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Starke Springer, schwache Felder: Fischer - Gadia, 1960

Oli1970 - 31.07.20   ++
Olicio Gadia war ein brasilianischer Schachspieler. Er gewann 1959 und 1962 die brasilianischen Meisterschaften. In Mar del Plata teilten sich Spassky und Fischer den ersten Platz, während Gadia vorletzter von 15 Spielern wurde. Gadia war durchaus im Najdorf-Sizilianer bewandert, schaffte es hier aber nicht, mit Standardzügen ein gutes Spiel zu erhalten. So ist er schnell in der Defensive.
Die Partie ist relativ einfach gehalten und daher ein gutes Beispiel für Felderschwächen, wie man sie herstellt und wie man sie ausnutzt. In diesem Fall identifiziert Fischer das Feld d5 als schwach, aber anfangs ist es noch durch den Bauern auf e6 gedeckt. Fischer zeigt, wie das Feld schwach wird, indem er die Deckungsfiguren zum Ziehen zwingt oder einfach abtauscht. Der Springer, der sich dort postiert, wird zum kleinen Monster.
Auch das Endspiel ist eine kleine Lehrstunde, auch wenn es nicht lange währt. Einmal mehr wird vorgeführt, dass es sinnvoll sein kann, einen ursprünglichen Angriff gegen einen Wechsel des Flügels zu tauschen und so das Gegenspiel zu unterminieren. Der letzte Fehler des Schwarzspielers spielt an der Stelle schon fast keine Rolle mehr.



[Event "Mar del Plata"]
[Site "Mar del Plata ARG"]
[Date "1960.03.31"]
[Round "3"]
[White "Robert James Fischer"]
[Black "Olicio Gadia"]
[Result "1-0"]
[ECO "B87"]
[EventDate "1960.03.29"]
[PlyCount "45"]

1.e4 c5 2.Nf3 d6 3.d4 cxd4 4.Nxd4 Nf6 5.Nc3 a6 6.Bc4
{Der Fischer-Sozin-Angriff im Najdorf-Sizilianer. Fischer wandte mit
den schwarzen Steinen häufig die Najdorf-Variante an und spielte mit
Weiß gern mit Lc4 dagegen. Er kannte sich hier auf beiden Seiten des
Brettes aus.
}
6...e6 7.Bb3 b5 8.O-O
{Bis hier sind es typische Eröffnungszüge. Der nächste Zug von
Schwarz wird seltener gespielt, mit deutlichem Abstand ist Le7
gebräuchlicher.}
8...Bb7 9.f4
{Fischer antwortet mit einem ebenso selten gespielten Zug (statt Te1).
Fischer galt allerdings als Experte für das Königsgambit und
bevorzugte in diesem Spiel das Öffnen der f-Linie.
}
9...Nc6
{Gebräuchlicher sind Sbd7 oder Le7. Die Idee dürfte sein, den
unangenehmen Sd4 abzutauschen und die c-Linie für Turm und/oder Dame
zu öffnen.}
( {Auf den ersten Blick sieht } 9...Nxe4 {gut aus, bringt Weiß jedoch
in starken Vorteil.} 10.f5 e5 {denn auf exf5 folgt Txf5.} 11.Qh5 Qd7
12.Nxe4 Bxe4 13.Re1 {drückt sowohl auf f7 als auch auf das Zentrum
mit der möglichen Fortsetzung } 13...g6 14.Qh4 Bxf5 15.Qf6 )
10.Nxc6
{Fischer tauscht allerdings selbst.}
10...Bxc6 11.f5!
{Der Zug stellt Schwarz vor Probleme, denn der Be6 deckt das Feld d5.
Wenn der Bauer wegzieht, ist wird d5 schwach und auf gegnerischen
schwachen Feldern stehen eigene - noch dazu gedeckte - Springer gut.
Allerdings sind noch die Deckungsfiguren Sf6 und Lc6 als zusätzliche
Hürden im Weg.}
11...e5
{Kein guter Zug, und unter den Alternativen eher noch einer der
schlechteren. Was für Optionen hätte Schwarz noch gehabt?}
( 11...exf5 12.Rxf5 {gibt Weiß einen starken weißen Läufer und die
halboffene f-Linie. Der Bf7 ist eine Angriffsmarke.} )
( 11...Qd7 {zur Deckung von f7} 12.fxe6 fxe6 {und Weiß hat mehrere
gute Fortsetzungen wie z. B. } 13.Qe2 Be7 14.e5 dxe5 15.Qxe5 {mit
Angriff auf Be6.} )
( 11...b4 12.fxe6 bxc3 13.exf7+ Kd7 { als vermutlich beste
Fortsetzung. Dennoch steht Schwarz trotz Mehrfigur mehr als unbequem.}
)
12.Qd3
{stützt den Be4, was aber eigentlich unnötig ist. Sofortiges Lg5
wäre ebenfalls stark gewesen. Fischer hält an der Eroberung des
schwachen Feldes fest und verschafft sich so außerdem die
Möglichkeit, schnell auf die g- oder h-Linie zu schwenken oder nach
b4 die Dame stark auf c4 zu positionieren.}
( 12.Bg5 Qb6+ 13.Kh1 Nxe4 14.Nxe4 Bxe4 15.f6 )
12...Be7 13.Bg5
{Fischer wird das schwache Feld vor dem Bd6 erobern und daher
Deckungsfiguren abtauschen.}
13...Qb6+
{Es ist schwer, noch gute Strategien für Schwarz zu finden.}
14.Kh1 O-O 15.Bxf6
{Abtausch der ersten Deckungsfigur.}
15...Bxf6 16.Bd5
{Abtausch der zweiten Deckungsfigur.}
16...Rac8
( 16...Bxd5 17.Nxd5 {Schwarz kann nicht selbst nehmen, da die Dame nun
ziehen muss. Nach Sxf6+ gewinnt entweder Weiß die Figur oder der
König wird entblößt.} )
17.Bxc6
{Schwarz kann nicht selbst nehmen, da die Dame nun ziehen muss. Nach
Sxf6+ gewinnt entweder Weiß die Figur oder der König wird
entblößt.}
17...Rxc6 18.Rad1
( {Sofortiges } 18.Nd5 {ist schwächer wegen } 18...Qd4 )
18...Rfc8 19.Nd5
{Fischer hat das schwache Feld besetzt.}
19...Qd8 20.c3
{verhindert ein Eindringen der verdoppelten Türme. Tf2 wäre ähnlich
gut gewesen.}
20...Be7
{Bereitet f6 zur Unterstützung des e-Bauern vor und deckt d6 ein
weiteres Mal, was die Schwerfiguren etwas entlasten soll.}
21.Ra1!
{Fischer wechselt effizient den Flügel statt sich in einen Angriff
auf den Königsflügel zu verrennen.}
( 21.f6 Bxf6 22.Nxf6+ gxf6 {Auch gut, aber lange nicht so stark wie
Fischers Spiel.} )
21...f6 22.a4!
{Schwarz ist nicht mehr zu retten.}
22...Rb8
{Bis hierhin hat sich Gadia gut verteidigt, hier greift er völlig
fehl und verliert die Figur.}
( 22...bxa4 23.Rxa4 {mit zweifachem Angriff auf a6.} )
( 22...Bf8 23.axb5 axb5 24.Qxb5 {öffnet die a-Linie und droht b4
nebst Dd3 und b5, was einen starken Freibauern verschafft.} )
23.Nxe7+
( 23.Nxe7+ Qxe7 24.Qd5+ Kh8 25.Qxc6 )
1-0

