Kommentierte Spiele

Locker, leicht und lehrreich (VII): Freibauer im Mittelspiel

Vabanque - 31.08.18   +
In der vorigen Partie (Réti-Pokorny) klang das Thema 'Freibauer' am Schluss ja schon an. Diese Partie hier steht ganz im Zeichen des Freibauern, und zwar nicht des Freibauern im Endspiel, sondern im Mittelspiel. Der Freibauer wird seine 'Geburt' bereits im 11. Zug erleben, und ca. 25 Züge später die Partie entscheiden.
Gewonnen wurde die Partie von dem 1946 geborenen tschechischen GM Jan Smejkal (der uns hier eine bemerkenswerte Lehrstunde präsentiert) gegen den slowenischen GM Bruno Parma (geb. 1941). Beide gehörten einst zu den begabtesten Spielern ihrer Generation, sind heute aber leider seit vielen Jahren inaktiv.


[Event "Vidmar Memorial"]
[Site "Ljubljana/Portoroz (Slovenia)"]
[Date "1973.04.??"]
[Round "?"]
[White "Jan Smejkal"]
[Black "Bruno Parma"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "A14"]

1. c4 c5 2. Nf3 Nc6 3. Nc3 Nf6 4. g3 e6 {Natürlich kann Schwarz hier auch g6
spielen, aber es ist ebenso sein gutes Recht, die Symmetrie zu vermeiden, mit
nicht von vorneherein schlechterem Ergebnis.} 5. Bg2 Be7 6. O-O d5 7. cxd5 Nxd5
( {Nach} 7... exd5 8. d4 {hätten wir eine Stellung aus der
Tarrasch-Verteidigung, es entstünden also gänzlich andere Stellungsbilder als
in der Partie.} ) 8. d4 O-O 9. e4 $5 Nxc3 10. bxc3 {Es entsteht nun eine einer
Hauptvariante der Grünfeld-Verteidigung (1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. Sc3 d5 4. cxd5
Sxd5 5. e4 Sxc3 6. bxc3 Lg7 nebst c5) ähnliche Stellung, wobei im Gegensatz zu
hier im Grünfeld-Inder der schwarze Läufer aber auf g7 steht, was dort das
Spiel gegen d4 erleichtert. Die Partiestellung gefällt mir nicht besonders gut
für Schwarz, der für meinen Geschmack zu passiv steht.} 10... b6 11. d5 $5
{Dieser Bauer wird nun einen bemerkenswerten 'Alleingang' starten. Wer würde
sich an dieser Stelle vorstellen können, dass sich der weiße d-Bauer im 38. Zug
(der allerdings gar nicht mehr aufs Brett kommen wird) umwandeln würde?} 11...
Na5 {Ob Schwarz sofort oder erst später auf d5 tauscht, ist eigentlich ohne
Belang.} 12. Qc2 $5 {Recht interessant; die weiße Dame gibt scheinbar die
Deckung von d5 auf, was allerdings wegen des auf g2 lauernden Läufers
problemlos möglich ist. Auf längere Sicht macht die Dame einem Turm auf d1 (der
den Bauern d5 besser unterstützen kann als die Dame) den Platz frei (z.B. auch
nach eventuellem schwarzen La6) und wird ggf. nach dem zu erwartenden Tausch
auf d5 auch gegen h7 zielen (wobei letzterer Umstand in der Partie allerdings
keine Bedeutung erhalten wird).} 12... exd5 13. exd5 {Nun dreht sich der
weitere Kampf natürlich um das potenzielle Vorrücken des Bauern. Das Feld vor
dem Bauern (hier d6), das so genannte 'Blockadefeld', gewinnt erhöhte
Bedeutung. Erfahrungsgemäß eignen sich besonders Leichtfiguren zur Besetzung
des Blockadefelds, also müsste Schwarz einen Springer oder Läufer nach d6
bringen, um den (nach Nimzowitsch) 'unheimlichen Vorwärtsdrang' des Bauern
einzudämmen.} 13... Bf6 ( {Schwarz kann sich nicht auf d5 bedienen, da} 13...
Qxd5 $4 14. Ne1 $1 {ihn den Ta8 kosten würde (Se1 ist hier genauer als andere
Springerzüge, da der Springer die Dc2 deckt, was sowohl nach der Antwort Df5
wie auch nach Lf5 von Bedeutung ist, da dann Schwarz jeweils einen ganzen Turm
statt nur die Qualität einbüßt).} ) ( {Vielleicht hätte Schwarz das
Blockadefeld d6 sofort mit} 13... Nc4 14. Qa4 {(oder hier ein beliebiger
anderer weißer Zug)} 14... Nd6 {besetzen sollen, siehe die Anm. zum vorigen
Zug.} ) ( { Die Blockade mit dem Läufer} 13... Bd6 { ermöglichte allerdings}
14. Ng5 $5 {, was die Schwächung} 14... g6 { erzwingt. Davon abgesehen wirkt
der Läufer aber vom Blockadefeld aus auch nicht so gut wie der Springer.
Generell gilt der Springer als beste Blockadefigur, weil er auf dem
Blockadefeld am 'elastischsten' steht.} ) 14. Bf4 $1 { Beherrscht das
Blockadefeld.} 14... g6 {Bereitet Lf5 vor.} 15. Rad1 Bf5 16. Qc1 Qd7 17. Rfe1
Rfe8 $6 {Das sieht in dieser Stellung dermaßen natürlich aus, dass man schwer
glauben kann, dass es sich um eine Ungenauigkeit handeln soll. Aber der Zug
gibt die Deckung von f7 auf, was sich in der Folge als bedeutsam entpuppen
wird.} (17... Rae8 $5 {hätte diese Schwierigkeit vermieden, allerdings den Tf8
'gequetscht'.} ) 18. Be5 {Der Lf6 ist eine aktiv stehende Figur von Schwarz;
also wird er abgetauscht. Wie wir gleich sehen werden, wird dieser Abtausch den
verbleibenden beiden weißen Leichtfiguren zu enormer Aktivität verhelfen.}
18... Bg7 (18... Bxe5 19. Nxe5 Qd6 20. Qf4 {hätte genau zur Stellung nach dem
22. Partiezug geführt.} ) 19. Bxg7 Kxg7 {Das Thema der vorliegenden Partie ist
zwar der Freibauer, doch haben wir auch hier das uns schon aus einigen der
vorigen Partien bekannte Motiv des Abtausches des Rochadeläufers, wodurch die
dunklen Felder in der Nähe des schwarzen Königs zu schwächeln beginnen.} 20.
Ne5 Qd6 {Es erweist sich immer wieder, dass die Dame keine gute Blockadefigur
ist. Aber Schwarz darf den weiteren Vorstoß des Bauern möglichst nicht
zulassen.} 21. Qh6+ {Dieser 'brillante' Zug, der auf einer Springergabel auf f7
