Kommentierte Spiele

Amateurschach - aus dem Keller

Kellerdrache - 03.07.18   +
Hier und da haben ja einzelne Leser den Vorschlag gemacht, doch Partien aus meiner eigenen Klasse zu bringen. Diese seien einfacher zu verstehen und es kämen eher Stellungen aufs Brett die ihnen zugänglich.

Ich denke mir den Versuch ist es wert. Das ausgewählte Beispiel ist eine Verlustpartie von mir, die ich voriges Jahr im Rahmen der Vereinsmeisterschaft meines Schachvereins gespielt habe. Fehler zuhauf, aber vielleicht ja auch hier und da noch eine nette Idee.

In meiner Kommentierung habe ich ein wenig mehr Platz auf die Erklärung der Eröffnung verwendet als sonst und hoffe es unterstützt das Verständnis der Partie. Sollten trotz Erläuterungen noch Züge übrig bleiben deren Sinn ihr nicht versteht, liegt es wahrscheinlich daran, dass sie keinen haben ;-)).



[Date "2018.03.25"]
[[White "Kellerdrache"]
[Black "Caro Kannicht"]
[Result "0-1"]
[ECO "B13"]
[PlyCount "52"]
[SourceDate "2017.03.28"]

1. e4 c6 2. d4 d5 3. exd5 cxd5 {die Caro-Kann Abtauschvariante. Ein relativ
anspruchsloser Aufbau, den aber schon Fischer gegen Petrosjan gespielt hat.
Normalerweise greift hier jede Farbe auf der Seite an wo sie eine halboffene
Linie hat. D.h. Weiß greift den Königsflügel an während Schwarz am Damenflügel
einen Minoritätsangriff mit a- und b-Bauern startet.} 4. c3 Nc6 5. Bd3 {
Weiß entwickelt die Läufer vor den Springern. Für ein beabsichtigtes Spiel am
Königsflügel ist der Ld3 natürlich sehr hilfreich} Nf6 6. Bf4 e6 {So etwas passiert wenn man Eröffnungen nach dem Gefühl spielt. Ohne Not sperrt Schwarz
seinen weißfeldrigen Läufer ein. Richtig wäre hier Lg4. Das sieht etwas
seltsam aus, da Weiß ja einfach f3 spielen kann, aber dann hätte er für keinen
seiner Springer ein passables Entwicklungsfeld. Die übliche Antwort auf Lg4
ist Db3} 7. Nf3 {beide Seiten beginnen ihren Kampf um das Feld e5. Schwarz
würde sicher gerne e5 durchsetzen um das Zentrum aufzulösen. Die Erfahrung
zeigt aber, dass das in dieser Variante selten möglich ist} Bd6 8. Ne5 O-O (
8... Qc7 {Schwarz hat bessere Aussichten die Kontrolle über e5 zu gewinnen
wenn er sofort den Kampf darum beginnt. Das Einschieben der Rochaden hilft
Weiß} 9. Qe2 Nd7 10. Bb5 {Weiß verstärkt die Verteidigung des Feldes e5
indirekt. Schlägt einer der beiden Springer ist der andere gefesselt}) 9. O-O
Qc7 10. Qe2 b6 11. Nd2 Bb7 12. Rac1 {Ist zu diesem Zeitpunkt
Zeitverschwendung. Es findet auf dem Damenflügel noch rein gar nichts statt}
Rac8 13. Ndf3 Kh8 {ein relativ sinnloser Zug, der später aber Bedeutung bekommt
} ({eine hübsche Idee von Fritz ist} 13... Ne4 14. Bxe4 dxe4 15. Qxe4 Nxe5 {
so würde die weiße Gier nach Bauern bestraft}) 14. Rfe1 Na5 15. b3 (15. Ng5 {
wäre möglich gewesen um auf den Nachteil von 13...Kh8 hinzuweisen - den
schwachen Punkt f7} Kg8 16. Bg3 {
um eventuell das Zentrum mit f2-f4-f5 anzugreifen}) 15... Nh5 {ein schwacher
Zug, der mit einem noch schwächeren beantwortet wird. Der Springer ist völlig
ungedeckt und lädt zu taktischen Tricks ein} 16. Bxh7 {ein idiotischer Zug.
Ich hatte nur mit der Folge 16...Kxh7 17.Sg5+ Kg8 Dxh5 gerechnet. Da mit dem
König auf h8 16.Lxh7 aber ohne Schach erfolgt hat Schwarz Alternativen} ({
bei etwas längerem Überlegen hätte ich vielleicht} 16. Nxf7+ {gefunden} Qxf7 (
16... Rxf7 17. Bxd6 Qxd6 18. Ng5 {und es hängen Tf7 und Sh5}) 17. Bxd6) 16...
Nxf4 17. Qe3 {Dc2 gefallt mir im Nachhinein besser, aber ich träumte noch
davon den schwarzen Springer zu bekommen} Bxe5 ({oder} 17... Kxh7 18. Ng5+
Kg8 19. Qxf4 Be7 {besser als f6, was mit Sxe6 beantwortet würde} 20. Ngxf7 Bf6
21. Nh6+ gxh6 22. Qg4+ Bg7) 18. dxe5 Ng6 ({Nicht so gut ist} 18... Kxh7 19.
Ng5+ Kg6 20. Qxf4 ) 19. Bxg6 fxg6 20. Qg5 (20. Ng5 {
der Springer ist die bessere Figur für g5} Rfe8 21. Qh3+ Kg8 22. Re3 {
um dem König mit Tf3 die Flucht abzusperren} Kf8 23. Rf3+ Ke7 24. Rf7+) 20...
Rf5 21. Qxg6 Qf7 {Weiß möchte gerne mit Schach auf die h-Linie ziehen, aber
sein Gegner lässt ihn nicht} 22. Qg4 Rf4 23. Qg3 {Weiß will Sg5 spielen.} Rf8
24. Ng5 {wenn man jetzt noch zu Dh3+ käme...} Qf5 25. h4 {
um die Dame nicht an die Deckung des Sg5 zu binden} Rg4 26. Qe3 (26. Qf3 Qxf3
27. Nxf3 Rxf3 {
und Schwarz hätte zwei Figuren mehr, da der g-Bauer gefesselt ist}) 26... d4 {
die Dame ist angegriffen und es droht Txg2+. Ich hatte genug} (26... d4 27.
cxd4 Rxg2+ 28. Kf1 (28. Kh1 Rxf2+ 29. Kg1 Qg4+) 28... Rxf2+ 29. Kg1 Qg4+) 0-1

