Kommentierte Spiele

Locker, leicht und lehrreich (V): Triumph des Orang-Utan

Vabanque - 19.08.18   +
Die ersten beiden Folgen der Reihe zeigten Partien, die in der ersten Hälfte des 20. Jh. gespielt wurden, die 3. und 4. Folge blendeten jäh in die (erweiterte) Gegenwart herein. Die 5. Folge zeigt nun eine Partie, die zeitlich in etwa in der Mitte liegt; sie wurde 1974 von dem slowakischen GM Jan Plachetka (geb. 1945, damals noch IM) gegen den polnischen IM Jan Adamski (geb. 1943) gespielt und zeigt sehr schön verschiedene Elemente des Vorgehens gegen eine (durch Aufzug von Bauern und Abtausch des Schutzläufers) geschwächte Rochadestellung auf. Wir werden dabei diverse Motive aus früheren Partien wiedererkennen, vor allem den Aufzug der Rochadebauern, den vorübergehenden Schwenk zum 'anderen' Flügel und die Überleitung in ein gewonnenes Endspiel, wenn man dann doch nicht direkt mattsetzen kann.
In meinen Augen ist die ganze Partie ungewöhnlich reich an lehrreichen Wendungen. Sie ersetzt eigentlich einen ganzen Kurs :)
Da ich am Ende wieder eine Liste von Dingen, die man aus dieser Partie evtl. lernen kann, anfüge, verzichte ich im Vorspann auf die Erwähnung weiterer markanter Details des Partieverlaufs.
Zur vermutlichen Freude von SF Hasenrat erlaube ich mir hier nur noch die kurze Bemerkung, dass die Partie auch die Stärken der Orang-Utan-Eröffnung heraushebt (die sicherlich auch ihre Schattenseiten hat).


[Event "Stary Smokovec"]


[Event "?"]
[Site "Stary Smokovec"]
[Date "1974.??.??"]
[Round "4"]
[White "Jan Plachetka"]
[Black "Jan Adamski"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "A04"]

