Kommentierte Spiele

Ehrenrettung von GM Lothar Schmid (Schmid-Westerinen 1968)

Vabanque - 26.10.18   ++
Die beiden schlimmen Niederlagen Lothar Schmids, in denen er jeweils mit 'seinem' Eröffnungssystem Schiffbruch erlitt, ändern nichts an der Tatsache, dass er in den 50er und 60er Jahren ein Top-Spieler war, der sogar Siege gegen Größen wie Pachman, Keres, Bronstein und Larsen auf sein Konto buchen konnte. Da Schmid ein geduldiger und zäher Spieler war, sind seine Partien oftmals recht lang. Hier stelle ich allerdings eine kurze Partie vor, die er beim Bamberger Turnier 1968 gegen den finnischen GM (damals noch IM) Westerinen spielte. Bei diesem Turnier erreichte Schmid hinter dem Turniersieger Keres punktgleich mit dem damals amtierenden Weltmeister Petrosjan (der den 2. Platz belegte) den 3. Platz! Petrosjan hätte er in diesem Turnier sogar besiegt, wenn er nicht wegen Erschöpfung in Gewinnstellung das Remisangebot des Weltmeisters angenommen hätte ... Nun, wieder zurück zur hier gezeigten Partie: Es ist erstaunlich und auch amüsant zu beobachten, wie Schmid scheinbar alle Eröffnungsgrundsätze missachtet (er macht etliche, teils 'schwächende' Bauernzüge in der Eröffnung, bewegt Figuren mehrmals, rochiert nicht), und damit in 13 Zügen eine überlegene Stellung erreicht.

[Event "Bamberg"]
[Site "Bamberg FRG"]
[Date "1968.04.14"]
[Round "4"]
[White "Lothar Schmid"]
[Black "Heikki Westerinen"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "A54"]

1. c4 e5 2. Nc3 Nf6 3. Nf3 d6 4. d4 e4 {So frühzeitige Bauernvorstöße sind
immer mit Vorsicht zu genießen, denn der 'festgelegte' Bauer kann leicht zum
Angriffsobjekt werden. So auch hier (ohne dass man den Textzug als einen Fehler
bezeichnen könnte). Ohne sich frühzeitig festzulegen, konnte Schwarz gut mit Sbd7 die Zentrumsspannung aufrecht erhalten.} 5. Ng5 {Der wesentliche Umstand ist nun, dass der schwarze
e-Bauer ein Pseuo-Isolani geworden ist (er hat zwar Nebenmänner, doch können
ihm diese momentan keine Hilfe leisten) und daher der Figurendeckung bedarf.}
5... Bf5 6. g4 $5 {Bringt den Lf1 mit Tempo ins Spiel. Dadurch tauscht Weiß
indirekt einen Flügelbauern gegen den wertvolleren Zentrumsbauern.} 6... Bxg4
7. Bg2 Nc6 8. Ngxe4 Nxe4 9. Nxe4 Qd7 $2 ( {Geboten war} 9... Be7 {und auch gut;
nach dem Textzug (der teils mit Lh3, teils mit der langen Rochade liebäugelt) gerät Schwarz verblüffend schnell auf die schiefe Bahn.} ) 10.
h3 Bf5 {Einen befriedigenden Platz findet der jetzt nicht so recht; nach e6
durfte er natürlich nicht wegen der Bauerngabel.} 11. Ng3 Bg6 12. h4 {Damit
möchte Weiß nicht nur mittels weiterem Vorstoß den Lg6 erneut belästigen,
sondern auch dem Lg2 ggf. auf h3 ein neues Betätigungsfeld verschaffen.} 12...
h6 ( {Nach} 12... O-O-O $4 13. h5 Bf5 14. Nxf5 Qxf5 15. Bh3 {hätte der vorige
weiße Zug seine volle Stärke gezeigt. Daher der schwarze Textzug. Nun schwenkt
Schmid aber urplötzlich zum anderen Flügel, mit dem Ergebnis, dass sein Gegner
vor Schreck aus dem Sattel fällt.} ) 13. Qb3 $1 Nxd4 $2 {Verliert auf der
Stelle; das Fragezeichen ist allerdings - wie SF Oli1970 wohl sagen würde -
pure Großzügigkeit, denn selbst auf die relativ beste Antwort 13... 0-0-0 (und zudem die einzige, die zu 9... Dd7 passt) hat
Weiß mit den Möglichkeiten, d5, h5 und Lh3 eine überlegene Stellung. Auf 13...
Tb8 wäre die weiße Überlegenheit sogar noch größer, da der schwarze König in
der Mitte verbliebe.} 14. Qe3+ ( {Westerinen hatte wohl nur mit} 14. Qxb7 Rd8
{gerechnet, wonach er mit der Möglichkeit Sc2+ auf Gegenspiel gehofft hatte.
Schmids Textzug ist viel stärker und war sicher eine unangenehme Überraschung
für den finnischen GM. } ) 14... Ne6 {Sonst Springerverlust.} 15. f4 {Die
Pointe des Schmidschen Damenmanövers: f5 droht mit Gabel und gleichzeitig mit
Fesselung des Se6, so dass nur der folgende Zug sofortigen Figurverlust
verhindert.} 15... f5 {Nun aber haben Se6 und Lg6 ihre Deckung eingebüßt, so
dass Schmid die Partie mit dem folgenden hübschen Ablenkungsmanöver sofort
beenden kann:} 16. Bxb7 Rd8 17. Bc6 $3 {und der Finne gab auf} (17. Bc6 Qxc6
18. Qxe6+ Be7 19. Qxg6+ {mit weißer Mehrfigur. - Schmids verwirrendes
Flankenspiel ist seinem Gegner nicht gut bekommen.} ) 1-0


