Weitere Schachthemen

MIttelgambit

Tschechov - 05.12.20   +
Neulich lieh ich mir ein Buch zur Italienischen Eröffnung aus, Einer der Autoren, der IM Georgios Souleidis, bezeichnet darin 1e4 e5 2.d4 als "dubioses Zeug". Das Mittelgambit (vom Nordischen Gambit soll hier nicht die Rede sein) wird also von ihm verworfen. Meine eigene Bilanz mit dem klassischen Mittelgambit (1.e4 e5 2 d4 e5xd4. 3 D1xd4 ist jedoch durchaus positiv (10 Siege, 7 Niederlagen, 4 Remis). Bei einem so mittelmäßigen Spieler wie mir ist das natürlich nicht unbedingt aussagekräftig. Was sagen stärkere Spieler dazu? Spielbar? Und wenn ja, bis zu welcher Spielstärke?
Vabanque - 05.12.20    
Vor ca. 100 Jahren wurde diese Eröffnung sogar auf GM-Niveau gespielt, z.B. von GM Mieses, der ja auch mit Schwarz Skandinavisch spielte. Allerdings war und ist es nicht jedermanns Geschmack, die Dame so früh rauszubringen. Zumindest ein Tempo muss sie ja nach 1. e4 e5 2. d4 exd4 3. Dxd4 Sc6 noch verlieren. Im Gegensatz zu Skandinavisch (1. e4 d5 2. exd5 Dxd5 3. Sc3) kann die weiße Dame recht gut nach e3, weil der weiße e-Bauer ja schon nach e4 gezogen ist. Weiß kann allerdings auch 4. Da4 spielen.
Die Theorie schätzt die Eröffnung wohl so ein, dass Schwarz keine Schwierigkeiten hat, zum Ausgleich zu kommen, aber dies sagt meiner Erfahrung nicht sehr viel für die Praxis aus. Es gibt so einige Varianten, die als theoretisch harmlos gelten und in der Praxis brandgefährlich sind. Für Letzteres halte ich 3. Dxd4 nun allerdings nicht ;-)
Alapin2 - 05.12.20   +
Hatte eine Partie von Karpov im Hinterkopf,in der er als Schwarzer große Schwierigkeiten hatte.Er wich,wohl aus Unsicherheit,im 4.oder 5. Zug von der Theorie ab (g6 nebst Lg7) und erreichte mit Mühe ein Remis.
Auf der Suche stieß ich auf eine Schachseite,der ich entnahm,daß Karpov insgesamt 4 Partien gegen das Mittelgambit gespielt hatte ( 2+,2=).Da seine Bilanz
mit Damenindisch als"Indianisch der Königin" angegeben wurde,hatte ich keine Lust mehr weiter zu suchen...Vielleicht hat jemand mehr Glück...
@ Vabanque : Bei lauem Gegenspiel IST m.E. 3.Dd4: durchaus brandgefährlich :
Immerhin rochiert weiß lang und spielt auf Königsangriff ! Im normalen Turnierschach stellt sich für den Schwarzen auch die Frage : "Wie ging das noch gleich?";kostet Zeit + macht nervös ! Das sieht hier beim Fernschach natürlich anders aus.
Vabanque - 05.12.20    
>>Da seine Bilanz
mit Damenindisch als"Indianisch der Königin" angegeben wurde<<

Huch, das klingt wie eine Google-Übersetzung von 'Queen's Indian'.
Vabanque - 05.12.20    
>>@ Vabanque : Bei lauem Gegenspiel IST m.E. 3.Dd4: durchaus brandgefährlich :
Immerhin rochiert weiß lang und spielt auf Königsangriff !<<

Ja, das ist die Idee. Spielmann versuchte dies 1937 gegen Eliskases und ging wie folgt baden:

https://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1811558

Sehr instruktiv, wie das schwarze Gegenspiel gegen die weiße lange Rochade die Oberhand gewinnt.

Berühmter freilich die schöne Partie, wo Mieses mit Weiß gegen Capablanca sogar die Qualität (gegen einen Bauern) gewinnt und die Stellung nach dem 18. Zug doch sehr vorteilhaft, wenn nicht sogar gewinnträchtig für Weiß aussieht:

https://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1096558

Capablanca weist aber nach, dass in dieser Stellung sein Läufer mindestens so viel wert ist wie ein weißer Turm. Wieder ist es der schwarze Angriff gegen die weiße lange Rochade, welcher die Partie entscheidet.
Alapin2 - 05.12.20   +
@ Vabanque ....habe eine alte Ausgabe des "Kaissiber" in meinem Fundus entdeckt (zum Glück nicht verliehen!),mit 21 Seiten nur Mittelgambit.Alles höchst kompliziert und theoriebeladen.
Hier nur soviel : Bei Spielmann-Eliskases wird 9) Sf3 ,statt f3, als Verbesserung angegeben. Mieses - Capablanca soll im 22.Zug nach Damentausch nebst Te7 zum einfachen Gewinn für weiß ausreichen.
Shirov traute sich gegen Karpov,allerdings mit weissem Verlust....Mick Adams erhielt eine leicht bessere Stellung gegen keinen Geringeren als Anand... Also,sooo einfach scheint die Angelegenheit nicht zu sein...
Vabanque - 06.12.20    
>>Mieses - Capablanca soll im 22.Zug nach Damentausch nebst Te7 zum einfachen Gewinn für weiß ausreichen.<<

Mit dem 'einfachen Gewinn' ist es immer so eine Sache. Würdest du dir zutrauen, diese Stellung nach dem Damentausch gegen Capablanca zu gewinnen? ;-) (Ich nicht.)