Vabanque - 03.07.18    
Also erstmal muss ich ja deinen Mut loben, so eine fürchterlich verlorene Partie von dir selbst hier reinzustellen! Vor allem wo ich völlig sicher bin, dass du normalerweise auf deutlich höherem Niveau spielst und selbst auf höherem Niveau verlierst :-)

Die Partie sieht mir eher ein wenig so aus, als ob du damit beweisen wolltest: 'Seht her, warum es sich nicht wirklich lohnt, Amateurpartien hier reinzustellen. Sie hinterlassen so einen schalen Nachgeschmack im Mund.'

Ein wenig stimmt das auch. Offensichtlich 'sinnlose' Züge (wie hier Kh8) erweisen sich hinterher als gut, denn mit dem K auf g8 hätte das Läuferopfer auf h7 ja funktioniert.

Nebenbei betrachtet erweist sich auch der von dir kritisierte Zug 12. Tac1 später zumindest als sinnvoll (ob gut, ist natürlich wieder eine andere Frage), weil ohne ihn 15. b3 nicht ginge. (Bei dem von dir vorgeschlagenen 15. Sg5 bin ich nicht sicher, ob es überhaupt etwas droht, f7 ist doch momentan noch ausreichend gedeckt?)

Es kommt aber noch merkwürdiger. Eigentlich wirft 16. Lxh7? nach Sxf4 die Partie ja einzügig weg, wie man meinen möchte. Wie kann es aber dann sein, dass wenig später 20. Sg5! statt Dg5? die Partie sogar noch für Weiß gewinnt, wenn deine Analyse stimmt?
Da muss Schwarz dann doch wohl noch irgendwo einen gewaltigen Fehler eingebaut haben, aber wo? Möglicherweise mit 17... Lxe5, denn in der nach 17... Kxh7 angeführten Variante scheint Schwarz ja zu gewinnen, auch wenn eine so offene Königsstellung einen noch so großen Materialvorteil schnell illusorisch machen kann.

Nach 20. Dg5 hat Schwarz dann wohl gut gespielt und Weiß keine Chance mehr gelassen.

Insgesamt ist diese Partie natürlich durchaus interessant, aber letzten Endes bleibt man schon etwas unbefriedigt zurück, und die entscheidende Frage lautet natürlich:

Kann ein Amateur aus einer solchen Partie wirklich mehr lernen als aus einer GM-Partie?