basiert, dient im Grunde dem Zweck, den schwarzen König zurückzudrängen, so
dass nach dem nächsten weißen Zug eine schwarze Dame auf f6 nicht gedeckt
wäre.} 21... Kg8 (21... Kxh6 $4 22. Nxf7+ Kg7 23. Nxd6) 22. Qf4 {Droht gewaltig
g4. Stünde der schwarze König nun auf g7, so wäre jetzt Df6 möglich. So aber
steht Schwarz vor einem schwierigen Problem, das er damit zu lösen sucht, dass
er den Lf5 zwar hergibt, im Gegenzug durch Turmverdoppelung auf der e-Linie
aber den weißen Se5 erobert. Der geistreiche schwarze Plan hat jedoch zwei
Haken. } 22... Nb7 {Deckt die Dd6, was - wie wir gleich sehen werden - nötig
ist.} (22... h5 23. h3 {und das schwarze Problem (was tue ich gegen die
Drohung g4?) bleibt bestehen bzw. hat sich durch die weitere Schwächung der
schwarzen Königsstellung verschlimmert.} ) (22... Re7 $2 {scheint f7 zu
decken, verliert aber wegen der ungedeckten Dame d6:} 23. Nxg6 $1 Rxe1+ 24.
Rxe1 Qxg6 25. Re5 $1 {(dieser Zug war bei Sxg6 zu sehen: der Lf5 kann nicht
weichen wegen Tg5 mit Damengewinn, eine ebenso schöne wie ungewöhnliche
Wendung! )} ) ( {Auf} 22... f6 $2 {dagegen ist} 23. Nxg6 {ganz offensichtlich
- immer die ungedeckte Dd6!.} ) ( {Die Engine entdeckt jedoch wieder einmal
einen schmalen Weg, die Stellung noch zu halten, den ein menschlicher Spieler
nicht findet:} 22... Rad8 $1 {(deckt ebenso wie Sb7 die Dd6)} 23. g4 f6 {('5
vor 12')} 24. gxf5 Rxe5 (24... fxe5 $2 25. Qg3) 25. Rxe5 Qxe5 (25... fxe5 $2
26. Qe4) 26. Qxe5 fxe5 27. fxg6 hxg6 28. d6 Kf8 {und obwohl Schwarz das
Blockadefeld aufgeben musste und der Freibauer vorrücken konnte (was genau der
Grund ist, warum ein menschlicher Spieler diese Variante verworfen hätte),
schätzt Stockfish dieses Endspiel als Remis ein: trotz des optischen Vorteils kann Weiß keine weiteren Fortschritte machen.} ) 23. g4 Re7 24. gxf5 Rae8
25. Qa4 {Der erste 'Haken'. Die weiße Dame dringt auf c6 ein. Diese plötzlichen
Schwenks zum anderen Flügel werden häufig übersehen.} 25... Rxe5 26. Rxe5 Rxe5
{Verliert forciert.} ( {Die Alternative} 26... Qxe5 {gäbe jedoch die Blockade
auf und würde damit} 27. d6 $1 {ermöglichen, und plötzlich hängen Te8 und Sb7
(und auch noch a7).} 27... Nxd6 $2 28. Rxd6 $1) 27. Qc6 $1 {Nun ist die Lage
von Schwarz wirklich schlimm: der angegriffene Sb7 kann nicht weichen, ohne die
Dd6 im Stich zu lassen, die Dd6 wiederum darf den weißen d-Bauern nicht
vorrücken lassen. Also bleibt Schwarz nichts anderes übrig, als den Sb7 zu
decken.} 27... Re7 (27... Qb8 28. d6 {gäbe wieder die Blockade auf} ) (27...
Qxc6 $4 28. dxc6 {und der Freibauer marschiert ungehindert ins Ziel:} 28... Na5
29. c7 Re8 30. Rd8) 28. f6 $1 {Der zweite oben erwähnte 'Haken': durch den
indirekten Tausch des Lf5 gegen den Se5 ist ein gefährlicher Bauer entstanden.
Das entstandene Stellungsbild ist bemerkenswert. Wieder ein schönes Beispiel
für das 'gleichzeitige' Spiel an beiden Flügeln!} 28... Rd7 (28... Rc7 {ist
schlimmer:} 29. Qe8+ Qf8 30. Qxf8+ Kxf8 31. d6 Rd7 32. Bxb7 {und Schwarz kann
nicht auf b7 wiedernehmen, ohne dass der Freibauer einzieht. Diese Variante
illustriert sehr schön die Stärke des Freibauern.} ) 29. Re1 {Nun, da alle
schwarzen Figuren 'gebunden' sind, tut die Besetzung der einzigen (beidseits)
offenen Linie ein Übriges. Es droht simpel und brutal Te8+ (man beachte die
Rolle des 'Reißnagels' f6). Aber noch scheint die Blockade zu halten ...} 29...
h5 {'Luft!' schreit der schwarze Herrscher.} ( {Auf} 29... Kf8 { folgt
ebenfalls} 30. Bh3) 30. Bh3 {Nun wirken alle drei weißen Figuren bestmöglich
zusammen, aber der Zug ist auch Teil eines forcierten Manövers, mit dem Smejkal
das Blockadefeld (um das sich alles dreht) in seinen Besitz bringt.} 30... Rc7
(30... Rd8 31. Qxb7) 31. Re8+ Kh7 32. Qxd6 {Der Tausch in Verbindung mit dem
folgenden Zug erobert das Blockadefeld d6, was den Schlüssel zum Gewinn
darstellt.} 32... Nxd6 33. Rd8 { Der Blockadespringer muss nun weichen, und der
Freibauer kann passieren.} 33... Nf5 ( {Die Alternative} 33... Nb7 {ist nicht
besser, weil Schwarz der Angriff auf den weißen Turm nicht nützt:} 34. d6 $1
Rc6 (34... Nxd8 35. dxc7 {und Einzug des Freibauern} ) 35. Rd7 {Weiß kann den
Freibauern in dieser Variante nämlich aufgeben} 35... Nxd6 36. Bg2 {mit
Springergewinn.} ) 34. Bg2 $1 {Am genauesten: Weiß droht d6, und der schwarze
Turm hätte dann kein Feld.} 34... c4 {Dieser verzweifelte Zug schafft dem Turm
das Feld c5, aber Schwarz verliert jetzt auf andere Weise sofort.} 35. d6 Rc5
36. d7 {Die Drohung Th8+ nebst d8 mit Umwandlung ist unparierbar, da der Lg2
das Feld d5 beherrscht und damit den Verteidigungszug Td5 verunmöglicht. Man
sieht jetzt die wahre Stärke des 34. Zuges von Weiß. Schwarz gab auf. Eine
runde Leistung des tschechischen GM.} 1-0


Diesmal habe ich sogar mehr Stichpunkte zur Zusammenfassung wichtiger Highlights des Partiegeschehens gefunden als sonst; die meisten jedoch sind sehr kurz:

1) Einem früh im Spiel (hier im 11. Zug) entstandenen (zentralen) Freibauern sollte man schnell seine gesamte Aufmerksamkeit widmen, auch wenn er momentan noch einen sehr harmlosen Eindruck macht. Schleunige Blockade ist angesagt.

