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Dawid Przepiorka

Alapin2 - 13.02.21    
Matuns neuester "Zweizueger", Autor der Obengenannte, hat mich animiert, mal ein wenig zu recherchieren. Ich fange mal von hinten an.
Im "Aljechin - Buch" von Hans Müller +Co steht, daß Aljechin nach Kriegsende unter anderem beschuldigt wurde, sich nicht für den inhaftierten Przepiorka eingesetzt zu haben, so daß jener später im KZ ermordet wurde. Aljechin, als französischer Staatsbürger, galt nicht als Nazigegner und war immerhin Weltmeister. Ob es genutzt hätte bleibt sowieso dahingestellt. Frankreich war Anfang 1940 noch ein freies Land, später war Aljechin dann in Deutschland und
den eroberten Gebieten wohlwollend geduldet und konnte Turniere spielen.
... Jedenfalls kein Protest seitens Aljechins. So ähnlich hatte ich das im Hinterkopf.
Laut anderen (neueren?) Quellen wurde Przepiorka einige Tage nach seiner Verhaftung durch die Gestapo Opfer einer Massenerschiessung im Wald. Das passt mit der KZ-Geschichte (gab es die Anfang 1940 in Polen schon?), nach der er erst im April zu Tode kam, nicht zusammen. Dann hätte Aljechin zeitlich nicht die Chance gehabt, zu intervenieren.
Jetzt von vorn :Dawid(polnische Schreibweise) Przepiorka war ein polnischer Schachmeister, Studien/Problemkomponist und Schachmaezen. Seine bekanntesten Erfolge :Olympiasieg 1930 in Hamburg mit der polnischen Mannschaft (mit Rubinstein und Tartakower), 2. Der Amateurweltmeisterschaft hinter Dr. Euwe, einige Turniersiege und vordere Plätze.
Seine Villa stellte er als Spiellokal für einen Warschauer Schach Verein zur Verfügung. Angeblich verkaufte er ein Haus, um 1939 die Reisekosten für die polnische Mannschaft nach Buenos-Aires zur Olympiade (Najdorf +Co) aufzubringen.
Ende September 1939 war Polen komplett in der Hand der Nazis, etwas später dürften Juden nicht mehr in die Kaffeehaeuser, das wurde ihm zum Verhängnis.
Zusammen mit anderen jüdischstaemmigen Schachspielern wurde er dort verhaftet, einige Tage später erschossen.
Die Teilnehmer der Olympiade wurden 1939 vom Kriegsausbruch eiskalt erwischt : Najdorf ( ebenso wie Eliskases auf Deutscher Seite) blieb in Argentinien
und spielte noch viele Jahre unter argentinischer Flagge.
Seine Familie in Polen wurde komplett von den Nazis ermordet.
Alapin2 - 13.02.21    
... ebenso wie Eliskases auf Deutscher Seite... War missverständlich formuliert.
Najdorf spielte für Polen, der Österreicher Eliskases für Deutschland. Ebenso hieß, daß beide in Argentinien blieben, die Staatsbürgerschaft annahmen und, zB. 1958 in München, beide für Argentinien spielten.
Plum_El_Schwubb - 14.02.21    
Um ehrlich zu sein, fand ich Aljechin schon unsympathisch, bevor er Capablanca besiegte :-)


Entschuldigung, ernstes Thema!

Ja, Aljechin und die Nazis... bzgl. des 4. Weltmeisters wird viel gemunkelt, auch zu dessem Tod. Um ehrlich zu sein, habe ich mich noch nicht einmal schachlich mit ihm auseinandersetzen können, weil es mir ein wenig schaurig wird... allein, wenn ich ein Foto von Aljechin sehe, finde ich den Menschen gruselig, mit seinen Blicken. Dabei hat er ein paar unglaublich starke Kombinationen abgeliefert und irrwitzige Leistungen im Blindschach erzielt. Trotzdem... immer mit dem Besenstiel auf Abstand gehalten
Oli1970 - 14.02.21    
Während der kurzen Google-Suche nach Dawid Przepiórka stieß ich auf eine amüsante Anekdote, die auf https://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1007724 Erwähnung fand.

In der dort beschriebenen Partie gegen Carl Ahues schlug der selbe Turm innerhalb von zwei Zügen drei Figuren! Wie es dazu kommen konnte, kann im Web-Archiv https://web.archive.org/web/20071007144306/http://www.berliner.. im zweiten Absatz aus den Erinnerungen Ahues’ nachgelesen werden (Auszug, da der Link von chessmail nicht korrekt interpretiert wird):

Mein Gegner war der ebenfalls kurzsichtige Meister Przepiorka. Ich selbst hatte auf einem Auge eine schwere Entzündung; kurz vor Beginn dar Partie hatte es mir ein Arzt völlig verbunden. Soeben hatte ich einen Turm meines Gegners geschlagen und, erwartete nun, daß er ihn mit der Dame wiedernehmen würde. Przepiorka, der offensichtlich, unter der Hitze besonders litt, dachte lange nach, dann schlug er zu meiner Verblüffung mit meinem Turm seinen eigenen Läufer auf b2. Zunächst wollte ich protestieren, aber als Freund eines guten Humors sagte ich mir, daß man solch ein freundliches Geschenk doch nicht so einfach ablehnen sollte und schlug höchst vergnügt mit dem Turm auch noch seinen Bauern a2. Drei Figuren in zwei Zügen gewonnen, das sollte mir erst einmal einer nachmachen. Offenbar Weltrekord! Gespannt wartete ich auf den Ausgang des Abenteuers. Mit sorgenvollem Gesicht starrte mein Gegner auf das Brett, die Inventur fiel wohl nicht zu seiner Befriedigung aus. Dann fuhr er auf: "Was ist denn los, ich habe ja keine Figuren mehr?" "Nicht wahr, mein Turm hat schrecklich gewütet", meinte ich schadenfroh. "Unsinn", er stellte die Uhr ab und wandte sich an den Turnierleiter. Maroczy, dem er sein Mißgeschick klagte, entschied lachend, daß die Figuren zurückgestellt werden sollten, was ich natürlich auch erwartet hatte. Bald darauf verlor mein Gegner seine Dame und gab auf. "Und dabei hat Ahues ja nur mit einem Auge gespielt", meinte ein Witzbold.
Vabanque - 14.02.21    
>> Um ehrlich zu sein, habe ich mich noch nicht einmal schachlich mit ihm auseinandersetzen können, weil es mir ein wenig schaurig wird... allein, wenn ich ein Foto von Aljechin sehe, finde ich den Menschen gruselig, mit seinen Blicken. Dabei hat er ein paar unglaublich starke Kombinationen abgeliefert und irrwitzige Leistungen im Blindschach erzielt.<<