1. Nf3 Nf6 2. b4 {Eine Eröffnung, wie sie auch von vielen Amateuren angewandt
wird. Spielt man b4 bereits im ersten Zug, kann Schwarz mit e5 antworten, was
zu gänzlich anderen Stellungsbildern führt. Um diese zu vermeiden, beginnen
viele Spieler mit Sf3 und spielen erst im 2. Zug b4, worauf e5 dann nicht mehr
möglich ist (es sei denn, Schwarz hätte 1. Sf3 mit d6 beantwortet, was jedoch
eher selten vorkommt).} 2... g6 3. Bb2 Bg7 4. c4 O-O 5. g3 d6 6. Bg2 e5 {Nun
ist Schwarz doch zu e5 gekommen; es hätte aber nicht ins weiße System gepasst,
dies im vorigen Zug mit d2-d4 zu verhindern. Natürlich liegt jetzt der weitere
Vorstoß e5-e4 ständig in der Luft, und das Spiel dreht sich um die Frage, ob
dieser Vorstoß für Schwarz von Vor- oder von Nachteil ist.} 7. O-O Nbd7 ( {Auf
das verlockende} 7... e4 {wird der Bauer nicht lange dort bleiben können:} 8.
Ng5 Re8 9. d3 {und er wird abgetauscht werden. Solche störend einengenden
Bauern sollte man immer möglichst schnell befragen. (Interessanterweise schrieb ich diesen Partiekommentar schon bevor sich in Kellerdraches Beitrag 'Die Würgeschlange' angesichts einer von KroMax geposteten eigenen Verlustpartie eine Diskussion über schwarzes e5-e4 entspann.)} ) 8. Nc3 Re8 9. d3 e4 $6
{Nun spielt Schwarz also - nach 'geeigneter' Vorbereitung, wie er glaubt -
doch diesen Vorstoß, und gerade in diesem Moment ist er nicht sehr stark.} 10.
Nxe4 $1 ( {Viel besser als} 10. dxe4 Nxe4 {, was Schwarz sich wohl erhofft
hatte.} ) 10... Nxe4 11. Bxg7 Nxf2 $6 {Dieser Zwischenzug kann nicht gut sein,
da er dem Weißen die f-Linie öffnet.} (11... Kxg7 12. dxe4 Rxe4 {war richtig,
obwohl Weiß nach} 13. Nd4 $1 {(greift den Turm an und verhindert Txc4)
ebenfalls eine schöne Stellung hätte.} ) 12. Rxf2 Kxg7 13. Qd2 {Der
schwarzfeldrige Läufer ist getauscht, aber die Dame übernimmt mit diesem Zug
einen Teil seiner Aufgaben; je nach Erfordernis kann sie ein eventuelles Sg5
unterstützen oder auch auf der Diagonalen a1-h8 aktiv werden.} 13... Rf8 {Der
Turm kann jetzt auf der e-Linie nichts mehr ausrichten und hilft deswegen jetzt
prophylaktisch den Punkt f7 zu decken, der durch die Öffnung der f-Linie
schwach geworden ist.} 14. Raf1 {Es droht nun Sg5, denn der Bf7 wäre dann 3mal
angegriffen, nur 2mal gedeckt, auf f6 käme Se6+, De7 wäre keine Deckung, und
die Deckung durch Se5 könnte durch d4 ausgehebelt werden. Zu allem Überfluss
könnte der Bf7 dann durch Ld5 sogar noch ein viertes Mal angegriffen werden.}
14... h6 $6 ( {Im Licht der kommenden Ereignisse sieht hier} 14... f6 {besser
aus, obwohl es ein schwaches Feld auf e6 schafft; nach} 15. Nd4 {könnte Schwarz
aber} 15... Qe7 {spielen, und Schwarz hätte eine feste Verteidigungsstellung
eingenommen.} ) ( {Auch sofortiges} 14... Qe7 {kam in Betracht, denn auf} 15.
Ng5 {kann dann} 15... f6 {erfolgen.} ) 15. Qc3+ $1 {Da haben wir schon den
Salat; nun ist der kombinierte Druck auf der langen Diagonalen und auf der
f-Linie schwer zu parieren, und fast alle Erwiderungen auf dieses
Diagonalschach erweisen sich sogar als direkt verlustträchtig.} 15... Kg8 (
15... Kh7 $4 {führt zum Matt:} 16. Ng5+ $1 hxg5 17. Rxf7+ Kh6 18. Qg7+ Kh5 19.
Qh7+ Kg4 20. Bh3#) (15... Qf6 $2 {sieht als Opposition auf der langen
Diagonalen ganz natürlich aus, scheitert aber an der geballten Ladung der Türme
auf der f-Linie:} 16. Nd4 {jetzt hängt die Dame und muss auf der Diagonalen
bleiben, um nicht ein tödliches Abzugsschach zuzulassen:} 16... Qe5 17. Bd5
{und die Schwäche von f7 entscheidet, da nach einem Vorrücken des f-Bauern
Se6+ käme.} ) (15... Nf6 $2 16. Nh4 {verliert direkt den Sf6.} ) ( {Am
relativ besten scheint noch} 15... f6 {, obwohl die Erfahrung zeigt, dass so
eine 'schön einheitlich vorgerückte Bauerngarde' vor dem König auf Dauer nicht
hält. Schwarz hätte eben gleich f6 spielen sollen, ohne h6 einzuschalten.} )
16. Nh4 $1 {Was für eine wacklige Befestigung der schwarzen Königsburg! Der
Textzug legt - durch Aufdeckung sowohl der f-Linie wie der 'langen' Diagonalen
des Lg2 - den Finger in die Wunde; es droht 17. Sxg6 fxg6 18. Ld5+ Kh7 19.
Tf7+. So wird die schwarze Antwort verständlich.} 16... c6 {Ein kritischer
Moment: alle weißen Figuren sind auf den geschwächten schwarzen Königsflügel
gerichtet, Weiß hat dort eine riesige zahlenmäßige Figurenüberlegenheit, aber
noch kann dort der entscheidende Schlag nicht erfolgen. Wie geht es also
weiter? Wieder einmal führt der Weg über ein Intermezzo am 'anderen' Flügel.}
17. b5 $1 {Plachetka spielt die ganze Partie sehr instruktiv; er zwingt mit
diesem Zug seinen Gegner, eine weitere Schwäche zuzulassen, nämlich einen
isolierten Bauern auf c6. Meist reicht das Spiel auf eine Schwäche nicht aus;
man braucht eine zweite, möglichst weit entfernte Schwäche zum Sieg. Der Gegner
wird dann große Schwierigkeiten haben, stets beide Schwächen zugleich gedeckt
zu halten. (Man erkennt jetzt übrigens auch die wahre Stärke der Orang-Utan-Eröffnung ;) Oder ohne Ironie: es kann sich in Stellungen dieser Art häufig als günstig erweisen, den b-Bauern schon früh vorgerückt zu haben.)} 17... Ne5 {Hier steht der Springer in diesem Moment sehr zentral
und deckt sowohl die Schwächen am Königsflügel (f7 und g6) wie auch die neue
Schwäche am Damenflügel (c6). Doch der Springer kann mittels d4 vertrieben
werden.} (17... cxb5 $4 {würde ja die Deckung von d5 im Stich lassen und
damit} 18. Nxg6 fxg6 19. Bd5+ {mit schnellem Matt zulassen.} ) ( {Und} 17...
Qc7 $2 {würde die Dame nur noch weiter vom Königsflügel entfernen, so dass der
Vernichtungsschlag jetzt funktioniert:} 18. Nxg6 $1 fxg6 19. Rxf8+ Nxf8 20.
Rxf8+ Kxf8 21. Qh8+ Ke7 22. Qg7+ {nun kommt es zu Damengewinn oder Matt} 22...
Kd8 23. Qf8+ Kd7 24. Bh3# {Matt mit den letzten beiden verbliebenen Figuren!} )
18. bxc6 {Damit wird der schwarze c-Bauer isoliert.} 18... bxc6 19. h3 $5 (
{Auf diese Weise vermeidet Plachetka auf} 19. d4 {die störende Einschaltung
von} 19... Ng4 {, wonach er} 20. Rf3 {spielen und den Lg2 vorübergehend
verstellen müsste.} (20. Rf4 $2 g5) ) 19... Be6 {Um nach weißem d4 auf c4
nehmen zu können.} ( {Die passive Deckung des c-Bauern mittels} 19... Qc7
{scheitert an} 20. d4 Nd7 21. Qd3 {(droht Springeropfer auf g6, und es gibt
keinerlei Rettung, da der schwarze König wieder mal zu wenig Getreue um sich
geschart hat; sie vergnügen sich lieber an anderen Orten)} 21... Kg7 22. Rxf7+
$1) 20. d4 $1 {Trotzdem!} 20... Nxc4 21. Nxg6 {Natürlich! Zuvor hatte immer
entweder der Sd7 den Tf8 gedeckt, bzw. der Se5 hatte g6 direkt gedeckt. Dies
fällt nun beides weg.} 21... Qa5 {Der Damentausch bei Qualitätsverlust kommt
beinahe der Partieaufgabe gleich. Schwarz 'rettet' sich sozusagen ins verlorene
Endspiel.} ( {Aber wenn der Turm flieht:} 21... Re8 22. Nf4 {steht Schwarz vor
unlösbaren Problemen: Weiß droht mit Sxe6 sowohl dem Sc4 wie auch dem Punkt f7
die Deckung zu entziehen; außerdem droht auch noch Sh5 mit 'Landeziel' f6 (oder
sogar d4-d5, mit Mattziel auf g7 durch Dame und Springer).} ) 22. Qxa5 Nxa5 23.
Nxf8 Kxf8 $6 {Das Schlagen mit dem Turm hätte wenigstens die folgende taktische
Lösung vermieden, die auf der Turmstellung auf a8 beruhen wird. Die Partie
hätte dann länger gedauert, allerdings wären wir dann um eine weitere ebenso
hübsche wie lehrreiche Wendung betrogen worden.} 24. e4 $1 {Droht mit d5 den
Läufer von der Deckung von f7 abzuziehen. Seit dem 14. Zug stellt fast jeder
weiße Zug eine Drohung auf! Kein Wunder, dass Schwarz irgendwann
zusammenbricht.} 24... d5 $2 {Diese scheinbar selbstverständliche Antwort ist
der letzte Fehler.} (24... Bc4 25. Rc1 {hätte die folgende Kombination
vermieden, allerdings wären die schwarzen Figuren in unheilschwangeren
Bindungen gestanden. (Nebenbei gesagt, deckt der Tf2 den Bauern a2)} ) 25. exd5
cxd5 26. Rxf7+ $1 {Der einfachste Gewinnweg besteht immer darin, in ein
gewonnenes Endspiel mit 2 Mehrbauern abzuwickeln (ein Mehrbauer reicht nicht
völlig sicher), in dem der Gegner kein Gegenspiel mehr hat.} 26... Bxf7 27.
Rxf7+ Kxf7 28. Bxd5+ Kf6 29. Bxa8 {Wie bereits oben erwähnt, basierte die
Wendung auf der unglücklichen Turmstellung auf a8.} 29... Nc4 30. Kf2 Nd6
{Weiterspielen ist von Schwarz hier eigentlich völlig hoffnungslos, denn die
weiße Stellung weist außer den beiden Mehrbauern auch noch folgende
Gewinnmerkmale auf: 1) einer der Mehrbauern ist ein Freibauer 2) ein weiterer
Freibauer auf der g-Linie kann über kurz oder lang gebildet werden 3) der
Läufer ist bei Bauern auf beiden Flügeln stärker als der Springer, da er
'langschrittig' ist, während der Springer Zeit braucht, um auf den jeweils
anderen Flügel zu gelangen 4) Der weiße König kann nicht daran gehindert
werden, ins Zentrum einzudringen} 31. g4 a5 32. Bc6 Nc4 33. h4 Na3 34. Ke3 Nc2+
35. Ke4 Nb4 {Nur ein scheinbarer Doppelangriff.} 36. Bd5 {Schwarz gab auf. Weiß
spielt in der Folge Lc4, d5 und Kd4 oder je nach der schwarzen Antwort Kf4
nebst g5. Der hilflose Springer wird dann nicht beide Freibauern (den d-Bauern
und den entstehenden Freibauern auf der g-Linie) stoppen können. Es empfiehlt sich sicherlich, die Schlussstellung gegen einen Freund (meinetwegen auch den elektronischen) mal bis zum Sieg durchzuspielen.} 1-0


Was man eventuell aus dieser Partie lernen kann:

1) Es ist gefährlich, (z.B. durch Abtauschkombinationen) dem Gegner die f-Linie zu öffnen (hier 11... Sxf2).