2) Zur Blockade eignen sich schwere Figuren kaum; am besten ist ein Springer, weil er nicht bloß blockiert, sondern vom Blockadefeld aus auch eine starke Wirkung entfaltet. Am zweitbesten ist ein Läufer. In dieser Partie versäumt Schwarz die schnelle Blockade durch seinen Damenspringer (das mögliche und in der Anmerkung zum 13. Zug von Schwarz angedeutete Manöver 13... Sc4 nebst 14... Sd6), und später bleibt ihm nur noch die ganz schlechte Blockade durch die Dame, die jederzeit zu brechen droht. Die Blockade durch eine Schwerfigur ist deswegen so schlecht, weil die wertvolle Figur auf dem Blockadefeld leicht angegriffen und damit aus der Blockadestellung vertrieben werden kann.

3) Wie wir schon in einigen der vorangegangenen Partien haben feststellen können, ist es immer empfehlenswert, die am aktivsten stehenden Figuren des Gegners zu tauschen (hier 18. Zug von Weiß, der den schwarzen Lf6 tauscht). Der Lf6 könnte dem Tausch zwar rein theoretisch ausweichen, aber auch nur auf ein schlechtes Feld.

4) Indirekte Figurentausche (hier des schwarzen Lf5 gegen den weißen Se5) sind von beiden Seiten besonders kritisch zu prüfen; sie ändern den Charakter der Stellung meist vollständig. Hier profitiert eigentlich nur Weiß vom indirekten Tausch: er erhält die volle Herrschaft über die weißen Felder (da der Lf5 fehlt) und einen gefährlichen f-Bauern.

5) Es muss stets mit plötzlichen Schwenks auf den anderen Flügel (hier mit Da4) gerechnet werden, vor allem wenn durch taktische Manipulationen (hier der indirekte Figurentausch) die Stellung 'im Fluss' ist. Man macht dann oft den Fehler, nur auf den Flügel zu starren, auf dem scheinbar alles abläuft (hier der Königsflügel und das Zentrum) und verliert mögliche Aktionen an anderen Stellen des Brettes aus dem Auge.

6) Ein weißer Bauer auf f6 (bzw. ein schwarzer auf f3) hat eine besonders einengende Wirkung auf die gegnerische (kurze) Rochadestellung.

7) Ein Freibauer im Verein mit starker Figurenstellung ist in der Lage, die gegnerischen Kräfte vollkommen zu binden (hier die Situation nach dem 29. Zug von Weiß).

8) Die Eroberung des Blockadefelds bringt oft die (Vor-)Entscheidung. (Hier der 33. Zug von Weiß)

9) Manchmal kann man den Freibauern auch aufgeben, wenn andere Vorteile dafür zu erzielen sind. Hier ist in der Variante zum 33. Zug von Schwarz, der den weißen Td8 angreift, für Schwarz die Eroberung des Freibauern möglich; jedoch verliert er dafür seinen Springer.

10) Die endgültige Entscheidung fällt mit der Kontrolle des Umwandlungsfeldes. Da Freibauern am besten durch Türme von hinten gestoppt werden, muss man dem gegnerischen Turm diese Möglichkeit nehmen (ihm hier in der Schlussstellung das Feld d5 verwehren).
freak40 - 31.08.18   +
Eine sehr schöne Partie mit klarer Erklärung!

Ein Eindruck...(Schnellschuß), wie du schon angemerkt hast, Schwarz muß im 13. Zug den Springer nach d6 überführen ....über c4 oder b7.
Ich weiß nicht wie viele Partien ich verloren habe, weil ich nicht auf Nimzowitsch/Tarrasch (was würden diese BEIDEN wohl sagen, wenn man sie in einem Atemzug nennt ... :-)) ) gehört habe: Der Springer ist die ideale Blockadefigur.

Ne Frage....ist Parma nicht ein südamerikanischer GM?
Oder hat da einen Namenvetter?
Kellerdrache - 31.08.18   +
Die Eröffnung ist Schwarz aber wirklich in die Hose gegangen. Wenn der Gegner schon im 11.Zug einen Freibauern bilden kann hat man etwas falsch gemacht. Das mit der Blockade hast du schön erklärt. Ein Freibauer ist ja eben dann am gefährlichsten wenn er beweglich ist. Also erst blockieren, dann attackieren. Ungefähr so wie ja auch die Taktik beim Spiel gegen einen Isolani ist.

Schwarz versucht wohl mit Lf6 erst mal c4 zu verhindern und damit aus d5 einen Quasi-Isolani zu machen. Sehr schön in der Partie fand ich auch, wie schon von dir erwähnt, die Kunst des richtigen Abtauschs. Nicht einfach um jeden Preis weg damit, sondern nach Möglichkeit die besten Figuren des Gegners vom Brett nehmen.
Vabanque - 31.08.18    
Bruno Parma ist trotz des romanisch klingenden Namens tatsächlich ein Slowene:

https://de.wikipedia.org/wiki/Bruno_Parma

Ein südamerikanischer Namensvetter von ihm ist mir nicht bekannt; vielleicht eine Namensähnlichkeit? (komme aber jetzt nicht drauf, wen du meinen könntest)

Jedenfalls, um auf das Thema Freibauer/Blockade zurückzukommen:

Mich hat auch gewundert, dass hier selbst ein GM nicht sofortige Blockademaßnahmen ergreift und dann tatsächlich (gerechterweise, muss man fast sagen) daran zugrunde geht.

