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Kuriose Eröffnung

Tschechov - 15.05.21    
Unter den mittlerweile 1298 von mir beendeten Spielen findet sich einmal eine kuriose Antwort auf 1.e4, nämlich b5! Der Bauer ist natürlich sofort weg. Nun kenne ich selbstverständlich Gambits wie das Nordische Gambit oder das sizilianische Flügelgambit, bei denen Bauern um der Beweglichkeit der eigenen Figuren willen geopfert werden. Auch wenn ich einem Gambit nicht prinzipiell ablehnend gegenüberstehe - in der Spitzenklasse des Schachs hat, wenn ich richtig unterrichtet bin, nur das Damengambit überlebt und das ist eigentlich kein richtiges, weil Schwarz im Fall der Annahme des Gambits den schlagenden d-Bauern nicht verteidigen sollte; viele Spieler stehen überdies auf dem Standpunkt, daß man nie Material verschenken sollte, zumindest nicht bereits in der Eröffnung - so finde ich 1.e4 b5 doch ziemlich dubios. Oder steckt da irgendeine Idee hinter, die ich bloß nicht verstehe?
Saison - 15.05.21    
Die Idee ist, die Partie zu verlieren😜
JamesBond007 - 15.05.21    
Hallo Tschechov,

Einen solchen ersten Eröffnungszug, der wohl nicht "korrekt" sein kann, hatt immerhin die Eigenschaft irritierend zu wirken und auch sofort die sog. Theorie zu verlassen.

Solche Einfälle begegnet man eher im Fernschach als im Verein "am Brett".

Ähnliche Eröffnungsideen gibt es wie Sand am Meer. Kennst du das Tübinger-Gambit?:

1. Sb1-c3 Sg8-f6 2. g2-g4 ?!

VG Marcel ~ alias JamesBond007
Alapin2 - 15.05.21    
Tschechov : Initiative um jeden Preis! Nach 2)Lb5: Lb7 muss (?) weiß seinen Be4 decken, rein formal ist Schwarz jetzt der Angreifer. Ähnliche Stellungen gibt es mit umgedrehten Farben und Mehrtempo (b4. e5, Lb2, f6, e4!).
"... das einzige Gambit, das im Spitzenschach überlebt hat..."
Hier wird aber nicht immer "Spitzenschach" geboten. Echten Zocker ist ziemlich egal, ob korrekt oder nicht, Hauptsache Probleme stellen.
In Blitzpartien ist bei Carlsen und Nakamura ja sogar e4, e5, Ke2 schon vorgekommen.
toby84 - 15.05.21    
"In Blitzpartien ist bei Carlsen und Nakamura ja sogar e4, e5, Ke2 schon vorgekommen."

da ging es aber nicht ums gewinnen.
Alapin2 - 15.05.21    
Toby: Soweit ich mich erinnere, hatte Naka das vorher schon gespielt und damit gewonnen. Als Carlsen es gegen ihn auch auspackte, bekam er fast einen Lachanfall, spielte seinerseits Ke7, und es wurde schnell remis gegeben.
Plummelschwubbb - 15.05.21    
Trotzdem wird so was wie Bongcloud nicht gespielt, wenn es um die Wurst geht. Selbst ein Carlsen, der ja 'gern von der Theorie abweicht' blitzt die Computer_beste_Züge_Eröffnungen fehlerfrei, da wird nicht experimentiert.

Im Endeffekt kommt man als Amateur am besten, wenn man gar nicht erst versucht alles an Eröffnungen zu lernen, sondern das Thema unter Bauernopfer abhakt, das eine Linie öffnet und eine Diagonale - Grund genug an die 'Korrektheit' zu glauben, bis es klarer wird :-)
Tschechov - 15.05.21    
Wisst ihr was, ich glaube, ich probiere das demnächst mal aus. Was wäre Schach ohne Risiko?
Hasenrat - 15.05.21    
@Tschechov
Genau diese "kuriose Gambiteröffnung" ist mir selbst auch schon unterlaufen als Schwarzer - ich hatte mich verzogen, weil ich Polnisch auf d4 spielen wollte - hab einfach schief geguckt ... - vielleicht ist das deinem Gegner auch passiert. ;-) Auf e4 ist das wirklich abnormal. Normalerweise bereitet man das doch mit a6 (St. George) vor. Oder ein beschleunigter Owen?