Vabanque - 01.08.20    
Fischer kanzelt einen 'schwächeren' Spieler wieder mal gnadenlos ab :-)

Im Thread über allgemeine Schachweisheiten hatte ich unter anderem ja geschrieben, dass ein Springer im Zentrum, der von einem eigenen Bauern gedeckt, von gegnerischen Bauern unangreifbar und auch nicht abtauschbar ist, fast so stark wie ein Turm wirkt.

Vorliegende Partie liefert nun gleich ein hübsches Beispiel dafür.

Im 15. sowie 16./17. Zug tauscht Fischer die einzigen beiden schwarzen Figuren, die seinem eigenen Springer das Feld d5 streitig machen könnten. Dadurch bleibt ihm der 'gute' Springer gegen den 'schlechten' schwarzen Läufer (übrigens kann man das generell in Fischer-Partien beobachten, dass er immer so tauscht, dass dem Gegner die schlechten, ihm selber aber die guten Figuren bleiben).
Ab dem 19. Zug steht sein Springer nun auf d5 wie in Stein gemeißelt. Schwarz könnte ihn allerhöchstens durch Turmopfer beseitigen, woraus sich ergibt, dass der Sd5 in der gegenwärtigen Situation tatsächlich einen Turm wert ist.
Noch besser gefällt mir allerdings der weiße Zug 21. Ta1! Wer von uns hätte diesen 'Rückzug' des Turm auf sein Ausgangsfeld überhaupt erwogen? Und doch, einmal gemacht, ist der Zug komplett logisch: Fischer bereitet damit natürlich die Öffnung der a-Linie mittels a2-a4 vor.
Denn laut einer weiteren Schachweisheit kann keine geschlossene Stellung rein strategisch gewonnen werden, zu irgendeinem Zeitpunkt ist Linienöffnung zwingend notwendig.
Dass Schwarz nach 22. a4 auf der Stelle kollabiert, weil er b5 mit einem Reflexzug deckt, der seinen anderen Turm ungedeckt lässt (und dadurch dessen Eroberung ermöglicht), ist natürlich etwas schade und sicher mit auch einer der Gründe, warum Fischer diese Partie nicht in seine Sammlung der '60 memorable Games' mit aufgenommen hat. Vermutlich erschien ihm die Partie insgesamt auch zu einfach; die in dem erwähnten Buch enthaltenen Partien sind größtenteils recht kompliziert.