>>Nimzowitsch/Tarrasch (was würden diese BEIDEN wohl sagen, wenn man sie in einem Atemzug nennt ... :-))<<

Sie würden beide in ihren Gräbern so laut toben, dass man es noch am Nordpol hören könnte :-)
Oder: sie haben sich im Jenseits versöhnt (ich 'mag' ohnehin beide) ... oder: sie haben im Jenseits gelernt, dass Feindschaft wegen nichtiger Dinge nicht lohnt ...
Oder: sie haben im Jenseits gemerkt, dass die Beschäftigung mit schachtheoretischen Fragen eh sinnlos ist :-))
Vabanque - 31.08.18    
>>Schwarz versucht wohl mit Lf6 erst mal c4 zu verhindern und damit aus d5 einen Quasi-Isolani zu machen.<<

Ich muss gestehen, dass ich den schwarzen Zug Lf6 gar nicht verstanden hatte (darum habe ich mich ja auch um eine Erläuterung herumgemogelt). Was du schreibst, könnte tatsächlich die Erklärung sein.

Der weiße Freibauer auf d5 könnte zwar später tatsächlich mit c4 gestützt werden, nur bringt ihm das ja nichts mehr, wenn er weiter vorrückt. Dann spielt er tatsächlich die Rolle eines Isolani.

Wenn das Thema 'zentraler Freibauer im Mittelspiel' interessiert, dann hätte ich noch zwei weitere schöne (allerdings natürlich noch unkommentierte) Beispiele aus der GM-Praxis. In einer davon ist der siegreiche Freibauer auch auf der d-Linie, aber tatsächlich ein waschechter Isolani.
Canal_Prins - 31.08.18  
@ Vabanque

den 5. Zug von schwarz mit Le7 ist für mich unerklärlich... da wäre d5 oder D b6 besser gewesen.

Auch der 8. Zug wo schwarz noch Rochierd anstatt den weissen Angriff mit cxd4 abzuwehren ist für mich unverständlich.

Im 9. Zug schlägt schwarz c3 ! anstatt mit Sb6 zu blocken....

Auch der 12. Zug von weiss mit De2 lässt sich streiten, da T e1 einen Zugvorteil für weiss einräumen würde.

Mit dem 13. Zug wäre meines Erachtens nach Lf6 besser gewesen, um nicht die schwarze Dame "offen" ins Mittelfeld zu stellen zumal Se1 oder T d1 der schwarzen Dame droht.

Danach kippte das Spiel zu Gunsten von weiss, da der Aufbau von schwarz miserabel war.
Oli1970 - 01.09.18   +
Die Partie ist ein schönes Beispiel für den starken Freibauern, aber auch für den Flügelwechsel. Obschon er ja in den Lernwerten angekündigt war, kam er doch überraschend.

Kann es sein, dass das Spiel falsch klassifiziert ist? Der ECO-Code dürfte eher A36 sein. Erstaunlich ist, dass Parma so untergegangen ist. Zumindest die Eröffnungsvariante mit Bauer e6 gehörte zu seinen Lieblingswaffen, sagt eine italienische Webseite.

Vielleicht hat sich Parma schlicht "verlaufen" in den Zugumstellungen und Stellungsbildern. Bauer b6 erweist sich laut Engine als erster kleinerer Fehler; die Empfehlung ist hier, zunächst den d-Bauern abzutauschen und dann b6 folgen zu lassen. Ein nachfolgendes d5 wäre dann vermutlich nicht passiert: Ein weiterer Tausch der Bauern dort hätte Weiß zwar einen Freibauern, jedoch allein auf weiter Flur, verschafft. Das Fehlen des Bauern c3 hätte für den schwarzen Springer immerhin noch das Feld b4 als Alternative aufgetan, der weiße Damenflügel stünde ziemlich entblößt dar. Sei es drum, dumme Lage und nun musste es weitergehen.

Kellerdrache hat sicher die Erklärung für Lf6 gefunden, nur warum hat Parma nicht schon 12. ... Sc4 gespielt, statt die Bauern zu tauschen? Das Vorrücken wäre zunächst durch den Springer blockiert, das Feld d6 erreichbar. Ich hätte es logisch gefunden, den Springer einzusetzen, statt ihn auf a5 zu parken. Dennoch bleibt die Partie bis dahin im Lot.

Zum 18. Zug habe ich eine Frage: Warum tauscht Weiß mit 18. Le5? Ein Tauschangebot wäre auch mit 18. Se5 möglich gewesen. Der Tausch wäre genauso forciert gewesen. Es ist zwar richtig, dass die weißen Läufer nicht die ganz große Beweglichkeit haben, aber dennoch - kann man die Smejkals Wahl in der gegebenen Stellung objektiv beurteilen oder ist das in diesem Fall eine Frage des Geschmacks (oder des Plans)?

Tragisch erscheint, dass 22. ... Sb7 die Niederlage einleiten wird. Zwei Möglichkeiten, offenbar schwer abzuschätzen und Parma entscheidet sich für das Tor mit dem Zonk. Wieder eine Situation, wo sich der Laie hinterher fragen würde, was eigentlich schief gegangen ist. Houdini findet übrigens auf die Variante 22. ... Tad8 Dh4 als Antwort, was einen leichten weißen Vorteil festhält - im Prinzip wie bisher.

Richtig verblüffend fand ich dann das Ende mit 30. Lh3 - die Engine favorisiert ganz klar Te8. Materialeinsammeln über schöne Manöver. Smejkal zeigt, dass Phantasie im Ergebnis nicht schlechter sein muss als Maschinendenken. Das war schön anzusehen.

@Canal_Prins: Deine Anmerkungen haben mich veranlasst, hier auch mal hinzusehen. Ich bin da zwar nicht im Thema (wo eigentlich?), aber mit 8. ... O-O lenkt Schwarz die Stellung über in ein Damengambit-Abspiel. Letztlich sind alle genannten Züge - sowohl die gespielten als auch Deine Alternativen - spielbar. Für Weiß bleibt rechnerisch nur der Anzugsvorteil; vermutlich ist es nur die Frage des Geschmacks, was der Spieler auf dem Brett sehen will. Komisch wird's eigentlich erst mit dem verfrühten Bb6, wo das Pendel dann etwas weiter zugunsten von Weiß ausschlägt. Hm, Deine Anmerkung zum 13. Zug verstehe ich nicht, Lf6 ist doch passiert?