2) Kombinierter Druck auf der f-Linie und der 'langen' Diagonalen (a1-h8) führt in der Regel zum Zusammenbruch der gegnerischen Königsstellung. (Hier kann Schwarz den unmittelbaren Zusammenbruch gerade noch abwenden.)

3) Ist keine unmittelbare Entscheidung auf dem Flügel, wo das Geschehen momentan stattfindet (hier dem Königsflügel) möglich, so kann es sich lohnen, zum anderen Flügel zu wechseln (hier mit 17. b5!), um dort Drohungen aufzustellen und damit den Gegner zu zwingen, auch dort Verteidigungsmaßnahmen zu treffen. Die Kräfte, die er dafür verwendet, stehen dann in der Regel auf dem anderen Flügel nicht mehr für Verteidigungsaufgaben zur Verfügung - außer die verteidigenden Figuren stehen sehr zentral, wie hier der schwarze Se5, der allerdings diese Position nicht halten kann.

4) Während eine gegnerische Schwäche allein noch nicht den Sieg garantiert, sind in der Regel zwei Schwächen, die zudem so weit voneinander entfernt sind, dass der Gegner sie nur schlecht gleichzeitig im Auge behalten kann, gewinnträchtig.

5) Zentral postierte Verteidigungsfiguren des Gegners (hier der Se5) müssen wenn möglich verdrängt (hier mit 20. d4!), getauscht oder notfalls unter Opfer beseitigt werden (in der Partie Topalov-Barejew war es der Sd5).

6) Häufig gelingt es dem Gegner, den Mattangriff unter Materialhergabe abzuwehren. Generell kann man sagen, dass Materialgewinn den Angriff meist abschwächt. Dann muss man erwägen, ob das gewonnene Material zum Sieg ausreicht. Bei einer Mehrqualität (ohne dass der Gegner auch nur einen Bauern dafür bekäme) ist dies in der Regel der Fall, falls keine positionelle Kompensation dafür besteht oder die Initiative gar auf den Gegner übergeht (in letzterem Fall ist vom Materialgewinn Abstand zu nehmen, außer er ist so groß, dass man hoffen kann, irgendwann die Initiative zurückzuerlangen).

7) Endspiele mit zwei Mehrbauern sind (von studienartigen Ausnahmefällen abgesehen) ein sicherer Gewinn, vor allem ist es hier viel leichter als im Mittelspiel, dem Gegner jegliches Gegenspiel zu verwehren. Die Partie endet dann zwar nicht 'brillant', doch ist der Punkt in Turnieren und Mannschaftskämpfen wichtiger als der Schönheitspreis oder der Abdruck in der Lokalzeitung :)

8) Es lohnt sich, die Orang-Utan-Eröffnung zu spielen ;)
Tschechov - 19.08.18    
Ein Plädoyer für Orang Utan, schau an! Ich dachte immer, Orang Utan sei Müll. Zu Zug 10: "Viel besser als 10. xe4 Sxe4 , was Schwarz sich wohl erhofft hatte." Warum? Ich komme nicht drauf.
Vabanque - 19.08.18    
Hallo Tschechov,

warum denkst du, Orang-Utan sei Müll? Sogar Leute wie Réti, Larsen, Bronstein, Spassky und Fischer haben gelegentlich damit experimentiert.

Sorry, dass mein Kommentar zum 10. Zug so knapp war. Ich wollte da nicht zu sehr ins Detail gehen und die weitere Analyse dem Leser überlassen.

Aber nach 10. dxe4 Sxe4 ist der weiße Sc3 gefesselt, da der Lb2 ungedeckt ist. Das ist unbequem für Weiß, er kann nicht 11. Sxe4 Lxb2 spielen, denn dann hängen sein Se4 und der Ta1 und er muss die Qualität geben. Spielt er aber 11. Dc2, so erobert Schwarz nach zweimaligem Schlagen auf c3 den Bauern e2.
Also vielleicht am besten 11. Tc1, aber dann bleibt die Fesselung zunächst bestehen.

Mit 10. Sxe4! wie in der Partie vermeidet Weiß von vorneherein diese Fesselung.

Hoffe, dass es damit klarer geworden ist, wenn nicht, trau dich ruhig weiter zu fragen.
Vabanque - 19.08.18    
Hm, da hab ich wieder mal zu schnell hingeschaut, nach 10. dxe4 Sxe4 11. Sxe4 Lxb2 hat Weiß ja noch 12. Tb1. Aber dann kann Schwarz entweder mit Txe4 13. Txb2 Txc4 einen Bauern erobern oder (vielleicht besser) seinen Läufer b2 auf der langen Diagonalen zurückziehen, mit Positionsvorteil (glaube ich).
Vabanque - 19.08.18    
Vielleicht wäre es noch wichtig anzufügen, warum 10. Sxe4 gut ist: es erzwingt den Abtausch des Schutzläufers g7, wonach in der schwarzen Königsstellung die Schwächen entstehen, die letztlich für den Partieverlust mitbestimmend sind.
Hasenrat - 19.08.18    
Vielen Dank für die 1A-Präsentation dieser Partie, Vabanque!

Spielt man b4 bereits im ersten Zug, kann Schwarz mit e5 antworten, was zu gänzlich anderen Stellungsbildern führt. Um diese zu vermeiden, beginnen viele Spieler mit Sf3 und spielen erst im 2. Zug b4, worauf e5 dann nicht mehr möglich ist

Richtig, aus genau diesem Grunde bin auch ich zur Vorschaltung des Königsspringers übergegangen und bin so bei „Santasiere’s folly“ gelandet, wie diese Variante auch "benamst" ist, wie ich in einem anderen Thread auch erwähnte (nach Anthony E. Santasiere, der diese Variante nach sich selbst taufte, es generell damit begründend: „To name an opening, if not after its inventor, then at least after the one who has longest explored its possibilities and sufferd with it, is a tradition in chess history.“ – aus: The Futuristic Chess Opening, Santasiere’s Folly. Analysis and Games by Anthony E. Santasiere. Reprint Dalls 1973, S. 9). Denn als Orang-Utan-Spieler mochte ich nie die e5-Varianten, insbesondere nicht die Abtauschvariante mit Lxb4 und Lxe5.

Santasiere schätzte im Übrigen für Schwarz 2. …f6 als stärkste Erwiderung (ja, nachgerade als Krise in der Entwicklungsgeschichte dieser Eröffnung für den Weiß-Spieler) ein, um doch noch ein frühes e5 durchzudrücken. Ich glaube, auch heute noch gilt f6 als „Totschlagargument“ gegen Orang-Utan überhaupt.
Gegen den schwarzen quasi-königsindischen Fianchetto-Aufbau empfiehlt Santasiere übrigens doch generell ein frühes d4, auch fianchettiert er seinerseits nicht auf dem Königsflügel, da e3 i. V. m. c4, das der Läufer stützen soll, ein damenflügelorientierter Schlüsselaufbau für ihn ist.