Ist so eine ungewöhnliche Partie hauptsächlich originell und zum Staunen, oder kann man aus ihr auch etwas lernen?
Nachmachen kann man so ein Spiel bestimmt nicht (außer man hat Schmids Positionsverständnis), ich denke aber schon, dass es auch ein paar lehrreiche Elemente enthält.

1) Zentrale Bauernvorstöße in der Eröffnung sind oft verlockend, doch steht der Bauer auf dem vorgerückten Feld wirklich stark und einengend? Oder wird er vielmehr selbst zum Angriffsobjekt?
Nicht immer ist diese Frage leicht zu entscheiden. Im Zweifelsfall, und wenn eine gute Alternative besteht, verzichtet man besser auf den Bauernvorstoß (wie auch auf den Tausch), und hält die Zentrumsspannung so lange wie möglich aufrecht (als Faustregel).

2) Der (auch indirekte) Tausch eines Flügel- gegen einen Zentrumsbauern bringt einen Bauern mehr im Zentrum ein, was oft einen Vorteil bedeutet. In dieser Partie fällt insbesondere der lästige e-Bauer von Schwarz auf Kosten des g-Bauern, dessen Vorstoß natürlich theoretisch immer auch eine Schwächung des Königsflügels bedeutet. So lange Weiß aber die Initiative behält, kann Schwarz diese Schwächung nicht ausnutzen.

3) Urplötzlich den anderen Flügel zu überfallen, während der Gegner am einen Flügel noch damit beschäftigt ist, seine dortigen Angelegenheiten zu ordnen, kann unter Umständen schnell die Entscheidung herbeiführen.
freak40 - 26.10.18   +
Wirklich eine außergewöhnliche Partie!

Sehr gut erklärt
Kellerdrache - 26.10.18   +
Schon 6.g4 ist ja so ein Zug, der unsereinem nicht so leicht von der Hand geht. Einfach so die potentielle Rochadestellung öffnen und überhaupt Angriffsaktionen einleiten bevor man richtig entwickelt ist ?
Interessant zu sehen ist wie schnell Schmid seinem Gegner auf der Diagonalen h3-c8 die Kontrolle aus der Hand nimmt. Was gerade noch wie eine schwarze Trumpfkarte aussah wird mit zwei, drei Zügen zu einer Schwäche gemacht.
13...Sxd4 war dann schon der entscheidende Fehler. Klar steht Weiß auch nach 13...0-0-0 besser, aber so flott verloren wie in der Partie ist es dann doch nicht
Oli1970 - 26.10.18   +
Oh, ich werde mal wieder zitiert! Eines Tages wird man einen Kalender mit meinen denkwürdigsten Worten rausbringen, ich bin mir ganz sicher! :-)

Das ist eine hübsche Partie von Schmid. Es gefällt, dass er hier die gleiche Durchschlagskraft zeigen darf, die er in den beiden von mir gezeigten Spielen erdulden musste. Er macht kurzen Prozess mit seinem Gegner, obwohl die beiden spielerisch, glaube ich, ziemlich auf einem Level einzuordnen waren.