Ich hab mit meinem Unfall dann auch konsequenterweise verloren.
Hasenrat - 15.05.21    
Auch ausgewiesene Polnisch-Experten wie Peter Zimmer oder David Lonsdale (jener mehr, dieser weniger) kennen das auf e4 nicht, wie ich mich gerade vergewissert habe, auf die Schnelle ...
Tschechov - 15.05.21    
Mein Kontrahent hat auch verloren, aber angesichts unserer beiderseitigen Spielstärke sagt das nicht viel aus.
Hasenrat - 16.05.21    
Auch die oben geäußerte Argumentation mit dem offenen Orang-Utan mit vertauschen Farben leuchtet mir nicht ein.
Man hat das Minustempo (!) und gibt einen Zentrumsbauern (!) für nix!
Hasenrat - 16.05.21    
Falsch! 🙄😅 Man gewinnt keinen Zentrumsbauern für das Nix quasi- so wird ein Schuh draus!
Peke - 16.05.21    
Ich denke, es gibt durchaus Gambiteröffnungen, die man ernst nehmen muss weil man eben auch etwas für den Bauern bekommt. Ich denke da an das Wolgagambit, Königsgambit, auch das alte Evansgambit wurde von Kasparow in einer Turnierpartie gegen Anand mit Erfolg aufs Brett gebracht. Aber von diesem Gambit halte ich überhaupt nichts. Man gibt einen Bauern mit Schwarz für nahezu nichts.... das macht für mich keinen Sinn.
Vabanque - 16.05.21    
Der Threadtitel 'Kuriose Eröffnung' trifft es wohl recht gut.

Das Gambit 1. e4 b5 2. Lxb5 Lb7 wäre vielleicht am ehesten noch mit dem (Sokolsky?-) Gambit zu vergleichen, das nach 1. b4 e5 2. Lb2 f6 3. e4 Lxb4 4. Lc4 entsteht. Hier hat das Bauernopfer aber eine Berechtigung, da Schwarz seine Königsflanke ja bereits durch den Deckungszug f6 geschwächt hat. Die Ergebnisse aus der Praxis sprechen auch für Weiß.

Zu einem ähnlichen Stellungsbild mit vertauschten Farben käme es nur, wenn Weiß nach den Zügen 1. e4 b5 2. Lxb5 Lb7 seinen e-Bauern mit 3. f3 decken würde; dann könnte Schwarz e5 nebst Lc5 folgen lassen. Weiß kann aber m.E. einfacher mit 3. Sc3 decken.
(In der Situation nach 1. b4 e5 2. Lb2 deckt Schwarz deswegen nicht mit Sc6, da ja gleich b5 folgen würde; der b-Bauer ist hier ja noch nicht geschlagen.)

Ich habe bloß mal kurz in die Datenbank von chesstempo.com geguckt; in der Kategorie '2200 gegen 2200' finden sich zu 1. e4 b5 keine Partien, in dem Elo-Bereich darunter immerhin ganze 10, und merkwürdigerweise hat Weiß nur in 5 Fällen wirklich auf b5 genommen.

Statistisch haben die Ergebnisse bei so einer geringen Anzahl von Partien keine Aussagekraft.
Ich persönlich denke, dass Schwarz nach 1. e4 b5 2. Lxb5 Lb7 3. Sc3 keine Kompensation für den Bauern hat, auch nicht nach 3... f5!? (ein Versuch analog der Owen-Verteidigung 1. e4 b6 2. d4 Lb7 3. Ld3 f5) 4. d3!
Vabanque - 16.05.21    
>>Ich denke, es gibt durchaus Gambiteröffnungen, die man ernst nehmen muss weil man eben auch etwas für den Bauern bekommt. Ich denke da an das Wolgagambit, Königsgambit, auch das alte Evansgambit wurde von Kasparow in einer Turnierpartie gegen Anand mit Erfolg aufs Brett gebracht.<<