Ich würde auch nicht sagen, dass das Spiel schon so früh kippte. Auch bis zum 22. Zug besaß Parma zwar nie die Initiative, aber er hielt das Spiel durchaus offen, so wie Smejkal ihn noch Möglichkeiten ließ. Die durchweg fehlende Initiative ist es vermutlich, die ihm das Genick brach, er kam nicht raus aus der Verteidigerrolle. Der Sa5 in Parkposition ist sicher kein Vorzeigeobjekt und insgesamt erzielten seine Figuren keine Wirkung mehr. Das spricht für ein gutes Spiel von Smejkal - erwartet man das nicht auch für den Führer der weißen Figuren? Unsereiner hätte Smejkals Züge erst genauso finden müssen. Die Partie ist wieder ein Beispiel für das Sammeln der kleinen Vorteile, bis diese übermächtig werden.

Jedenfalls hatte ich wieder meinen Spaß mit Partie und Kommentierung. Dass so ein früher Bauer in einer Großmeisterpartie soweit kommen kann - und dann auch noch Gesellschaft vom f6 bekommt -, hätte ich nicht erwartet.

Nun bin ich mehr als drei Stunden weiter - Zeit ins Bett zu gehen. :-) Ach so, ja, "zentraler Freibauer im Mittelspiel" ist mir so recht wie alles andere. Max' Igelstellung letztens wäre auch mal was - allerdings von der Sorte, wie knackt man so ein Ding?
Vabanque - 02.09.18   +
>>Canal_Prins - 31.08.18

@ Vabanque

den 5. Zug von schwarz mit Le7 ist für mich unerklärlich... da wäre d5 oder D b6 besser gewesen.<<

Ich denke, Schwarz möchte für die Rochade bereit stehen, bevor er in der Mitte oder am Damenflügel vorgeht. Die von dir genannten Züge sind sicherlich schärfer, aber ist das schärfere Vorgehen hier auch das bessere? Ich kann die Frage leider nicht beantworten. Vielleicht würde ein heutiger GM hier nicht mehr Le7 spielen.

>>Auch der 8. Zug wo schwarz noch Rochierd anstatt den weissen Angriff mit cxd4 abzuwehren ist für mich unverständlich.<<

Ursprünglich hatte ich eine Anmerkung zu 8... cxd4 geschrieben, sie dann aber wieder gelöscht, um nicht zu 'eröffnungslastig' zu kommentieren. Auf 8... cxd4 spielt Weiß m.E. nämlich am besten 9. Sxd5! (und nicht Sxd4, worauf Schwarz ihm mit Sxc3 zwei Einzelbauern am Damenflügel verschaffen kann), und auf 9... Dxd5? 10. Sxd4!, worauf Schwarz nicht auf d4 nehmen kann wg. Damenverlust durch Lxc6+ (wie der der starke Flankenläufer!). Also muss Schwarz 9... exd5 schlagen und hat wieder den Isolani in einer Tarrasch-ähnlichen Stellung. Das wollte Parma wohl vermeiden und spielte daher den 'sicheren' Rochadezug.

>>Im 9. Zug schlägt schwarz c3 ! anstatt mit Sb6 zu blocken....<<

Stimmt, im Nachhinein sieht 9... Sb6 erwägenswert aus, wegen Druck auf d4.

>>Auch der 12. Zug von weiss mit De2 lässt sich streiten, da T e1 einen Zugvorteil für weiss einräumen würde.<<

Du meinst 12. Dc2. Der Zug hatte mich auch überrascht, aber ich habe ihn (hoffentlich) erklären können. Letzten Endes erweist er sich ja als gut. Da schwarzes La6 zu erwarten ist, wäre Te1 natürlich der erste Gedanke. Aber für Smejkal gehörte hier der Turm nach d1, weil er ein besserer Unterstützer des Freibauern ist als die Dame. Das sehe ich nach wie vor ebenfalls so. Dc2 ist ein nicht-offensichtlicher, aber auf lange Sicht feiner Zug.

>>Mit dem 13. Zug wäre meines Erachtens nach Lf6 besser gewesen, um nicht die schwarze Dame "offen" ins Mittelfeld zu stellen zumal Se1 oder T d1 der schwarzen Dame droht.<<

Genau wie Oli1970 verstehe ich diese Bemerkung nicht, da ja Lf6 der geschehene Zug war, und der Fehler Dxd5 nicht erfolgte.
Vabanque - 02.09.18   +
>>Kann es sein, dass das Spiel falsch klassifiziert ist? Der ECO-Code dürfte eher A36 sein. <<

Wegen ECO-Codes darfst du mich nicht fragen, mit denen habe ich mich nie beschäftigt.

>>Erstaunlich ist, dass Parma so untergegangen ist. Zumindest die Eröffnungsvariante mit Bauer e6 gehörte zu seinen Lieblingswaffen, sagt eine italienische Webseite. <<

Aha, deine typische Recherche mal wieder :-) Danke dafür.

>>Bauer b6 erweist sich laut Engine als erster kleinerer Fehler; die Empfehlung ist hier, zunächst den d-Bauern abzutauschen und dann b6 folgen zu lassen. Ein nachfolgendes d5 wäre dann vermutlich nicht passiert: Ein weiterer Tausch der Bauern dort hätte Weiß zwar einen Freibauern, jedoch allein auf weiter Flur, verschafft. Das Fehlen des Bauern c3 hätte für den schwarzen Springer immerhin noch das Feld b4 als Alternative aufgetan, der weiße Damenflügel stünde ziemlich entblößt dar.<<

Diese Feinheit war mir gar nicht aufgefallen, die hast du schön herausgearbeitet.
Ich kenne ja ähnliche Positionen aus der Grünfeld-Verteidigung (mit schwarzem Läufer auf g7, wo er, wie ich finde, in Stellungen dieser Art günstiger steht), und da ist auch häufig die Frage, ob man auf d4 tauschen sollte oder eher nicht. Meist ist dort beides spielbar bzw. macht keinen großen Unterschied, deswegen ist mir wohl entgangen, dass es hier sehr wohl einen Unterschied macht, ob Schwarz vor b6 auf d4 tauscht. Gut möglich, dass nach vorherigem Tausch auf d4 ein potenzieller weißer Freibauer auf d5 eher zur Schwäche als zur Stärke geneigt hätte. Mann, ist das alles kompliziert! (Wieder wars nix mit der angeblichen Einfachheit der Partie. Die nächste wird aber ganz einfach, versprochen!)

>>Kellerdrache hat sicher die Erklärung für Lf6 gefunden, nur warum hat Parma nicht schon 12. ... Sc4 gespielt, statt die Bauern zu tauschen? Das Vorrücken wäre zunächst durch den Springer blockiert, das Feld d6 erreichbar. Ich hätte es logisch gefunden, den Springer einzusetzen, statt ihn auf a5 zu parken. Dennoch bleibt die Partie bis dahin im Lot.<<

Richtig, hinterher fragt man sich wirklich, warum Parma nicht die günstige Gelegenheit ergriffen hat, sofort einen Springer zur Blockade nach d6 zu führen.