Ich kann diese Frage nicht beantworten, denn erstens kann ich natürlich nur für mich selber sprechen, und zweitens kann ich ja nicht mal mit Sicherheit sagen, ob ich hier nun beim Nachspielen tatsächlich weniger oder eben doch mehr gelernt habe aus all den GM-Partien.

Deswegen wäre es interessant, diesbezüglich weitere Stimmen zu hören.

P.S. Caro konnte ja doch ;)
crysi40 - 03.07.18    
Die Partie sieht mir eher ein wenig so aus, als ob du damit beweisen wolltest: 'Seht her, warum es sich nicht wirklich lohnt, Amateurpartien hier reinzustellen. Sie hinterlassen so einen schalen Nachgeschmack im Mund.'

Finde ich überhaupt nicht....

Was soll man lernen wenn Großmeister spielen?
Sowas hat man selten auf Brett...man staunt drüber ja das stimmt was für
gute Züge Sie dann aus Hut zaubern.
Eine Partie die man nachvollziehen kann (Spielstärke, Eröffnung)finde ich interessant nach zu spielen vor allen auch weil es gut kommentiert ist .Halt eine Partie die jeden Mal spielt viele Fehler oder halt wenige.
Ich fand es gut.
Tschechov - 04.07.18    
Auf dem Niveau, auf dem unsereiner spielt ( Du magst Dich nicht gemeint fühlen, schließlich spiele ich nicht in Deiner Liga), gibt es das öfter mal, daß scheinbar (oder eben anscheinend) vollkommen sinnlose Züge, die normalerweise nur einen Tempoverlust bedeuten, irgendwann noch zum Guten ausschlagen. Deswegen sinkt bei mir allmählich der Panikpegel, wenn ich bei einer meiner Partien feststelle, daß ich einen Zug vergeudet habe. "Wer weiß, wozu das noch gut ist" sage ich mir dann. Betreffs Lerneffekt: Heute in Partie vertieft Aljechin versus Bogoljubow. Gelernt: Aljechin ganz toll! Noch Fragen?
Vabanque - 04.07.18    
>>Betreffs Lerneffekt: Heute in Partie vertieft Aljechin versus Bogoljubow. Gelernt: Aljechin ganz toll! Noch Fragen?<<

Ja, so einige :-)

Zunächst mal: Welche Partie Aljechin - Bogoljubow war denn das? Die beiden haben unzählige Partien gegeneinander gespielt.

Nach deiner Antwort stelle ich meine weiteren Fragen ;)
Vabanque - 04.07.18    
>>Was soll man lernen wenn Großmeister spielen?<<

Auf diese 'Generalfrage' habe ich schon mal in einem anderen Thread geantwortet, deswegen zitiere ich jetzt mal bequemerweise mich selbst:

>>Es stimmt, dass man GM-Partien (und vor allem Top-Partien) nicht so wirklich versteht, jedenfalls nicht zur Gänze und nicht in allen Details.
Aber ich finde, dass das gar nicht nötig ist, um sie genießen zu können bzw. um einen Eindruck von der Spielweise eines GM zu gewinnen.

Man wird immer (vor allem unter Zuhilfenahme geeigneter Erläuterungen) einzelne Aspekte einer solchen Partie verstehen und dann auch würdigen können, z.B. die Schlusskombination, bestimmte positionelle Elemente (wie Spiel auf schwache Punkte, Kontrolle von Linien) oder einfachere strategisch-taktische Elemente (wie z.B. Linienöffnung am Königsflügel, Ausnutzung einer Angriffsmarke) oder auch den groben strategischen Leitfaden. Man darf nicht die Partie von vorne bis hinten Zug um Zug verstehen wollen, das ist allenfalls ab einer eigenen Spielstärke von 2200+ möglich, und selbst solche Spieler haben mir 'verraten', dass ihnen die Denkweisen der 2700er oft ziemlich fremd sind.