Alle aufgestellten Lehrpunkte werden tatsächlich eindrucksvoll durch den Partieverlauf illustriert.
Runde Sache!
Die Faustregel mit den zwei Mehrbauern kannte ich in der kategorischen Form so gar nicht, da ich v. a. diese Turmendspiele im Kopf habe (schemenhaft!), wo zwei Mehrbauern nicht ausreichen, aber gerade das werden wohl die seltenen grundsätzlichen Ausnahmen sein.
Oli1970 - 19.08.18   +
Dass die Eröffnung selten gespielt wird, heißt ja nicht, dass sie deswegen „Müll“ sein muss. Sie wurde halt oft widerlegt. Andererseits gab es auch Spezialisten darin, Sokolski z. B. Als Kenner kann man seinen Gegner auf unbekanntes Terrain locken, Widerlegungen wollen auch gefunden werden, was die Eröffnung für Amateure reizvoll macht.

Zu einem Zeitpunkt, als ich noch dachte, ungewöhnliche Eröffnungen und Fallenstellerei können die Theorie ersetzen, fand ich sie mal interessant. Dummerweise muss man gerade bei ungewöhnlichen Eröffnungen Theorie mitbringen, die Rechnung ging nicht auf.

Diese Partie ist ein schönes Feuerwerk für Weiß, ich kann gar nicht sagen, was mir am Besten gefiel. Plachetka hat einfach hervorragend gespielt, sein Aufbau hat alles drin, was laut Lehrbuch als gut gilt. Starker Bauernaufbau am Damenflügel mit Zentrumskontrolle, Raumvorteil dort, starke, aktive Läufer auf beiden langen Diagonalen, verdoppelte Türme, Königssicherheit - Adamski hat nach 15 Zügen nichts davon. Die Rollen von Jäger und Gejagten sind klar verteilt.

Die Kommentierung ist wieder sehr ausführlich, ich habe vorläufig keine Fragen offen. Auch die Irrwege sind super herausgearbeitet; da steckt so manches drin, was mir hinter dem Denkhorizont verborgen geblieben wäre/ist. Beim 15. Zug bin ich lange hängen geblieben, wie oft hat man ähnliche Löcher zu stopfen und fragt sich, wohin mit dem Kerl? Aber auch das Knacken des Blocks mit Sxg6 ist eine schöne Lehrstunde oder auch das angedeutete Endspiel mit der Überlegenheit der Bauern.

Ich denke, dass ich mir die Partie später nochmal mit Rechnerunterstützung vornehmen werde, wenn es die Zeit erlaubt. Bisher war es auf jeden Fall ein guter Sonntag. Das wünsche ich Euch allen auch! :-)
Tschechov - 19.08.18    
Warum ich dachte, Orang Utan sei Müll? Ich meine mal gelesen zu haben, daß Orang Utan statistisch gesehen nur eine Erfolgsbilanz von 20% hat, und das, wenn es denn war ist, spricht doch Bände. Wenn Leute wie Fischer damit experimentierten, dann wüßte ich gerne, gegen wen. Hätte/hat Fischer sich auch in seinem WM-Kampf gegen Spasski gertraut, 1.b4 (oder eben b4 als zweiter Zug, wie in der von Dir analysierten Partie) zu spielen? Oder in einem Qualifikationsspiel für diese WM? Daß Spitzenspieler auch aus schlechten Eröffnungen etwas herausholen können, ist ja klar, wenn der Gegner schlechter ist. Aber in der von Dir vorgeführten Partie waren ja beide Spieler IM. Vielleicht habe ich ja nur Vorurteile gegen diese Eröffnung, die damit zusammenhängen könnten, daß ich hier einmal einen erheblich stärkeren Spieler, als ich es bin, besiegt habe, der mit 1. b4 eröffnete. Vielleicht kannst Du - oder ein anderer - mir ja verraten, ob das mit den 20% stimmt.

Was den Zug 10 angeht, das letzte Argument - der Läuferabtausch - leuchtet mir ein. Werde mal ein paar Spiele von mir analysieren, ob etwaige Niederlagen daran gelegen haben könnten und generell die taktische Waffe, den fianchettierten Läufer in der Königsecke zu beseitigen, untersuchen. Danke dafür.
Oli1970 - 19.08.18    
@Hasenrat: Ah, da hast Du mich neugierig gemacht, dieser Name ist mir noch nicht begegnet. Und da mir auch die Vokabel „folly“ fehlte, kann ich nun feststellen: Der Mann hatte Humor. Klasse!
Vabanque - 19.08.18    
@Hasenrat

@Oli1970

@Tschechov

Schon mal tausend Dank für eure ganz tollen ausführlichen Kommentare!

Ich gehe später noch gezielt drauf ein, versprochen!
Hasenrat - 19.08.18    
@Tschechov
Es gibt halt die randständigeren Eröffnungen, die werden von den Meistern nur noch zu gewissen Gelegenheiten gespielt.
So gibt es z. B. ja auch eine aktuelle Lehr-DVD von Wesley So über die (hier ja auch verwandte) Larsen-Eröffnung 1. b3, untertitelt "my secret weapon", wozu ein Rezensent treffend meinte: "very secret", da So keine einzige ernste normale Turnierpartie damit bislang gespielt habe - eben nur in Blitz- und Schnellschachpartien.

Oder s. Carlsens Trompowsky i. Eröffnungsspiel des letzten WM-Kampfs.
Hasenrat - 19.08.18    
Mit Santasiere bin ich in ernsten Spielen übrigens ungeschlagen, das ist einmalig in meinem Repertoire. Das liegt auch daran, dass ich das eigentlich nur punktemäßig "bergab" anwende ... ;-)
Vabanque - 19.08.18    
>>So gibt es z. B. ja auch eine aktuelle Lehr-DVD von Wesley So über die (hier ja auch verwandte) Larsen-Eröffnung 1. b3, untertitelt "my secret weapon", wozu ein Rezensent treffend meinte: "very secret", da So keine einzige ernste normale Turnierpartie damit bislang gespielt habe - eben nur in Blitz- und Schnellschachpartien.<<

Das glaube ich auch. Ich habe auch ein Buch 'Play b3' (müsste jetzt nachschauen von wem), wo der Autor ebenfalls der Meinung ist, dass diese Eröffnung sich hauptsächlich für Blitz- und Schnellpartien eignet. Trotzdem wurde gerade b3 auch von Larsen und Nimzowitsch und einmal sogar von Fischer in einer Turnierpartie gespielt (müsste auch nachschauen gegen wen).

b4 ist offensiver als b3, finde ich. Fischer hat das wohl tatsächlich nur in Simultanspielen angewandt, aber Spassky hat es sogar gegen Smyslov gespielt (mit Remis), und Réti gewann damit gegen Capablanca (Réti hatte die meisten Erfolge mit b4 allerdings tatsächlich auch gegen 'kleinere Lichter').
Vabanque - 19.08.18    
Ich gehe noch auf alles ein (auch auf die angeblichen 20%, auf die 'Widerlegung' f6, und auf die Ausnahmestellungen mit 2 Mehrbauern), aber das dauert halt ... also noch etwas Geduld :-)
Hasenrat - 19.08.18    
"... wurde gerade b3 (...) auch einmal sogar von Fischer in einer Turnierpartie gespielt (müsste auch nachschauen gegen wen)."