>>Zum 18. Zug habe ich eine Frage: Warum tauscht Weiß mit 18. Le5? Ein Tauschangebot wäre auch mit 18. Se5 möglich gewesen. Der Tausch wäre genauso forciert gewesen. Es ist zwar richtig, dass die weißen Läufer nicht die ganz große Beweglichkeit haben, aber dennoch - kann man die Smejkals Wahl in der gegebenen Stellung objektiv beurteilen oder ist das in diesem Fall eine Frage des Geschmacks (oder des Plans)?<<

Leider habe ich nicht die ausreichende Spielstärke, um darauf eine Antwort zu geben. Smejkal hat in dieser Stellung offenbar den Springer nützlicher gehalten als den Läufer. Warum genau, wäre durchaus noch diskussionswürdig.

>>Tragisch erscheint, dass 22. ... Sb7 die Niederlage einleiten wird. Zwei Möglichkeiten, offenbar schwer abzuschätzen und Parma entscheidet sich für das Tor mit dem Zonk. Wieder eine Situation, wo sich der Laie hinterher fragen würde, was eigentlich schief gegangen ist. Houdini findet übrigens auf die Variante 22. ... Tad8 Dh4 als Antwort, was einen leichten weißen Vorteil festhält - im Prinzip wie bisher. <<

An dieser Stelle ist m.E. Parma kaum ein Vorwurf zu machen. Nach menschlichem Ermessen sehen die beiden Möglichkeiten 22... Sb7 und 22... Tad8, die Dd6 zu decken, eigentlich fast gleich gut aus, wahrscheinlich hätten sogar die meisten Spieler den Springerzug intuitiv präferiert, weil er ja den Abseitsspringer wieder ins Spiel zu bringen scheint (sogar mit der Option, vielleicht doch noch das 'Traumfeld' d6 zu erreichen), aber hier haben wir so eine blöde Lage, die leider nicht mit großmeisterlicher Intuition, sondern nur mit präziser und schwieriger Berechnung zu lösen ist - so schwierig, dass nur die Engines sie fertigbringen.
Auch wenn nach 22... Tad8 objektiv kein weißer Gewinn 'drin' ist, so sagt das nichts darüber aus, wie die Partie tatsächlich ausgegangen wäre, wenn Schwarz diesen Zug gespielt hätte. Die Grundlage für seinen Verlust hat er schon früher geschaffen; typisch ist aber, dass in nahezu verlorenen Stellungen oft noch überraschende Rettungsmöglichkeiten stecken, die aber auch sehr starke Spieler am Brett dann oft nicht finden, wie man sieht.

>>Richtig verblüffend fand ich dann das Ende mit 30. Lh3 - die Engine favorisiert ganz klar Te8. Materialeinsammeln über schöne Manöver. Smejkal zeigt, dass Phantasie im Ergebnis nicht schlechter sein muss als Maschinendenken. Das war schön anzusehen.<<

Irgendwann war die weiße Stellung so stark, dass es mehrere Gewinnwege geben musste, daher überrascht mich hier deine Bemerkung nicht sehr :-)
Vabanque - 02.09.18   +
>>Ich würde auch nicht sagen, dass das Spiel schon so früh kippte. Auch bis zum 22. Zug besaß Parma zwar nie die Initiative, aber er hielt das Spiel durchaus offen, so wie Smejkal ihn noch Möglichkeiten ließ. Die durchweg fehlende Initiative ist es vermutlich, die ihm das Genick brach, er kam nicht raus aus der Verteidigerrolle.<<

Genau das ist der Punkt bei solchen GM-Siegen. Rein theoretisch mag die Remisbreite noch nicht überschritten sein, ein Spieler hat 'nur' die Initiative, aber wenn der Verteidiger nie ein Gegenspiel aufbauen kann, dann ist die Stellung zwar nicht theoretisch, aber doch praktisch für ihn auf Dauer verloren.

>>Der Sa5 in Parkposition ist sicher kein Vorzeigeobjekt und insgesamt erzielten seine Figuren keine Wirkung mehr. Das spricht für ein gutes Spiel von Smejkal - erwartet man das nicht auch für den Führer der weißen Figuren? Unsereiner hätte Smejkals Züge erst genauso finden müssen. Die Partie ist wieder ein Beispiel für das Sammeln der kleinen Vorteile, bis diese übermächtig werden.<<

Eine Partie 'aus einem Guss', wie es sie auch in der Praxis nicht allzu oft gibt.

>>Jedenfalls hatte ich wieder meinen Spaß mit Partie und Kommentierung. Dass so ein früher Bauer in einer Großmeisterpartie soweit kommen kann - und dann auch noch Gesellschaft vom f6 bekommt -, hätte ich nicht erwartet.<<

Das fand ich auch einen besonders hübschen Aspekt.

>>Max' Igelstellung letztens wäre auch mal was - allerdings von der Sorte, wie knackt man so ein Ding?<<

Ich hätte momentan nur ein sehr hübsches Beispiel im Kopf, wo der Igel triumphiert.

Meine andere Idee für eine der nächsten Folgen wäre der Stonewall, weil da ja auch die Diskussion im Forum aufkam.
haribo02 - 02.09.18   +
Eine wünferschöne Partie mit 1A Kommentierung !
Hier hast du , Vabanque, so genau und so detailliert erklärt
dass man kaum was hinzufügen musst.
Vielleicht nur: wenn 13......Sc4 dann evt 14.Te1 Sd6 ( Blockade )
15.Lf4 und der Springer steht schon unter Beschuß...Ich glaube der
d Bauer ist nicht zu halten, oder nur unter schwerwiegende Umstände.
Wie gesagt, eine sehr schöne Partie, es hat sehr viel Spaß gemacht!
Danke dafür :-)
LG haribo02
haribo02 - 02.09.18    
Sollte natürlich " wunderschöne" heissen;-))
Vabanque - 02.09.18    
Das war schon klar, dass das nur vertippt war ;-)

Aber mit >>Ich glaube der
d Bauer ist nicht zu halten<<
meinst du wohl:

er ist auch in dieser Variante (Anmerkung zum 13. Zug von Schwarz) nach 15. Lf4 nicht aufzuhalten?!