Aber bestimmte Züge oder Pläne der Partie wird man immer verstehen, und daraus auch etwas fürs eigene Spiel profitieren. Zumindest ist das meine Erfahrung.<<

Und SF Kellerdrache hatte dazu geschrieben (was ich jetzt auch mal zitiere):

>>Was ich z.B von Tal und auch Kasparov gelernt habe ist die Bedeutung der Initiative im Schach. Beide zeichnete es aus, dass sie ohne Zögern positionelle und materielle Zugeständnisse machten um die Hand ans Steuerrad zu bekommen.
Jeder Anfänger neigt ja dazu den Wert des Materials statisch zu betrachten, so nach dem Motto : "Ich hab zwei Türme, einen Läufer und einen Springer. Du auch, also stehen wir ausgeglichen."
Aus den Partien der Herren lernt man sehr gut, dass ein Läufer 4 oder 5 Bauern wert sein kann oder auch nur einen. Opfert man also eine Leichtfigur um z.B. seinen Läufer um einen Bauern aufzuwerten und gleichzeitig dem gegnerischen Springer zwei Felder zu nehmen, hat man statisch vielleicht 3 Bauerneinheiten weggegeben. Dynamisch war es aber vielleicht ein Tausch.<<

Wenn die meisten Lehrbücher überwiegend mit GM-Partien als Lehrbeispielen arbeiten, kann diese Methode ja wohl so falsch nicht sein.

Allerdings gibt es auch immer wieder auch in solchen Büchern Beispiele aus dem Amateurbereich, wenn sie didaktischen bzw. ästhetischen Wert haben.

Deswegen finde ich es nach wie vor gut, wenn hier in den Kommentierten Spielen beides (Meisterpartien wie Partien von Durchschnittsspielern) seinen Platz hat.
Tschechov - 04.07.18    
@Vabanque: Bogoljubow versus Aljechin, Hastings 1922. Aljechin spielte holländisch.
Vabanque - 04.07.18    
Ah ja, danke, das ist die Partie, welche in ganz vielen Lehrbüchern abgedruckt ist, weil sie enorm viele Themen und Wendungen beleuchtet ... nur weiß ich nicht, ob man mit solchen 'Kalibern' beginnen sollte ... dafür habe ich ja mein neues noch ungelegtes Ei konzipiert, das von leichter verständlichen GM-Partien handeln soll. Die von dir genannte Partie hat darin ebensowenig einen Platz wie die von dir früher erwähnte Partie Byrne-Fischer. Das ist alles eher schon für Experten.
Kellerdrache - 04.07.18    
Nein, Abschreckung gehörte nicht zu meinen Absichten. Fehler taktischer und vor allem strategischer Art gehören ja zum Amateurschach zum täglichen Brot. Sie sind nicht immer so spektakulär wie Lxh7, aber sie sind immer da. Im Vergleich zum Durchschnitt ist diese Partie insofern anders als sie relativ konsequent einer Idee folgt.
Wie deutlich Schwarz die Eröffnung vergeigt hat zeigt die Tatsache, dass selbst nach einem Patzer die Partie noch nicht eindeutig entschieden ist. Mein Freund Fritz, als Blechkopf ja Materialist, schlug vor statt Sg6 das Pferdchen einfach auf g2 zu geben und dann mit Kxh7 den Läufer zu nehmen. Allerdings sieht mir das auch nicht sehr gesund aus
Vabanque - 04.07.18    
Naja, es liegt wohl daran, dass die schwarzen Figuren alle ziemlich untätig am Damenflügel herumstehen und dem schwarzen König nicht helfen können. Da kann man schon mal eine Figur geben, wenn auch (hier) unbeabsichtigt.
crysi40 - 04.07.18    
Also ich finde es gut wenn man Partien reinstellt die man selber gespielt hat(Oder auf diesen Level). Auf chessmail sind nicht nur Schachgranaten und wenn man das liest als Einstieg was man auch gut nachvollziehen kann (natürlich wie immer hier gut analysiert)kann man dann auch sich in Wechseln den Großmeister zu wenden.
Kellerdrache - 04.07.18   +
Lernen kann man aus dieser Partie eventuell:

a) Man muß nicht unbedingt jede Theorievariante kennen, aber die kritischen Züge sowie die groben Pläne die die Eröffnung vorgibt sollte man schon verinnerlicht haben. Im konkreten Beispiel sollte man den Zug Lg4 und die Idee dahinter kennen.

b) Es ist im Schach wichtig Muster wieder zu erkennen, wie hier die typische Konstellation für ein Läuferopfer auf h7, aber konkret rechnen ist immer noch besser als gefühlsmäßig zu ziehen.

c) Auch eine Stellung in der man gepatzt hat, hat oft noch viel Potential. Verdrängt man den Fehler und konzentriert sich wieder findet sich oft noch ein Ausweg.
Vabanque - 04.07.18    
Das kann ich doch alles Wort für Wort so unterschreiben.

Wenn wir diese drei Punkte stets verinnerlicht hätten, wir würden alle deutlich stärker spielen.