Der Mensch Aljechin ist das eine, seine schachlichen Leistungen das andere. Man sollte beides voneinander trennen können (auch wenn ich mit dieser Auffassung im Forum schon mal angeeckt bin, bleibe ich doch bei ihr).
Als Mensch wird Aljechin von seinen Zeitgenossen, die ihm begegnet waren, sehr unterschiedlich geschildert, teils sogar sehr positiv (z.B. von Golombek), teils vernichtend (z.B. von Fine, der ihn als 'hochgradig sadistisches Individuum' beschrieb). Ein einfacher oder gar umgänglicher Mensch war Aljechin wohl nicht, aber das waren bzw. sind Fischer, Botwinnik und Kasparov auch nicht, um drei weitere Weltmeister zu nennen, die genau wie Aljechin vom unbedingten Siegeswillen besessen waren und in jeder Partie so kämpften, als ginge es um ihr Leben.
Plum_El_Schwubb - 14.02.21    
@Vabanque: Sadistisch - wäre der Ausdruck nicht so hart für jemanden, den man nicht einschätzen kann, hätte ich den verwendet.


Fischer schätze ich übrigens völlig harmlos ein. Eher als verletzte Seele... und Kasparov ist eine Kämpfernatur, bzw. eher Kampfbiest :-)
Seirawan hat das mal aus seinen persönlichen Erlebnissen mit Kasparov beschrieben, als würde Kasparov schon wutschnaubend an's Brett kommen, wie ein wildes Tier :-) Er hat das auch so schön gestikuliert - Seirawan halt.

Im Gegenteil, das menschliche ist mir beim Schach schon wichtig. Sonst könnte ich auch Partien von PC's nachspielen, oder halt hier von den oberen Rängen ^^
Vabanque - 14.02.21    
>>@Vabanque: Sadistisch - wäre der Ausdruck nicht so hart für jemanden, den man nicht einschätzen kann, hätte ich den verwendet.<<

Ich habe das in einem Buch von GM Reuben Fine gelesen ... in welchem, müsste ich nochmal nachschauen, aber ich meine mich genau an die Formulierung 'Alekhine was a highly sadistic individual' zu erinnern. Ich selbst hätte den Ausdruck wohl eher nicht verwendet, höchstens im schachlichen Zusammenhang, denn eine gewisse Portion Sadismus hilft einem schon auch am Brett, wenn es darum geht, den Kampfgeist (oder Killerinstinkt) aufrecht zu erhalten. Mir selber hat der Gegner oft Leid getan, wenn ich ihn in der (schachlichen) Zwangsjacke hatte, so dass ich dann nachließ😟was mir meine Mannschaftskameraden dann natürlich vorwarfen. Ganz hilfreich fand ich in dem Zusammenhang den Rat von Simon Webb aus dem Buch 'Schach für Tiger': 'Stelle dir während der Partie vor, dein Gegner sei dein schlimmster Feind. Aber sei nach der Partie nett zu ihm'😉

>>Im Gegenteil, das menschliche ist mir beim Schach schon wichtig. Sonst könnte ich auch Partien von PC's nachspielen, oder halt hier von den oberen Rängen ^^<<

Computerpartien interessieren mich auch null. Aber selbst wenn der Spieler ein 'Unmensch' sein sollte, spielt er dennoch 'menschliche' Züge, also Züge, die durch menschliches Denken hervorgebracht wurden. Und diese interessieren mich in jedem Fall. Das Wort 'menschlich' hat hier eben zwei Bedeutungen.
Natürlich ist es der Idealfall, wenn der große Spieler auch als Mensch Größe zeigt. Nur war das bei Schachweltmeistern eher in der Minderheit der Fälle so. Anand, Smyslov und Spassky können schachlich wie menschlich als Vorbilder gelten, aber die anderen? Trotzdem mindert dies ihre Größe als Schachspieler nicht unbedingt.
Alapin2 - 14.02.21    
... in meinem Blog ging es eigentlich auch um Przepiorka, das mit Aljechin gehörte nur zum Zusammenhang...
Vabanque - 14.02.21    
Schon klar. Nur dass Przepiorka halt kaum einer kennt, so dass es da nicht viel zum Mitreden gibt, während Aljechin jeder kennt.

Przepiorka war (leider) auch nur einer von vielen jüdischen Schachmeistern, die den unvorstellbaren Gräueln der Nazis zum Opfer fielen. Salo Landau war z.B. ein weiteres Opfer.
Plum_El_Schwubb - 14.02.21    
@ Alapain: stimmt, pardon. Den Namen David Przepiorka hab ich hier auch das erste mal gelesen. Es ist wie Vabanque sagt, ich hätte sonst nichts weiter beizutragen. Was natürlich kein Grund dafür ist, überhaupt etwas zu posten.

Grüße