Ich glaube, diese Partie leitet die DVD ein, müsste selbst erst wieder dort nachsehen. Das lief dann auf einen Igelaufbau mit Weiß hinaus, dennoch spektakulär in einen Angriff mündend.
Vabanque - 19.08.18    
Antwort 1 (Endspiele mit 2 Mehrbauern)

Hasenrat hat Recht, da gibt es zwei klassische Ausnahmefälle im Turmendspiel: der eine ist, wenn man beide Randbauern (also den a- und den h-Bauern) hat, und der andere ist bei Turm- und entsprechendem Läuferbauern (also wenn man den a- und den c-Bauern oder der h- und den f-Bauern hat). Im ersteren Fall ist es oft Remis, im zweiteren manchmal. Die Verteidigung ist jedoch so schwierig, dass auch Großmeister die Remisstellungen verloren haben.

Außerdem haben wir noch die berüchtigten ungleichen Läufer. Da gewinnen zwei Mehrbauern nur, wenn sie entweder verbundene Freibauern sind, oder um mindestens 2 Reihen voneinander getrennt.

Keiner der beiden Fälle findet in obiger Partie Anwendung. Man kann generell sagen, dass in Leichtfigurenendspielen ein Bauernübergewicht stärker wiegt als in Schwerfigurenendspielen.
Vabanque - 19.08.18    
Antwort 2 (Statistik der Orang-Utan-Eröffnung)

Ich weiß nicht, woher die angebliche 20%-Erfolgsrate kommen soll ... aber man kann zumindest mit Online-Datenbanken so einiges nachprüfen: Man geh mal auf

https://de.chesstempo.com/game-database.html

Da kann man rechts oben in einem Scrolldown-Menü die Stärke der Spieler auswählen. Standardmäßig ist 2200+ gegen 2200+ ausgewählt, weil hier Meisterniveau beginnt. Man kann aber auch 'Alle Partien' oder ein höheres Niveau als 2200 auswählen. Wenn man das alles ausprobiert, sieht man, dass für

1. b4

die Chancen ziemlich ausgeglichen sind, außer man wählt Spitzenniveau (2600 oder gar 2700, wo die Eröffnung dann gar nicht mehr vorkommt, also auch jede 'Statistik' ihre Aussagekraft verliert).

Natürlich haben wir es hier mit b4 im 2. Zug zu tun, also wählen wir in der Datenbank 1. Sf3 Sf6

und stellen dann wieder fest, dass

2. b4

zu ausgeglichenen Chancen führt.

Bei der Zugfolge

1. Sf3 d5 2. b4 (also erwähnte 'Santasiere's folly')

weist die Datenbank leicht bessere Chancen für Schwarz aus, was aber nichts besagen muss. Allerdings scheint 2... f6 hier tatsächlich eine der besten Antworten zu sein (hätte ich persönlich jetzt nicht vermutet!), wobei diese Antwortmöglichkeit in obiger Partie, wo 1... Sf6 geschieht, ja ohnehin wegfällt.

Fazit: Wenn man nicht gerade auf einem 2600er oder gar 2700er-Niveau spielt, hat diese Eröffnung ebenso gute Chancen wie jede andere auch; aber wie Oli1970 treffend schreibt: man muss sich - genau wie in anderen Eröffnungen - auskennen, um die Chancen, die sie bietet, zu kennen. Es bleibt einem halt nichts erspart. Die 'billige Erfolgseröffnung' (mit der man seine Gegner ohne Lernaufwand übertölpeln kann) existiert nicht.
Hasenrat - 19.08.18    
Vabanque - vor 21 Min.

"Antwort 1 (Endspiele mit 2 Mehrbauern)"

Dann kann ich künftig früher aufgeben. ;-)
Vabanque - 19.08.18    
Antwort 3 (Welcher hervorragende Meister hat b4 gespielt in welchen Partien?)

Wie oben schon geschrieben, scheint Fischer b4 tatsächlich nur in Simultanpartien angewandt zu haben.

GM Benkö dagegen spielte b4 gegen die GM Bellon Lopez und Ciocaltea (in letzterem Fall sogar der gleiche Aufbau wie obige Partie).

GM Bronstein spielte 1. Sf3 Sf6 2. b4 gegen GM Ivkov in einem Interzonenturnier.

GM Lombardy spielte 1. Sf3 Sf6 2. b4 gegen GM Quinteros.

GM Simagin spielte 1. b4 gegen GM Flohr in der USSR-Meisterschaft!

GM Spassky spielte 1. b4 gegen GM Smyslov im Moskau-Leningrad-Match!

Dies ist nur eine Auswahl, die mir nach einem schnellen Blick in das Buch 'Play b4!' vorliegt.

Bei keinem der erwähnten Spieler ist b4 eine Haupteröffnung gewesen, für alle war es nur ein Ausflug mit Überraschungseffekt. Trotzdem hat Weiß in allen erwähnten Partien gewonnen oder Remis erzielt.
Tschechov - 19.08.18    
Verstehe. Interessant, was Psychologie so alles ausmachen kann. Wahrscheinlich habe ich meine beiden bisher einzigen Orang Utan-Spiele hier gewonnen, weil ich dachte, ich müsse einfach gewinnen, gegen Orang Utan sei das quasi Pflicht. Positiver Stress halt. Wobei das natürlich auch nach hinten losgehen kann. Erwartungsdruck zu hoch=negativer Stress oder zu leichtsinniges Spiel.
Oli1970 - 19.08.18    
Damit dürfte die Eröffnung besser sein als ihr Ruf - leichtes Gegenspiel aus dem Ärmel raus ist wohl nicht gegeben.
@Tschechov: Berichte doch bitte mal, was Du zu Deinen Spielen rausgefunden hast. 10. Sxe4 hat mich verblüfft, das hat den Läufertausch forciert. In der Stellung hätte ich eher erwartet, an dem Läufer festzuhalten bzw. den Abtausch solange es geht zu verzögern. Aber der Erfolg gibt Plachetka ja nun recht. Andererseits schafft der Tausch den Verteidiger weg, also vielleicht doch nicht so verblüffend. Hm.
Vabanque - 19.08.18    
Antwort 4 (die angebliche Widerlegung mit f6)

Zunächst einmal war mir f6 im Orang-Utan nur nach der Zufolge 1. b4 e5 2. Lb2 f6 bekannt. Ich wusste nicht, dass es auch nach 1. Sf3 d5 2. b4 f6 möglich bzw. gut ist.

