem Lg2 wäre Burn der Damentausch geblieben und die Partie trotzdem remisverdächtig geworden. Als Favorit (Burn war zu der Zeit einer der richtig guten) gegen den international noch relativ unerfahrenen Charousek war ihm das vielleicht zu wenig.

Sehr schön herausgearbeitet finde ich die verzwickten Varianten um den 18. Zug. Zumindest für mich sind die nicht im Ansatz zu überblicken, hier musste ich mir Siliziumpower zur Unterstützung holen. Ob Burn überhaupt gerechnet hat oder sich schlicht sagte, dass König hinter Dame selten gut ist und einfach die offensichtlichste Möglichkeit wählte, dem aus dem Weg zu gehen?

Es ist erstaunlich, dass beide Spieler sich so lange praktisch keine Fehlzüge erlauben. Man kann sicher drüber streiten, ob nicht Zug xy eine Nuance besser gewesen wäre, faktisch ist das Spiel aber bis zum 22. Zug ausgeglichen. Weiß hat nicht viel mehr als den Anzugvorteil (was natürlich ein schweres Pfund ist), Schwarz ist in der Rolle des Verteidigers, die er bis dahin aber problemlos ausfüllt. Bis er Ld7 zieht. Die einzige Erklärung ist der Wunsch, den zweiten Turm zu aktivieren, um die e-Linie zu sichern. Mit h6 war nach vorherigem h5 sicher fest zu rechnen. Die richtige Lösung an der Stelle wäre laut elektronischem Abakus Sc4 gewesen - Weiß hätte eine Lösung zur Verhinderung von Remis durch Zugwiederholung finden müssen.

Von beiden Seiten sehr solide gespielt, bis Burn im 22. der Fehlzug unterlief. Vermutlich ist es einer der Fälle des psychologischen Faktors, der dem Spieler sagt: "Hey, 22 Züge und was hast Du aktiv gemacht? Mach mal was!"