Interessant vielleicht, was Capa selber dazu schreibt:

'Qxc6 would have given White a decided advantage, enough to win with proper play. Mieses, however, feared the difficulties of an ending where, while having the Exchange, he would be a pawn minus. He preferred to keep the Queens on the board and keep up the attack. At first sight, and even after careful thought, there seems to be no objection to his plan; but in truth such is not the case. From this point the game will gradually improve in Black's favor until, with the Exchange ahead, White is lost.'
Vabanque - 06.12.20    
>>Shirov traute sich gegen Karpov,allerdings mit weissem Verlust<<

Hab ich mir auch angeguckt, wenn auch nur flüchtig:

https://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1069232

Das scheint sehr schnell fürchterlich schief für Weiß zu laufen, was mich in dem Eindruck bestärkt, dass der weiße Plan mit der langen Rochade wirklich 'brandgefährlich' ist, aber für Weiß selbst!

>>Mick Adams erhielt eine leicht bessere Stellung gegen keinen Geringeren als Anand<<

Adams ist aber auch kein 'Geringer' :-)

Die Partie verlief in der Tat unspektaktulär und ohne besondere Höhepunkte:

https://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1014556

Bemerkenswert nur, dass Adams als Weißer hier Anand Bauernschwächen am Königsflügel zufügen konnte, die im Endspiel nahezu Partie entscheidend aussehen, es dann aber offenbar doch nicht sind.
Vabanque - 06.12.20    
>>Also,sooo einfach scheint die Angelegenheit nicht zu sein...<<

Unterm Strich: Die Eröffnung ist auch auf GM-Niveau durchaus spielbar, kommt aber auf fast allen Spielebenen selten vor, woran das auch immer liegen mag. Meine Vermutung ist ja immer noch, dass man ungern mit der 'frühen Dame' spielt.
Vabanque - 06.12.20    
>>Hatte eine Partie von Karpov im Hinterkopf,in der er als Schwarzer große Schwierigkeiten hatte.Er wich,wohl aus Unsicherheit,im 4.oder 5. Zug von der Theorie ab (g6 nebst Lg7) und erreichte mit Mühe ein Remis.<<

Weißt du vielleicht noch, gegen wen da Karpov spielte?

Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet Capablanca und Karpov, die ja zu den Spielern mit dem sichersten Positionsgefühl gerechnet werden, offenbar des Öfteren ins Straucheln gerieten, wenn sie durch selten gespielte Eröffnungen aus ihren gewohnten Bahnen gerissen wurden. Man denke nur an die berühmte Verlustpartie von Karpov gegen Miles, wo dieser als Schwarzer mit a6 und b5 eröffnete. Oder an die von SF Oli1970 kürzlich in den Kommentierten Spielen gezeigte Verlustpartie von Capablanca gegen Lilienthal, wo Letzterer mit einer unkonventionellen Behandlung der Nimzo-indischen Verteidigung mit Weiß aufwartete.
Alapin2 - 06.12.20    
@Vabanque ...zur Partie Shirov-Karpow gibt der Exweltmeister im Informator Nr.63
selbst den Verbesserungsvorschlag 12) Df2 ((statt Dh2)).Nach 3 weiteren Zügen dann "Mit Gegenspiel"(für schwarz !).Trotzdem steht weiß dann gut.
Alles schön taktisch+scharf ! Wer sowas mag, ist,glaube ich,mit dem Mittelgambit nicht soo schlecht beraten !
P.S.: Der Blog fing damit an,daß IM Souleidis dies"dubiose Zeug" nicht ernst nahm.
Ich behaupte mal,ihm wuerde mit Schwarz gegen Shirov,Adams,Morosewitsch (1:0 gegen Hebden) in dieser Eröffnung ganz schön die Hose schlottern !
Vabanque - 06.12.20    
>>zur Partie Shirov-Karpow gibt der Exweltmeister im Informator Nr.63
selbst den Verbesserungsvorschlag 12) Df2 ((statt Dh2)).Nach 3 weiteren Zügen dann "Mit Gegenspiel"(für schwarz !).Trotzdem steht weiß dann gut.
Alles schön taktisch+scharf ! Wer sowas mag, ist,glaube ich,mit dem Mittelgambit nicht soo schlecht beraten !<<

Das hätte dann ja eigentlich Shirov gut liegen müssen, sogar besser als Karpov. Trotzdem zeigt es sich immer wieder, dass ausgesprochene Angriffsspieler und eigentlich glänzende Taktiker gegen tiefe Strategen mit ihren Angriffen scheitern.

>>Ich behaupte mal,ihm wuerde mit Schwarz gegen Shirov,Adams,Morosewitsch (1:0 gegen Hebden) in dieser Eröffnung ganz schön die Hose schlottern !<<

Das fällt dann in die Kategorie 'Die Wahrheit liegt immer auf dem Brett' :-)

Ebenso wie ich mir den 'einfachen Gewinn' gegen Capablanca natürlich nicht zutraue.
Vabanque - 06.12.20    
>>Morosewitsch (1:0 gegen Hebden)<<

https://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1099937

Coole Partie ... danke für den Hinweis! Dabei macht es Schwarz doch scheinbar genau richtig: auf den frühen (vermeintlich wohl verfrühten) Flügelangriff des Weißen antwortet er mit einem Gegenstoß im Zentrum und geht dann zum Gegenspiel auf dem anderen Flügel über ... trotzdem kommt er damit nicht durch und letzten Endes nimmt der weiße Angriff wieder Fahrt auf und entscheidet.