Ja genau. Ernst nehmen muss man auch das Budapester Gambit 1. d4 Sf6 2. c4 e5, das Albin-Gegengambit 1. d4 d5 2. c4 e5 (was Morozevich bewiesen hat), das dem Wolga-Gambit ähnliche Blumenfeld-Gambit 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 c5 4. d5 b5, das Lettische Gambit 1. e4 e5 2. Sf3 f5, das Schliemann-Gambit 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 f5, das Göring-Gambit 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. d4 exd4 4. c3, das Belgrader Gambit 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. d4 exd4 4. Sd5, das Staunton-Gambit 1. d4 f5 2. e4, das From-Gambit 1. f4 e5 und das Blackmar-Diemer-Gambit 1. d4 d5 1. e4 und noch ein paar andere, seltenere.

Zu all diesen Gambiten gibt es ja auch weit reichende theoretische Untersuchungen, größtenteils sogar ganze Bücher (oder, wie beim Königsgambit und Blackmar-Diemer-Gambit mehrbändige Werke). Die meisten davon mögen nicht vollständig korrekt sein, sie sind aber alle recht gefährlich vor allem für den, der die Theorie nicht kennt. Im Gegensatz zu dem hier zur Debatte stehenden Gambit 1. e4 b5 basieren die oben von SF Peke und die von mir genannten Gambite nicht allein auf dem puren Überraschungseffekt, sondern es steckt ein begründete Idee dahinter. Gegen kein einziges dieser Gambite spiele ich gern, meistens spiele ich so, dass ich sie von vorneherein vermeide (z.B. indem ich nach 1. d4 d5 und 1. d4 Sf6 jeweils nicht sofort c4, sondern erst Sf3 folgen lasse, um sowohl Albin wie auch Budapester aus dem Weg zu gehen.

Ein gewisser Schachfreund hier wird sich jetzt vermutlich ärgern, dass ich das Nordische Gambit in meiner obigen Liste ausgelassen habe ^^
Vabanque - 16.05.21    
Es kommt noch etwas hinzu, auch wenn das jetzt wieder oberlehrerhaft klingen mag (obwohl die Weisheit nicht von mir stammt):

Studiert man Standard-Eröffnungen (zu denen auch die klassischen Gambite gehören), profitiert man davon auch allgemein-schachlich, d.h. man lernt Stellungsverständnis. Bei der Beschäftigung mit kuriosen Ausnahmeeröffnungen wird man dagegen nicht wirklich etwas lernen.
Hasenrat - 16.05.21    
Einspruch: doch, wenn man damit zugleich lernt, warum sie eigentlich nicht gehen/funktionieren/"korrekt" sind. Man lernt die eigentlichen Prinzipien über die Negativfolie sozusagen.

Die meisten Lehrmedien, die eine Eröffnung propagieren, machen ja auch den Fehler, dass sie sie unter'm Strich als Erfolgsgeschichte zu verkaufen suchen. Wenn die kritischen Varianten gewürdigt werden, dann doch nur soweit, dass sie die Eröffnung insgesamt nicht in Frage stellen sollen.
Vabanque - 16.05.21    
Das stimmt nun allerdings auch wieder. Allerdings wird es (hoffentlich) kein Lehrmedium geben, das die Eröffnung 1. e4 b5 propagiert bzw. als Erfolgsgeschichte verkauft^^
Hasenrat - 16.05.21    
Also ich wäre neugierig darauf ... 😜

Und warten wir mal ab, wie kommende Rechnergenerationen diese Zugfolge beurteilen werden ... 😉
mydayyyyy - 29.05.21    
Gerade die strategischen und positionellen Gambits sind bis heute vollkommen spielbar, wenn auch auf hohem Niveau kaum gesehen. Gambits wie Wolga oder das BDG sind nicht auf einen kurzfristigen Sieg aus. Natürlich ist es im Bereich des Möglichen wenn der Gegner sich damit nicht auskennt.
Wobei ich b5 dann doch eher als Überraschung spielen würde und nicht als Haupt Waffe.