Bei diesen positionellen Spielen bin ich allerdings frühzeitig draußen. Diese Früchte hängen doch zu hoch für mich am Baum. Es sieht zwar alles logisch und nachvollziehbar aus, leicht und locker kriege ich sowas aber nicht aufs Brett. Schwer und verkrampft auch nicht. :-D
Vabanque - 08.10.18    
>>Das Turnier, dem diese Partie entnommen ist, beendete Burn dennoch auf dem ersten Platz, Charousek, Cohn und Tschigorin landeten punktgleich hinter ihm. Wer wissen will, wie die Punkteverteilung aussah und wie hoch die Preisgelder waren, kann dies brandaktuell in der NY Times nachlesen: https://timesmachine.nytimes.com/timesma..
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Dabei war ich doch davon ausgegangen, dass mit 'Cologne' das gute alte deutsche Kölle gemeint war ... sollte ich da im Irrtum sein, und das Turnier fand statt dessen in einer der vielen US-amerikanischen Städte statt, die ebenfalls so heißen (im Prinzip haben die Amis ja in ihrem Land jede europäische Stadt kopiert ... )?
Da aber im Artikel die Preisgelder in 'Marks' angegeben sind, gehe ich mal davon aus, dass ich Recht hatte, und das Turnier fand wirklich im deutschen Köln statt ... dann aber ist es wiederum merkwürdig, dass Kellerdrache hier noch nicht reagiert hat ;-)
Kellerdrache - 08.10.18   +
Ja, ich bin mir sicher, dass dieses Turnier in meiner Heimatstadt stattgefunden hat. Der ewig mittellose Charousek hätte wohl kaum das Geld für eine USA-Reise zusammen bekommen.
Was Vabanque in seiner Kommentierung schreibt kann ich nur bestätigen. Anders als frühere Generationen haben die heutigen Spieler eher Angst vor taktischen Gemetzeln und spielen selbst Gambits eher positionell. Deshalb vermeiden viele auch die klassischen Varianten, die objektiv die besten Chancen bieten.
Charousek selber war ja (zurecht) eigentlich als begnadeter Taktiker bekannt spielt das hier als positionelle Partie sehr schön. Da ich selber Königsgambit spiele kamen mir die meisten weißen Züge sehr natürlich vor (sprich: hätte ich auch gemacht). Die, meiner Meinung nach, entscheidensten Züge (Se3 und g3) habe ich aber natürlich nicht gefunden. Dabei erweist sich vor allem g3 als sehr wichtig, weil dadurch der Läufer entscheidend ins Spiel eingreifen kann. Vor allem die Drohungen über die Diagonale a2-g8 waren mir komplett entgangen. Der Schluß indem Charousek dann die Dame von der kritischen Diagonalen ablenkt ist auch taktisch wieder hübsch.
Kellerdrache - 08.10.18    
@Vabanque: Ich hab am Sonntag selber Nahschach gespielt und eine schöne Königsgambitpartie durch Vertauschung der Zugreihenfolge vergeigt (Merke: Erst fesseln, dann die 'gedeckte' Figur schlagen. Umgekehrt funktioniert nicht!). Deshalb erst heute mein Kommentar
Kellerdrache - 08.10.18    
Die europäischen Einwanderer in die USA waren im allgemeinen nicht sehr phantasiereich, sondern haben für ihre neue Heimat einfach dem Namen ihrer alten Ursprungsstadt genommen. Wenn sie ganz verwegen waren habe sie noch ein 'New' davor gesetzt (wie bei New York - York in England, New Orleans - Orleans in Frankreich, Heimat der berühmten Jungfrau). Die Spanier haben in der Regel irgendwelche Heiligennamen genommen (San Francisco, Santa Barbara).
Naja, was soll ich mosern, da der Name meiner Stadt im Ursprung einfach Kolonie heißt.
Vabanque - 08.10.18    
Tja, bei meiner Heimatstadt weiß ich den Namensursprung gar nicht, und es gibt auch kein Pendant in den USA dazu, glaube ich zumindest ...
Kellerdrache - 08.10.18    
Wahrscheinlich hat es, viel anständiger als Köln, was mit Mönchen zu tun ;-))
Vabanque - 08.10.18    
Ja, daher soll der Name angeblich (!) stammen. Aba gwis woaß ma's ned ...
Kellerdrache - 08.10.18   +
@Oli1070: Wie hat sich dein Blechesel denn den Fortgang der Partie nach 22..Sc4 vorgestellt ? Zwingende Zugwiederholung sehe ich erstmal (z.B. nach 23.Df2) nicht. Aber das kann an mir liegen
Oli1970 - 08.10.18   +
Nee, passt schon. Genau das meinte ich, Weiß muss selbst umstellen, er kann die Dame nicht auf seinem Wunschfeld belassen; er sollte Ld4+ verhindern und vielleicht b2 schützen. Wenn er zu hartnäckig an seinem Feld festhält, geht Schwarz einfach zurück und das Spiel beginnt von vorn.
haribo02 - 08.10.18   +
@Kellerdrache
@Oli1970
Also, da habe ich auch auch nicht gesehen, zumal meine
"Blechkiste " nach 22.Sc4 mir Dc1 ansagt!
Nach 23.Lf6 Lxf6 24.Dxf6 b3 und der schwarze Springer muss
zurück...
22.Ld7 war trotzdem der Zug, der die Niederlage einleitet .
Ab dann geht es schnell, Charousek spielt fehlerlos und eindrucksvoll, Burn dagegen sah nie wirklich gefährlich aus!
Eine schöne Partie und sehr detailliert erklärt, hat wieder Spaß
gemacht:-)
Oli1970 - 08.10.18   +
@kellerdrache und @haribo02:
Ich hatte eine Möglichkeit im Sinn, wenn Weiß an der d-Linie festhalten und als kleine Falle seinen Bauern anbieten möchte: 23. Dd3 Sxb2 24. Dc2 Sc4 25. Te7 - wenn die Falle erkannt wird, ginge der Springer nach 23. Dd3 einfach zurück auf e5, Weiß könnte als beste Wahl zurück auf d2 spielen und es geht auf Neustart. Nur in diesem Sinne ist er gezwungen, umzubauen, denn Schwarz hat keinen Grund, sein Verhalten zu ändern. Sorry, wenn mein Wortlaut oben die ultimative Lösung suggerierte.
Als stärksten Zug auf Sc4 liefert mir der heimische Magier Df2, auf Dc1 errechnet er im Schnellwaschgang einen - nicht der Rede werten - Vorteil für Schwarz.