Kellerdrache hat schon recht mit seiner Bemerkung zu 6. g4 - freiwillig so früh aufzuziehen, würde man sich wohl zweimal überlegen. Und sicherheitshalber von der Idee Abstand nehmen. Bei Licht betrachtet ist der Zug durchaus erwägenswert. Schmid schafft sich die beschriebenen Vorteile und eröffnet sich die Rochademöglichkeit. Drei Fliegen auf einem Streich. Nach dem 11. Zug hat er da ein kleines Bollwerk geschaffen, hinter dem der König sicher stünde.

Der 11. Zug von Schwarz ist auch die Stelle, an der ich mit dem Schicksal hadere. Ist Lg6 nicht schlechter zu bewerten als 9. Dd7 bzw. als der Bock der Partie zu identifizieren, bei dem Le7 noch gegangen wäre? Zumindest wertet mein Bitschubser hier noch mal deutlicher ab. Mir fehlt's hier mal wieder für die eigenen Ideen dazu.

Die Variante zum 12. Zug ist herzallerliebst, ich bin nicht sicher, ob ich die Folge der Rochade richtig gesehen hätte. Beim ersten Drüberschauen jedenfalls nicht, mein Problem sind immer wieder die Flügelläufer. So war auch mein erster Gedanke zum 13. Zug, warum Schwarz nicht einfach Sa5 spielen und mit b6 decken kann. Weil ich Pflaumenaugust den Läufer h2 einfach nicht als Läufer wahrnehme. Und ich bin nicht sicher, ob das nur eine Nachlässigkeit beim Nachspielen oder nicht eher eine Nachlässigkeit allgemeiner Natur bei mir ist. Andererseits, wenn Westerinen De3+ tatsächlich nicht erwägt hat, verzeihe ich mir großmütig selbst.

Der Hausmagier weiß statt 15... f5 doch noch Rat und zieht frohen Mutes Da4. Daraufhin ergeben sich zwei interessante Möglichkeiten. Zunächst 16. f5 Lxf5 17. Sxf5 Da5+ mit Abholung des Springers. Oder aber 16. Lh3 Le7 17. f5 Lxf5 18. Sxf5 Dxc4 O-O. Beide Bilder sehen recht ulkig aus. Der große Houdini erkennt in beiden Varianten auf weißen Vorteil, aber ganz ehrlich, mit den schwarzen Steinen wäre ich auch nicht unglücklich. (Okay, vielleicht beweise ich damit wieder mal mangelndes Schachtalent. Aber dafür hätte ich nicht das unbändige Gefühl luftiger Freiheit, das mich als weißer König überkommen würde.)

Tolle Kurzpartie mit einem starken Herrn Schmid hast Du da ausgegraben. Seine Ehre ist gerettet. :-) Das Nachwort rundet die Kommentierung wieder gelungen ab; diese Zusammenfassungen bleiben (hoffentlich) besser im Gedächtnis hängen, als wenn sie irgendwo in der Kommentierung stünden, und sie regen nach der Partie nochmals zum Nachdenken an. Das funktioniert auch ohne "Locker, leicht und lehrreich"-Überschrift. Schmid und der Kommentator haben ihre Sache gut gemacht. ;-)
Vabanque - 26.10.18   +
>>Der 11. Zug von Schwarz ist auch die Stelle, an der ich mit dem Schicksal hadere. Ist Lg6 nicht schlechter zu bewerten als 9. Dd7 bzw. als der Bock der Partie zu identifizieren, bei dem Le7 noch gegangen wäre?<<

Hm, wenn Lg6 schlecht ist, dann muss sich Schwarz aber zwangsläufig diesen Läufer (und das ist momentan seine einzige aktive Figur!) tauschen lassen, und damit Weiß zu den anderen Vorteilen auch noch den des Läuferpaars überlassen. Zumindest so ähnlich schätze ich hier die Gedankengänge des Schwarzen ein. Er hatte bereits hier nur die Wahl zwischen zwei Übeln (sich den zumindest scheinbar gut stehenden Lf5 tauschen zu lassen oder ihn weiteren Nadelstichen aussetzen). Es ist nicht so einfach, in so einer Situation das kleinere Übel als solches zu erkennen, auch wenn es unser Freund Fritz an unserer Seite manchmal so suggeriert.