Ich weiß es nicht, der Lf4 kann natürlich den Blockadespringer tauschen, aber an seine Stelle tritt dann der Blockadeläufer.
Jetzt muss Weiß seinen Springer nach c4 oder e4 bringen, um wiederum den Blockadeläufer zu tauschen, so dass letzten Endes dann wieder nur eine Schwerfigur auf d6 blockieren kann, was natürlich ungünstig ist, aber kommt es (bei dem dann schon erheblich reduzierten Material) zu so einer ungünstigen Position für Schwarz wie in der Partie? Außer den Schwerfiguren bleibt dann noch beidseits ein weißfeldriger Läufer auf dem Brett, das wäre zu berücksichtigen (mit dem Blockadefeld haben die Beiden ja nichts zu tun ... ).
haribo02 - 02.09.18   +
>>Ich weiß es nicht, der Lf4 kann natürlich den Blockadespringer tauschen, aber an seine Stelle tritt dann der Blockadeläufer.
Jetzt muss Weiß seinen Springer nach c4 oder e4 bringen, um wiederum den Blockadeläufer zu tauschen<<
Richtig, wobei die Frage ist, ob man hier so einfach der Läufer dann tauschen soll oder evt. mit Lb8 das Feld d6 weiter kontrollieren kann und das Läuferpaar behält ?
Vabanque - 02.09.18    
Dann schiebt Weiß ggf. den Bauern nach d6 vor.
Tschechov - 02.09.18   +
So ein Freibauer im Mittelfeld hat mir hier bei cm auch schon öfter das Genick gebrochen. Ich mußte bei Studium der Partie unwillkürlich an etwas denken, das irgendjemand hier (war es MarkD ?) mal geschrieben hat: Gerade der schwächere Spieler sollte ein rein defensives Spiel vermeiden, weil er so die Kontrolle über ein Feld nach dem anderen verliert und langsam aber sicher erdrückt wird. Nun, hier spielten zwei GM, insofern kann man nicht einfach so von einem schwächeren Spieler reden, aber es bewahrheitete sich eben, daß reine Defensive der Weg in den Untergang ist.
Oli1970 - 02.09.18   +
@Vabanque: Jetzt weiß ich auch nicht, ob ich mich drüber freuen soll oder nicht, dass Du die Frage nach dem 18. Zug, Kriterien für die Entscheidung pro Springer, nicht beantworten kannst. :-) In solchen Situationen stehe ich oft wie der Ochse vor dem Berge; ich kenne zwar die Entscheidungshilfen der Lehrmeinungen, doch leider sind die Stellungen selten so eindeutig wie die Lehrbeispiele.

Danke übrigens für die ausführlichen Antworten!
Vabanque - 03.09.18    
@Oli1970: Mir geht es da doch auch nicht anders als dir!

Durch deine genaue Untersuchung jedes Partiezuges und der damit aufgeworfenen Fragen 'zwingst' du mich quasi dazu, an einigen Stellen auch nochmal genauer hinzusehen.

So ist es hier mit dem 18. Zug von Weiß, dessen Idee mir sofort plausibel war, so plausibel, dass ich nach möglichen guten (oder gar besseren!) Alternativen gar nicht mehr Ausschau gehalten habe.

Ein möglicher Gedankengang, der dazu geführt haben könnte, dass Smejkal hier nicht Se5, sondern Le5 gespielt hat (ob nun zu Recht oder nicht), ist mir inzwischen aber beim genaueren Hinsehen doch noch eingefallen.

Da es jetzt aber schon spät nachts ist, werde ich diese Gedankengänge (damit nicht noch mehr Unsinn im Forum gepostet wird - kleiner Seitenhieb aufs 'Hauptforum', haha) nun in dieser Nacht aber nicht mehr zu Papier (äh, natürlich 'zu Bildschirm') bringen, sondern mir auf morgen aufheben (wenn sie mir dann immer noch plausibel erscheinen).
Vabanque - 03.09.18   +
Hier die versprochenen Gedankengänge, die eventuell zu der Zugwahl 18. Le5 (statt 18. Se5) geführt haben könnten. Vielleicht würde sich ein GM über meine Ausführungen halbtot lachen, aber so lange kein Spieler solcher Stärke hier vorbeischaut und bessere und lehrreichere Kommentare abliefert, müsst ihr halt mit meinen (oder denen meiner Mitstreiter hier) vorlieb nehmen.

Man stelle sich also vor GM Smejkal sitzt nach dem 17. Zug von Schwarz am Brett und überlegt sich Folgendes:


''Nanu, er zieht den Königsturm nach e8 ... ich hätte eher mit dem Damenturm gerechnet. Jetzt steht sein Damenturm immer noch auf a8, in der verdeckten Diagonale meines Lg2 ... kann ich das irgendwie ausnutzen? Moment mal, kann ich denn jetzt nicht sogar mit Se5 unmittelbar gewinnen? Ist sowas möglich? Wenn ich jetzt Se5 spiele, muss er ihn ja unbedingt tauschen, sonst richtet mein Springer Verheerungen an ... nach 18. Se5 Lxe5 19. Lxe5 drohe ich aber schon mit Dh6 ein undeckbares Matt aufzustellen, und f6 geht nicht, weil er den Königsturm nicht auf f8 ließ! Aber halt, so einfach ist die Sache wieder mal doch nicht ... auf 18. Se5 Lxe5 19. Lxe5 antwortet er natürlich Sc4, und mein Läufer ist in Verlegenheit ... ihn nach f4 zurückzuziehen bringt mir nichts, also 29. Lf6, und ich halte die Mattdrohung aufrecht. Aber Schwarz kann dann mit Dd6, was meinen Läufer bedroht, alles abwehren. Lg5 sieht dann nicht sehr überzeugend aus, aber die einzige Alternative ist Dg5. Allerdings ist meine Dame dann an die Deckung des Läufers f6 gebunden, und ich sehe nicht, wie es weitergehen soll. Die Stellung meines Läufers und meiner Dame gefallen mir hier nicht. Zwar kann Schwarz diese noch nicht unmittelbar mit h6 nebst g5 ausnutzen, weil ich nach (18. Se5 Lxe5 19. Lxe5 Sc4 20. Lf6 Dd6 21. Dg5 h6?) 22. Dh4 habe und g5 wegen Dxh6 nicht geht, aber ein wenig mulmig ist mir bei dieser gebundenen Figurenstellung doch, und vor allem fehlt mir eine klare Fortsetzung. Dazu kommt noch, dass Schwarz dann evtl. mit Sb2 nebst Sd3 Ärger machen könnte. Ich kann und will das am Brett nicht alles durchrechnen. 18. Se5 ist also nicht so einfach und klar wie ich dachte ... gibt es denn nicht vielleicht eine saubere Alternative? Wie wäre es denn mit 18. Le5? Der Vorteil dieser Variante wäre, dass der schwarze Springer hier nie nach c4 gelangen kann. Wenn Schwarz nämlich nach 18. Le5 den Läufer tauscht, betritt mein Springer sofort das Feld e5 mit Angriff auf die schwarze Dame, die dann eine ungünstige Blockadestellung gezwungen wird. Nach 18. Le5 Lxe5 19. Sxe5 Dd6 bedroht die Dame zwar auch den Se5, aber ich muss ihn nicht wegziehen (wonach wieder Sc4 kommen könnte), sondern ich kann mit Df4 decken, womit ich zugleich die Drohung g4 aufstelle, weil f7 durch den Zug Tfe8 geschwächt wurde. Schwarz kann dann auch (nach 18. Le5 Lxe5 19. Sxe5 Dd6 20. Df4) nicht f6? spielen wegen seiner ungedeckten Dame, da sofort 21. Sxg6! käme. Hey, das gefällt mir ja richtig gut! Da scheint mein Gegner ja wirklich in echte Probleme zu geraten. Kann er nach 18. Le5 dem Läufertausch nicht ausweichen? Naja, jedenfalls nicht gut, auf 18... Le7 kann ich wahrscheinlich sofort d6 spielen, und auf Ld8 hat er die Verbindung der Türme unterbrochen, und wenn er auf Sc4 hofft, kann ich ihm das mit 19. c4 zunichte machen, wenn mir nicht noch was Besseres einfällt ... tja, mit 18. Le5 scheine ich doch wirklich ohne Risiko, und ohne komplizierte Varianten durchrechnen zu müssen, eine gute Stellung zu haben. 18... Lg7 geht natürlich auch noch, aber dann tausche ich selbst und spiele wieder Se5 mit Tempo nebst Df4. In der entstehenden Stellung werde ich mich sehr wohl fühlen, und mein Gegner vermutlich sehr unwohl. Doch, das gefällt mir. Also spiele ich jetzt 18. Le5.''
Vabanque - 03.09.18    
Irgendwann hatte ich auch schon mal den Plan gehabt, eine Partie komplett in obigem Stil zu kommentieren, d.h. in allen wichtigen Schlüsselpositionen die möglichen Gedanken des Spielers, die zur Zugfindung geführt haben könnten, wiederzugeben. Aber erstens werden solche Partiekommentare dann sicher so lang, dass sie keiner durchlesen würde, und zweitens wird das auch für mich als Kommentator sehr aufwändig! Für den vorigen Beitrag (in dem es ja nur um einen einzigen Zug von Weiß geht!) habe ich über eine halbe Stunde gebraucht ...
Kellerdrache - 03.09.18   +
Wow Vabanque, so eine Masse von Gedanken habe ich mir nicht mal während einer ganzen Partie gemacht ;-)).
Vabanque - 03.09.18    
Doch, ich denke, auch wir machen uns solche Gedanken während einer Partie ... nur im Gegensatz zu einem GM sind bei uns sehr viele dieser Gedanken komplett falsch ... aber genau wie beim GM laufen viele dieser Gedanken bei uns auch komplett unbewusst ab ... deswegen bin ich auch der Meinung, dass Smejkal durchaus das Obige alles innerhalb weniger Minuten teils bewusst, teils unbewusst berücksichtigt haben könnte.
Vabanque - 03.09.18    
Hier ist der lange Zugfindungskommentar ja nur durch die (äußerst berechtigte) Frage von SF Oli1970 zum 18. Zug von Weiß entstanden.

Möglicherweise hat GM Smejkal ja auch überhaupt nicht nachgedacht und intuitiv und à tempo Le5 gespielt, weil das in dieser Stellung 'einfach gut sein muss', und über mögliche Alternativen deswegen auch keine Sekunde nachgedacht. Nur hilft niemandem von uns so ein 'Kommentar' weiter (wie man ihn leider in vielen GM-Kommentierungen ähnlich liest).
Oli1970 - 03.09.18   +
Von mir ich ein Wow! Das ist ja ein ganzes Buch zu diesem Zug! Gut, dass denken schneller geht als schreiben, was?

Dem folgend wäre die Zugwahl hier also vollständig von der korrekten Einschätzung der Stellung abhängig; grundsätzliche „Regeln“ (offene / geschlossene Stellung, guter / schlechter Läufer usw.) helfen nicht weiter. Mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit hätte ich gedacht: Beides geht, der Springer kann im Moment nicht viel tun, die Stellung wird sich bestimmt weiter öffnen, im Normalfall sind dann die Läufer wertvoller - und mich für die weniger gute Figur entschieden.

Schade, dass sonst offenbar niemand hier eine Meinung dazu hat oder sie zumindest nicht äußert. Den perspektivischen Wert der Leichtfiguren einzuschätzen finde ich im Mittelspiel mit am Schwierigsten. Das liegt sicher auch daran, dass mir oft der Gesamtplan fehlt.
Vabanque - 04.09.18   +
In diesem Zusammenhang ist es gewiss bemerkenswert, dass die Engine (bei mir Stockfish) 18. Se5 tatsächlich für stärker hält als 18. Le5. Aber das liegt ja auch genau daran, dass die Engine keinen 'Gesamtplan' hat, eigentlich hat sie überhaupt keinen Plan. Wie man ein User (der mir entfallen ist) schrieb: 'Fritz spielt nicht Schach, Fritz rechnet Schach'. Die Engines rechnen natürlich unheimlich weit und vor allem präziser als der Mensch, aber nach Plan spielen können sie nicht. Nach solchen Berechnungen führt 18. Se5 (wenn alle Abzweigungen stimmen!) nach 20 Zügen vielleicht zu einer vorteilhaften Stellung von Weiß, wenn beide das Beste treffen, aber wie ich oben ausgeführt habe, findet ein menschlicher Spieler (und vermutlich sogar ein GM) nach 18. Se5 nach wenigen weiteren Zügen schon keinen vernünftigen Plan mehr, wie er mit der fast zwangsläufig entstehenden Bindung von Läufer und Dame weiterspielt. Das ist dann alles allzu wacklig; niemand wird sich in einer solchen (wenn auch objektiv vielleicht vorteilhaften?!) Stellung wohlfühlen.
Das ist dann irgendwie ähnlich zu den passiven Stellungen ohne Gegenspiel, die Engines als 'ausgeglichen' bewerten, obwohl jeder menschliche Spieler sie verlieren wird ... ebenso gibt es auch Stellungen, die von den Engines als 'vorteilhaft' bewertet werden, aber kein menschlicher Spieler wird sie gewinnen, weil er keinen Plan sieht.