Zu a) Allzu oft versuchen wir uns während einer Turnierpartie an die 'richtigen' Züge zu erinnern ('wie war das nur? vor paar Wochen hab ich mir noch eine Partie von Anand mit dieser Variante angeschaut ... was hat der bloß in dieser Stellung gezogen? oder war das gar nicht diese Stellung, sondern bloß eine ähnliche? Hilfe!').
'Hilfe' gibt es leider nur, wenn man die Züge, die man spielt, bzw. die Ideen dahinter, auch verstanden hat, bzw. (in geschlossenen Stellungen, wo es nicht auf jeden konkreten Zug ankommt) die typischen Pläne und Stellungsstrukturen kennt.
In offenen Stellungen jedoch hilft auch dies nichts, da kommt es auf die konkreten Zugfolgen an. Spielt man z.B. im Max-Lange-Angriff (im Zweispringerspiel) einen Zug neben der Theorie, kann man meist ein paar Züge später aufgeben. Deswegen kommt dieses Abspiel ja auch so selten aufs Brett, denn jeder scheut solche Gedächtnisakrobatik.

zu b) Man müsste schon ein Capablanca oder Fischer sein, um ohne Rechnen auszukommen. Diese Beiden behaupteten es zumindest ('Ich habe es nicht nötig zu rechnen. Ich gewinne auch so'). Die beste Empfehlung ist vielleicht, durchaus auf sein Gefühl zu achten, dann aber den 'gefühlsmäßigen' Zug auch durchzurechnen.

zu c) Da fällt mir spontan Frank Marshall ein, vielleicht der größte 'Schwindler' der Schachgeschichte. In wie vielen objektiv verlorenen Stellungen fand er einen taktischen Ausweg, aber nur deswegen, weil er auf taktische Tricks 'programmiert' war. Oder tatsächlich nur deswegen? Nein, er hatte auch genügend Kaltblütigkeit und Selbstvertrauen, die verlorene Stellung noch zu retten. Mir ging es in Turnierpartien leider oft so, dass ich (auf Kosten meiner wertvollen Bedenkzeit!) den vergebenen Chancen früherer Züge nachtrauerte, statt - wie es richtig gewesen wäre - sich ausschließlich mit der gegenwärtigen Stellung und den kommenden Zügen zu beschäftigen , denn allein von ihnen hängt das Schicksal der Partie ab
Oli1970 - 05.07.18   +
Guten Abend allerseits und insbesondere dem Kellerdrachen,

zu aller erst ein Dankeschön für das Einstellen dieser Partie. Sie ist mindestens ein großartiges Experiment auf Resonanz in dieser Rubrik und ich denke, dass man auch daraus lernen kann. Zumindest mich hat sie neugierig gemacht, und ich habe mir die Sache dann ab dem 17. Zug mal näher angesehen. Oder - um ehrlich zu sein -, die Blechbüchse gucken lassen.

Ob Großmeister oder kleiner Meister, auch in dieser Partie finde ich die unternommenen Züge völlig logisch und plausibel und in keinem Fall hätte ich eine bessere Lösung gesehen. Das ist leider wohl auch das Grundproblem, alles Mögliche sieht solange gut aus, bis es widerlegt wird, und man steht da und fragt sich, was und wann es eigentlich so völlig aus dem Ruder lief. Vielleicht lautet die Frage nicht nur, was lerne ich daraus, sondern auch, wie lerne ich daraus? Am besten sogar nachhaltig.

Du schriebst, im Nachgang habe Dir 17. Dc2 besser gefallen, natürlich wollte ich wissen, warum. Okay, hätte es nicht. Mit g6 wäre der Lh7 eingesperrt gewesen, der schwarze Vorsprung gewachsen und irgendwie geht es nicht mehr weiter.
Es bestätigt sich Vabanques Vermutung, dass 17. ...Lxe5 die falsche Entscheidung war und nach 18. ... Sg6 hat sich das Blatt plötzlich gewendet. Wie bemerkt man das in einer laufenden Partie mit einer Uhr im Nacken? Sieht doch zunächst gut aus, Läufer weggesperrt, der schlägt, wird geschlagen, Turmlinie offen, vielleicht noch d5-d4 - das kann doch nur gut werden.