Interessant ist in diesem Zusammenhang zunächst einmal, dass in keiner einzigen der oben genannten GM-Partien der Schwarzspieler sich mit f6 aufbaut. Alle stellen schön brav ihren Königsspringer nach f6. Wissen die 'schweren Jungs' nicht um diese 'Widerlegung'?
Ich denke eher, so starke Spieler spielen pragmatisch. Sie werden sich nicht durch f6 ihre Entwicklung behindern lassen, wenn es nicht unbedingt nötig ist.

Und obwohl ich kein GM bin, würde ich ebenfalls so denken. Mir wäre 2... f6 sowohl mit Weiß wie mit Schwarz unangenehm. Ich würde mich mit beiden Farben da nicht wohl fühlen. Wenn man sowas spielt wie (nach 1. Sf3 Sf6 2. b4) f6, dann muss man wissen, mit welchen Plänen es weitergehen soll, wie man dann seine Figuren am günstigsten noch platziert, wenn durch f6 die 'normale' Figurenentwicklung am K-Flügel behindert ist. Andernfalls spielt man halt einfach 'normal'.

Andererseits stimmt es natürlich, dass die Pläne von Weiß durch f6 empfindlich gestört sind. Deswegen würde ich mich auch mit Weiß hier nicht wohl fühlen.
Allerdings ist dann wohl wirklich weißes d4 angebracht, um schwarzes e5 zu verhindern oder mindestens zu erschweren.

Am besten spielt man also - wie oben schon angemerkt - 2. b4 wohl doch am besten nach 1. Sf3 Sf6, und das scheint auch in GM-Partien (wenn b4 überhaupt mal gespielt wird) die häufigste Zugfolge zu sein.
Vabanque - 19.08.18    
@Tschechov: Wenn ich selber mit Schwarz gegen b4 spielen musste, tat ich mich meist ob der ungewohnten Stellungsbilder sehr schwer.

@alle: Wenn die Orang-Utan-Eröffnung hier auf so großes Interesse stößt, dann wird die nächste Partie auch noch eine mit dieser Eröffnung sein (mindestens).
Hasenrat - 19.08.18    
@Vabanque
Die obige Partie ist wertvoll für mich, da sie mir demonstriert, dass ich nach Sf6, was mir erst einmal den zunächst intendierten reinen Réti, wenn nicht konterkariert so doch irritiert, in den Santasiere überleiten kann.

Aber deine Argumentation, Sf6 als großmeisterlich geprüfter Vorzug vor f6, hat eine logische offene Flanke:
Wussten die GM's immer oder meistens, dass sie nach Sf3 b4 erwartet? Wenn ja, dann hättest du recht, wenn nein, konnten sie f6 ja gar nicht den Vorzug geben. ;-P
Hasenrat - 19.08.18    
Es sei denn du sprichst von Sf6 nach d5 ...?
Tschechov - 19.08.18    
@Oli1970: Ich bin gerade mal alle meine Niederlagen durchgegangen, dabei habe ich festgestellt, daß ich nur sehr selten fianchettiert habe (zumindest bei den verlorenen Partien, es wäre natürlich reizvoll, jetzt auch noch die gewonnenen durchzugehen) und der Läufer in der Königsecke für den Verlust der Partie eigentlich nie ursächlich war. Die meisten Partien mit Lg2 waren englisch, da hatte ich aber dann gar nicht rochiert.
Vabanque - 19.08.18    
>>Hasenrat - vor 4 Min.

Es sei denn du sprichst von Sf6 nach d5 ...?<<

Ja, auch in diesen Fällen spielten sie Sf6 und nicht f6.
Hasenrat - 19.08.18    
Und auf Lb2? Le7 wahrscheinlich?
Hasenrat - 19.08.18    
Dann ist f6 vermutlich auch wieder überholt. Es sei denn man kann die oben zitierten Partien auch zeitlich ein-/abgrenzen ...
Hasenrat - 19.08.18    
Le7 geht ja erst nach e6. Herrje, ich brauch das Analysebrett! :-D

Also Lb2 droht ja den S abzutauschen.
Vabanque - 19.08.18    
Nur wenn Schwarz vor dem Doppelbauern Angst hat, was wohl unnötig ist.
Canal_Prins - 19.08.18    
@oli1970

Wenn du Orang -Utan - Partien vom Feinsten suchst, so musst Du mal die von Akagi ansehen. Die sind lehrhaft und wirklich feinste Sahne.

In einigen seiner gespielten Partien, wirst du sehen und erkennen können, dass selbst Kenner dieser Eröffnung in ihren Lehrmeinungen widersprochen wird.

LG Canal_Prins
Hasenrat - 19.08.18    
@Vabanque

Bin etwas von Lehrmeister Nigel Davies infiziert, der in solchen Systemen generell (!?) empfiehlt, mit Weiß den fianchettierten Damenläufer gegen den schwarzen Königsspringer abzutauschen, da er aus persönlicher Erfahrung meint, da immer gutes Spiel im Zentrum zu bekommen ...

f6 - im klass. Orang-Utan, aber mit d5 - hat, lese ich eben, Fischer eingeführt!
Vabanque - 19.08.18    
>>Bin etwas von Lehrmeister Nigel Davies infiziert, der in solchen Systemen generell (!?) empfiehlt, mit Weiß den fianchettierten Damenläufer gegen den schwarzen Königsspringer abzutauschen, da er aus persönlicher Erfahrung meint, da immer gutes Spiel im Zentrum zu bekommen ...<<

Wenn ich sowas mache, bekommt immer mein Gegner gutes Spiel auf der langen Diagonalen (da ihm ja der Läufer bleibt), aber hm, bin ja auch kein GM ...

>>f6 - im klass. Orang-Utan, aber mit d5 - hat, lese ich eben, Fischer eingeführt!<<

Interessant.
Hasenrat - 19.08.18    
P.S.: wieder muss ich mich korrigieren (ich lass es heut Abend am besten! :-/), das Fischer'sche f6 war im Larsen-System geschehen.
Vabanque - 19.08.18    
Also gegen b3?
Vabanque - 19.08.18    
Die b3-Systeme (obwohl verwandt) diskutieren wir aber besser an Hand einer b3-Partie ... sonst gerät ja alles durcheinander hier.
Hasenrat - 19.08.18    
Genau, zurück! Ich muss mich selbst erst einmal sortieren - bevor ich hier los chatte ...
Scusa!^^
Vabanque - 19.08.18    
Nee, ist schon gut, jeder schachliche Beitrag ist hier willkommen!
Vabanque - 19.08.18    
Und SF Coffins schaut ja nicht hier vorbei :-p
Oli1970 - 19.08.18    
Hoppla, hier ging es voran in der Zwischenzeit.
@Tschechov: Danke für die Rückmeldung. Du hattest also eine andere Situation am Brett.

@Canal_Prins: Akagi hat eine beeindruckende Liste mit dem Orang-Utan. Sich da durchzuwühlen, ist ja schon fast ein Lebenswerk! Danke für den Hinweis!