>> So war auch mein erster Gedanke zum 13. Zug, warum Schwarz nicht einfach Sa5 spielen und mit b6 decken kann.<<

Ich denke, nach 13... Sa5 14. Db4 wäre der Käse bereits gegessen (denn wie du nachher richtig schreibst, b6 geht ja nicht wegen des Lg2, der dann auf den Ta8 zielt).

>>Andererseits, wenn Westerinen De3+ tatsächlich nicht erwägt hat, verzeihe ich mir großmütig selbst.<<

Ich bin meinerseits nicht so sicher, ob er wirklich De3+ übersehen hat (was allerdings möglich ist) oder nur die Kraft der Möglichkeit f2-f4-f5 nach der erzwungenen Antwort Se6 in der Vorausberechnung nicht genügend gewürdigt hat. Oft bricht man Berechnungen doch zu früh ab (nach der Art: 'spielt er den, kann ich mit ... noch decken', ohne an der betreffenden Stelle die weiteren Möglichkeiten zu untersuchen).

>>Der Hausmagier weiß statt 15... f5 doch noch Rat und zieht frohen Mutes Da4. Daraufhin ergeben sich zwei interessante Möglichkeiten. Zunächst 16. f5 Lxf5 17. Sxf5 Da5+ mit Abholung des Springers. Oder aber 16. Lh3 Le7 17. f5 Lxf5 18. Sxf5 Dxc4 O-O.<<

Die Möglichkeit 15... Da4 habe ich überhaupt nicht erkannt, und ich bin so gut wie sicher, dass sie auch beiden Spielern entgangen ist. Es stimmt, jetzt sehe ich es auch, das unmittelbare 16. f5 ist nach Da4 nicht möglich. Aber die schwarze Verteidigung taugt halt nur für den Moment (eine Art letzte Falle, die Schwarz noch hätte stellen können), denn die andere von dir selber angegebene Variante erscheint mir gewinnträchtig für Weiß, wenn auch natürlich nicht so zerstörerisch wie die Partiefortsetzung. Nach 16. Lh3 droht Weiß wieder f5, und diesmal wird's was mit dem Figurgewinn, auch wenn Schwarz zwei Bauern dafür erhält und noch zur Rochade kommt. Aber auf Dauer wird sich das weiße Materialplus durchsetzen, was in einer GM-Partie so sicher ist wie das Amen in der Kirche, obwohl die Partie dann ganz sicher deutlich länger geworden wäre als 17 Züge. Es wäre dann halt ein 'technischer Gewinn' für Herrn Schmid gewesen.

>>Das funktioniert auch ohne "Locker, leicht und lehrreich"-Überschrift.<<

In diese Kategorie schien mir die Partie aber nicht so ganz zu passen. Man kann natürlich darüber - wie über vieles andere - verschiedener Ansicht sein.
Oli1970 - 26.10.18   +
Stimmt, das kann ich auch - rechnen bis der Arzt kommt, aber ausblenden, dass es noch Möglichkeiten neben meinen Wunschvorstellungen gibt. :-) Zumal Schmid an der Stelle bequemes Spiel hatte, Westerinen war noch dabei, sich an der neuen Ausgangslage nach dem Flügelwechsel anzupassen.

Auch mit Da4 wäre Schwarz zusammengebrochen, das ist wohl sicher. Trotzdem interessant, die Varianten auf dem Brett zu sehen. Obwohl die zweite (mit Lh3) noch stärker gewertet wird, sieht sie ganz schön „zugig“ aus. Nachlässigkeit hätte sich Weiß danach wohl auch nicht mehr erlauben dürfen.

Die Überschrift passte schon, ein Musterbeispiel für eine Lehrpartie ist das Spiel wohl nicht. Aber eine spannende Kampfpartie von Schmid - Attacke und voran. Mich hat es nur gefreut, dass das Schlusswort dennoch geschrieben stand.
Vabanque - 26.10.18   +
>>ein Musterbeispiel für eine Lehrpartie ist das Spiel wohl nicht.<<

Eher eine interessante Zwischenmahlzeit.

>>Mich hat es nur gefreut, dass das Schlusswort dennoch geschrieben stand.<<

Obwohl ich für die paar Zeilen gefühlt länger gebraucht hab als für den Rest - aber das ist immer so.
Inzwischen glaube ich euch so eine 'Rückblende' am Schluss fast 'schuldig' zu sein - hab wohl zu viele Krimis geschaut, wo am Ende das Verbrechen auch nochmal per Rückblende präzise rekonstruiert wird :-)