Und dann kommt der Gegner und widerlegt den Plan. Der Läufer schlägt, wird geschlagen und der Blechheini vergrößert den weißen Vorsprung ins Unermessliche. Noch immer ist nicht klar, warum? Der Plan stimmt doch noch ... alles wie berechnet, oder? Nur leider erfolgten dann schon drei Patzer hintereinander, weil man hinterher immer schlauer ist. Kellerdrache war so freundlich, das im 20. Zug zu korrigieren. Es ist einigermaßen offen, bis mit 25. h4 der Selbstmord eingeleitet wurde. Der Gedankengang dahinter - Deckung des Sg5 - klingt plausibel, was mich davon abgehalten hätte, wäre gewesen, dass damit der kurz vorher gedachte Plan mit Dh3+ futsch gewesen wäre ... alle Denkleistung bis hierhin umsonst ...

Die andere Sache ist, wäre mir was Besseres eingefallen? Dh3 und tauschen? Womit ginge der eigene Plan weiter? Plötzlich ist Weiß wieder völlig in der Verteidigung. Nochmals die Zauberkiste gefragt, bin etwas denkfaul gerade, aha, f3 ist es, Stellung soweit ausgeglichen und Schwarz weiß auch nicht, wie es weiter geht.

So, ich vertrete hier die gegenteilige Position zu Vabanque - ich finde die Partie sehr lohnenswert. Allein schon, weil sie mich neugierig gemacht hat, mich damit ein paar Stunden, inklusive dieses Beitrags, zu beschäftigen und mich zu fragen, hätte ich es besser gekonnt? (Man möge mir diese kleine Vermessenheit nachsehen, etwas Arroganz gehört dazu. ;-) ) Bei Großmeisterpartien schließe ich das mal von vorneherein aus, weiterer Aufwand unnötig. Außerdem, was bleibt mir anderes übrig? Ich habe es ja so gewollt. :-)

Die Partiekommentierung erläutert weitgehend die Gedanken, die sich Kellerdrache machte, und ich finde sie durchweg nachvollziehbar. Schön auch Deine harsche Eigen-Schelte zum 16. Zug - gerne drüber gelacht! Die gedachte Falle sah hervorragend aus, da hätte ich gerne genauso zugegriffen. Bis zum schwarzen Antwortzug ist ja auch nichts passiert, worüber man sich Gedanken machen müsste. :-)

Also, Dankeschön für die Unterhaltung und den Einblick in Deine Partie-Gedanken! Mir hat`s Spaß gemacht.
Vabanque - 08.07.18    
Hallo Oli,

solche ausführlichen Statements zu den Partiekommentaren würde man sich natürlich immer wünschen :)

Das Problem ist bloß - wie du merkst -, dass nach einem so sachlich und fundiert vorgebrachten Kommentar (der auch noch sprachlich einwandfrei formuliert ist) meist niemand mehr etwas Weiteres schreibt, weil alle wie 'erschlagen' sind :)

Ich will daher auch nur noch betonen, dass ich keineswegs unbedingt (und schon gar nicht generell!) eine gegenteilige Meinung vertrete. Ich habe oben schon geschrieben, dass je nach konkretem Beispiel sowohl Amateurpartien (trotz oder gerade wegen der Fehler!) als auch GM-Partien (weil hier die Fehler viel präziser ausgenutzt werden) besonders lehrreich sein können.

Gerade weil man 'es' bei GM-Partien wohl nicht 'besser gekonnt' hätte (obwohl auch das bei ganz vereinzelten Zügen mal im Bereich des Möglichen ist), kann man aus ihnen ja lernen, wie man es besser macht.

Bei Amateurpartien ist der Lerneffekt vielleicht ein bisschen anders.

Jede Partie kann lehrreich sein, wenn man sich damit beschäftigt.
Oli1970 - 08.07.18    
Hallo Vabanque,

passt schon, wir sind da praktisch einer Meinung.

Der Reiz, mich mit einer Amateur-Partie zu beschäftigen, ist für mich höher, weil Fehler offensichtlicher sind. Häufig schon nach drei, vier Zügen tritt die Wirkung ein; dadurch ist die Variante für mich transparenter und ich eher bereit, mich darauf einzulassen.

In GM-Partien ist es oft eher die Summe kleiner Vorteile und Ungenauigkeiten, die zum Gewinn führt. Alles wirkt dadurch „zäher“ und ist weniger zu durchdringen. So eine Partie verlangt nach viel mehr Zeit und Arbeit. Die Bereitschaft zum Invest unterscheidet den Hobby-Gelegenheitsspieler (wie z. B. mich) vom Hardcore-Spieler. Spaß am Spiel haben wir ja trotzdem alle, wenn auch auf unterschiedlicher Flughöhe. :-) Jede Partie kann lehrreich sein - wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär‘. :-)

Viele Grüße
Olav