@Hasenrat und Vabanque: Ihr habt mich verwirrt, wer macht den Knoten wieder raus? :-)
Vabanque - 19.08.18    
Du selbst :)
Oli1970 - 19.08.18    
Na toll, das ist ja wie zu Hause! :-)
Vabanque - 19.08.18    
>>Akagi hat eine beeindruckende Liste mit dem Orang-Utan. Sich da durchzuwühlen, ist ja schon fast ein Lebenswerk! Danke für den Hinweis! <<

Hab mal kurz reingeschaut, das sind meist recht abseitige Varianten, die Akagi da auf dem Brett hatte, oftmals gar nicht mal durch seine eigene 'Schuld', sondern durch die der Gegner, die irgendwas ganz 'Komisches' gegen b4 probierten (was ich allerdings als Schwarzspieler auch schon tat, z.B. den Aufbau c6 nebst Db6, nur weil das mal in einem Buch empfohlen worden war). Sie wollten b4 'widerlegen' und verloren darum oft nur umso schneller. Geschieht ihnen Recht ;-)

Das ist es ja, was ich oben auch meinte: ein GM, der mit so einer Eröffnung konfrontiert wird, versucht keine Widerlegung, sondern verhält sich pragmatisch. Er spielt einen soliden Aufbau und schaut, was sich ergibt.
Hasenrat - 19.08.18    
Ich war verwirrt - und verwirrte die Diskussion. Meine Einlassungen zuletzt waren unausgegoren.

Wir halten fest, dass Sf6 heute prinzipiell Mittel der Wahl für Schwarz ist - und f6 eher was im e5-System.
Vabanque - 19.08.18    
Ich weiß es nicht, ich habe zu den f6-Geschichten keine Erfahrung.

Aber man kann sich doch in den Datenbanken mögliche Spielverläufe anzeigen lassen, dann weiß man schon ungefähr, in welche Richtung sich die Partie begeben kann und ob man diese Stellungen wirklich haben will.
Hasenrat - 19.08.18    
Ja, ich muss mich damit noch mehr beschäftigen.

"Zurück zur Partie!" heißt ja jetzt auch, dass wir mit 1. ...Sf6 eine andere Grundlage haben.

Die Zugumstellungen verwirren mich allzu oft noch - in der Theorie wie in der Praxis. In der Tat, gerade das ist es auch, was den schlechteren Spieler vom besseren unterscheidet.
Das ist auch das Faszinierende: nur eine winzige Zugumstellung und man muss die Situation oft ganz anders beurteilen!
Canal_Prins - 19.08.18    
@ Vabanque

es gibt nach Recherchen vieler Datenbanken (bdF, chesscom u.a. ) keinen besseren Zug als b4 !!

Dies nur am Rande gesagt.

Es gibt aber in der O-U- Eröffnung einige Stolperfallen, wo man mit Schwarz sehr schnell auf der Verliererstrasse ist.

LG C_P
Hasenrat - 20.08.18    
" ... keinen besseren Zug als b4 !!" (?)
Entschuldigung, aber das klingt doch kaum glaubhaft. Wenn dies "der Stein der Weisen" wäre, warum sieht man dann dieses System nicht standardmäßig in den oberen u. höchsten Klassen?
Kellerdrache - 20.08.18    
Hmmm, als ich die Anzahl der Kommentare zu dieser Partie sah, hab ich schon vermutet hier hätte jemand einen schachfremden Beitrag ins falsche Forum gesetzt ;-)).

Zur Eröffnung hab ich nicht allzu viel zu sagen. Mich wundert das Schwarz so schnell den Abtausch des Lg7 zulässt. Vor allem da man schon sehen kann, dass Weiß ohne Probleme die Diagonale ausnutzen kann. In Verbindung mit 11...Sxf2 ist es schon schachlicher Suizid.

Der Kommentar macht die Partie, trotz Exoten-Eröffnung, leicht verständlich. Die Partie ist auch ein schönes Beispiel warum 1.b4 vielseitiger als 1.b3 ist. Es lässt eben auch Spiel am Damenflügel zu.
Vabanque - 20.08.18    
>>Hmmm, als ich die Anzahl der Kommentare zu dieser Partie sah, hab ich schon vermutet hier hätte jemand einen schachfremden Beitrag ins falsche Forum gesetzt ;-)).<<

Nunja, b4 zu spielen oder nicht zu spielen, kommt ja fast schon einer Art Weltanschauung gleich, deswegen so 'heiße' Diskussionen.

Es gäbe keinen besseren Eröffnungszug? Hm, die Datenbank bei chesstempo.com weist bei allen gängigen Eröffnungszügen (e4, d4, Sf3, c4, g3) Gewinnwahrscheinlichkeiten von über 38% aus, bei b4 sind es nur gut 36%.
Bei den Verlustwahrscheinlichkeiten ist der Unterschied noch etwas größer, während bei d4. Sf3, c4 und g3 die Verlustwahrscheinlichkeit unter 30% bleibt, ist sie bei b4 über 40 %.

Es gibt also sogar rein statistisch gesehen 'bessere' Eröffnungszüge als b4.
Diese Statistiken sind allerdings durch den Umstand verzerrt, dass es jenseits der 2600 kaum mehr Partien gibt, die mit b4 eröffnet werden.

Wir als Amateure müssen uns, glaube ich, hier weder über Statistiken noch über den Umstand, dass diese Eröffnung auf Top-Niveau kaum vorkommt, Gedanken machen. Bis hin zum 2400er-Niveau ist in der Eröffnung so gut wie alles spielbar, da der Gegner nicht mit der Genauigkeit spielt, die erforderlich wäre, um so eine Eröffnung als zweifelhaft zu erweisen.
KroMax - 21.08.18   +
Tolle Partie Vabanque und danke für deine Mühe !

Hier kommt jetzt für dich das ultimative Lob ;-))

Wenn ich hier bei chessmail Partien spiele, denke ich inzwischen bei Zügen:
"Wie würde wohl Vabanque diesen Zug von mir kommentieren" :-))

Beste Grüße
Max
Vabanque - 21.08.18    
Denk sowas lieber nicht, schon gar nicht während der Partie ... sonst machst du am Ende gar keine Züge mehr ;-)

Außerdem kommentierst du deine Partien ja auch selbst, wie wir gesehen haben!
Vabanque - 21.08.18    
Aber jedenfalls danke für deine Anmerkung, und natürlich auch danke an alle, die hier etwas beigetragen haben!

Wenn der Orang-Utan so gut ankommt, gibt es in wenigen Tagen noch einen. Bin schon bei der Kommentierung, aber noch nicht fertig.

Am schwersten tue ich mich immer beim 'Nachspann', also bei der Zusammenfassung der Punkte, die man (meiner Meinung) aus der Partie lernen kann. Dann muss ich immer wieder zu der Partie zurückgehen und mir ein paar Stellen noch einmal genau anschauen, was dann wiederum oft dazu führt, dass ich auf 'Lücken' in meinen Kommentaren stoße (wo also wichtige Dinge nicht erklärt werden), die ich dann wiederum im Nachhinein ausfülle. Trotzdem bleiben immer noch Lücken, wie man an Tschechovs Frage ja gesehen hat. In diesem Fall bitte immer fragen, im schlimmsten Fall kann passieren, dass ich keine Antwort weiß ...
Vabanque - 21.08.18    
>>Hasenrat - 19.08.18

Ich war verwirrt - und verwirrte die Diskussion. Meine Einlassungen zuletzt waren unausgegoren.<<

Und das finde ich überhaupt nicht schlimm. Wie 'ausgegoren' waren denn meine Antworten auf Tschechovs Frage (erste Anmerkung unter der Partie), hm? Da war ich auch verwirrt.

Und dann hatte ich doch tatsächlich geschrieben (nämlich in 'Antwort 4') ... ich zitiere mich selbst:

>>Wenn man sowas spielt wie (nach 1. Sf3 Sf6 2. b4) f6<<

Wie soll denn sowas gehen? Zuerst Sf6 und dann doch f6? Kein Wunder, dass Hasenrat verwirrt sein musste!
Natürlich meinte ich 1. Sf3 d5 2. b4 f6.

Also bitte weist mich doch immer auf meine Fehler hin, wenn sie euch auffallen. Es sind sicher genug davon vorhanden.
Bluemax - 21.08.18    
Ich halte, wie du bereits ganz oben angedeutet hast, 2. b4 oder gar 3. b4 für wesentlich stärker als 1. b4. Man lässt nicht gleich im 1. Zug die Hosen runter und es bleibt ein gewisser Schockeffekt beim Gegenüber.
Gerne wende ich nach 1. e4 - c5 (Mist, Sizilianisch!), 2. b4 ! (Ätsch, doch nicht!) vor allem gegen sehr starke Gegner beim Blitz an.
Was hälst du von diesem System und gehört es nicht irgendwie auch zu dieser Reihe ?
Vabanque - 21.08.18    
Das sizilianische Flügelgambit habe ich als Jugendlicher auch des Öfteren probiert. Ich erinnere mich aber, dass es auch hier genauer ist, zuerst 2. Sf3 und erst 3. b4 zu spielen, denn 1. e4 c6 2. b4 cxb4 3. a3 d5! 4. exd5 Dxd5 (denn jetzt geht Sc3 nicht) 5. axb4?? De5+ wäre fatal für Weiß. Durch 2. Sf3 wird diese Möglichkeit ausgeschaltet, und 3. b4 kann auf 2... d6 gut erfolgen, mit gewissen Vorbehalten geht es wohl auch auf 2... Sc6 und 2... e6.
Wie gesagt, als Jugendlicher habe ich in freien Partien und Blitzpartien alles mögliche ausprobiert, auch diese seltsamen Gambite. Aber großartige Erfolge waren mir damit nicht beschieden. Sei es, dass ich im Grunde meines Herzens doch nicht an die Stärke dieser Gambite glaubte, sei es, dass ich einfach kein Gambitspieler bin, sei es, dass diese Gambite halt doch nicht wirklich stark sind, jedenfalls sind sie dann irgendwann aus meinem Repertoire verschwunden.
Keres hat übrigens das sizilianische Flügelgambit öfters auch gegen GM-Kollegen mit Erfolg angewandt. Aber der konnte es ein wenig besser als ich ;-)
Mit Orang-Utan hat aber m.E. das sizilianische Flügelgambit wenig zu tun, es entstehen ja völlig andere Stellungsbilder.
Und dass ich eine Partie mit diesem Flügelgambit finde, die einfach genug ist, um innerhalb dieser Reihe besprochen zu werden, halte ich ebenfalls für unwahrscheinlich ...
Kellerdrache - 21.08.18    
Das nennt sich sizilianisches Flügelgambit. Hat im allgemeinen einen saumäßigen Ruf. Theorie dazu kenn ich eigentlich nicht. Ich meine nur mich erinnern zu können, dass man nach 2...cxb4 3.a3 nicht auch noch den a-Bauern nehmen sollte. Vermutlich einfach 3...d5 spielen
Bluemax - 21.08.18    
Danke euch beiden. Ja, meine Erfolgsquote ist auch nicht wirklich berauschend, macht mir aber Spaß und verhindert langatmige Sizi- Theorie Varianten.
Schaute mir dazu vorhin Werner Hug - Vishi Anand (2009) an. Weiß tat sich sehr schwer, allerdings gegen einen Super GM !
Vabanque - 21.08.18    
Da hat Anand ja sogar auf a3 genommen, trotzdem war Weiß nicht in der Lage, genügend Kompensation für den Bauern nachzuweisen.

>>Das nennt sich sizilianisches Flügelgambit. Hat im allgemeinen einen saumäßigen Ruf. <<

Der Ruf ist saumäßig, ja, aber eigentlich bloß in der Zugfolge 1. e4 c5 2. b4. Im 3. Zug b4 gilt als spielbar, und Datenbanken weisen dies auch so aus. Geringe Erfolgsquote mit 2. b4, normale Erfolgsquote mit 3. b4.
Kellerdrache - 21.08.18    
Was spielen Weiß und Schwarz denn dann im 2.Zug ? Ist es da egal ob Schwarz 2...Sc6, 2...d6 oder 2...e6 spielt ?
Bluemax - 21.08.18    
>>Der Ruf ist saumäßig, ja, aber eigentlich bloß in der Zugfolge 1. e4 c5 2. b4. Im 3. Zug b4 gilt als spielbar, und Datenbanken weisen dies auch so aus. Geringe Erfolgsquote mit 2. b4, normale Erfolgsquote mit 3. b4.<<

Diese These muss ich mir mal genauer anschauen, sehr interessant.
Danke für den Tip :-)
Canal_Prins - 21.08.18    
@ Vabanque

wie will wie von Dir oben stehend erwähnt im 2. Zug cxb4 schlagen ??

Am besten ich lade Dich zu einem O-U- Freundschaftsspiel ein.

Ein wahrer Könner des Orang- Utan Gegenspiels war kein Geringerer als GM Kortschnoi.

LG Canal_Prins
Vabanque - 21.08.18    
Sorry, war ein Tippfehler, ich meinte natürlich

1. e4 c5 2. b4 cxb4 3. a3 d5! 4. exd5 Dxd5 (denn jetzt geht Sc3 nicht) 5. axb4?? De5+

Sollte aber klar gewesen sein, da allgemein von Sizilianisch die Rede war.
Vabanque - 21.08.18    
>>Was spielen Weiß und Schwarz denn dann im 2.Zug ? Ist es da egal ob Schwarz 2...Sc6, 2...d6 oder 2...e6 spielt ?<<

Egal ist es nicht, aber auf alle drei Züge ist schon 3. b4 versucht worden. Am wenigsten effektiv gilt 3. b4 wohl auf 2... e6. Meist wird es auf 2... d6 gespielt.
Canal_Prins - 21.08.18    
@ Vabanque

weiss zieht im 2. Zug S f3....d6
--------------- 3. Zug Sc3.....Sf6
--------------- 4. Zug d4......cxd4
-----------------5. Zug Dxd4...Sc6
sollte weis im 6. Zug Lb5......Ld7 spielen so kontert schwarz mit Ld7 mit der Option im nächsten Zug, sollte der Lb5 den S auf c6 nicht schlagen auf e5 zu ziehen.
LG C_P
Vabanque - 21.08.18    
Alles ok so, aber es ging ja hier um weiße Möglichkeiten, auch in Sizilianisch b4 zu ziehen, und nicht d4, wie es sowieso üblich ist.