Etwas seltsam erscheint mir übrigens der Kommentar zum 16. Zug von Schwarz (der sich auffallenderweise beim 17. Zug von Weiß noch einmal wiederholt). Denn nach 16... Lxd5 (Variante) 17. Sxd5 könnte Schwarz ja Dd8 ziehen und damit die Aufreißung am Königsflügel noch verhindern. Gegenüber der Partie würde das dann allerdings wenig ändern, es entsteht dieselbe Stellungsstruktur. Durch die Partiefortsetzung verzögert Schwarz die Zementierung des weißen Springer auf d5 halt um ein paar Züge, das ist alles.

Insgesamt haben mir aber sowohl Partie wie auch Kommentar sehr gut gefallen: solche leicht verständlichen und doch lehrreichen Partien wünscht man sich natürlich.
Oli1970 - 01.08.20    
Hab Dank für Deinen ausführlichen Kommentar, Vabanque!

Auszüge aus dieser Fischer-Partie wurde kürzlich auf YouTube vorgestellt, so wurde ich auf sie aufmerksam. Da ich immer noch Deiner "Locker, leicht und lehrreich"-Reihe hinterhertrauere, hatte sie es mir wegen der Klarheit und Verständlichkeit angetan. Die Züge sprechen größtenteils für sich, in den meisten Varianten wird schnell klar, warum sie nicht funktionieren. Auf Deinen Tipp hin habe ich mir nun kurzer Hand auch die Partie Smyslov - Rudakovsky vorgenommen, die das Muster ebenfalls bedient.

Fischers Turmzug ist wirklich verblüffend, zumal stures f6 ebenso funktioniert. Trotzdem ist Fischers Zug deutlich stärker, was einem heute jede Schachengine verrät. Fischers Kreativität, eben nicht f6 zu spielen - klasse! Man könnte auch sagen, sein Zug zeigt den Unterschied zwischen Effektivität und Effizienz. ;-)

Tja, da habe ich den Kommentar zum 16./17. Zug vergeigt, was? Der Text war zuerst da, dann entschied ich mich, die Behauptung durch eine Variante zu zeigen und den Text nach dort zu platzieren. So entstand dann die unbereinigte Doublette.
Dd8 verhindert zwar den Aufriss am Königsflügel, ist aber nicht gut, da Weiß dann stark mit a4 am Damenflügel fortsetzt (nach schwarzem Dd8 würde weißes Sxf6 den erspielten Vorteil zunichte machen). Ich hätte gut daran getan, dies auch noch darzustellen. Andererseits liefen die weniger perfekten Kommentare einen Grund, sich über die Partie auszutauschen - so hat jeder noch was zu entdecken! :-)
Vabanque - 02.08.20    
>>Dd8 verhindert zwar den Aufriss am Königsflügel, ist aber nicht gut, da Weiß dann stark mit a4 am Damenflügel fortsetzt (nach schwarzem Dd8 würde weißes Sxf6 den erspielten Vorteil zunichte machen).<<

Ja, das ist alles wohl wahr. Ich hätte auch nicht wirklich geglaubt, dass Schwarz mit 16... Lxd5 17. Sxd5 Dd8 besser fahren würde als in der Partie.

>>Ich hätte gut daran getan, dies auch noch darzustellen. Andererseits liefen die weniger perfekten Kommentare einen Grund, sich über die Partie auszutauschen - so hat jeder noch was zu entdecken! :-)<<

Ich hatte bei meinen eigenen kommentierten Partien schon öfters mal einen fehlerhaften Kommentar drin, wie ich später nach dem Posten peinlicherweise bemerkte ... allerdings ist dies nie jemandem aufgefallen, oder aber alle sahen höflich über meinen Lapsus hinweg? Merkwürdig, denn genau dies wäre doch ein gefundenes Fressen für meine Gegner im Forum gewesen, mir mal wirklich etwas nachzuweisen! Eine Chance, die ungenutzt blieb ...
Ich dachte sogar schon mal daran, absichtliche Fehler in den Kommentierungen einzubauen, um festzustellen, ob wirklich jemand genau liest ... aber das war mir dann wiederum zu hinterhältig ;-)
Und außerdem - es schleichen sich ja ohnehin immer unbeabsichtigte Fehler ein (auch wenn es oft nur Schreibfehler sind), so dass es kaum nötig ist, zusätzlich welche einzubauen.
Oli1970 - 02.08.20    
>> Und außerdem - es schleichen sich ja ohnehin immer unbeabsichtigte Fehler ein (auch wenn es oft nur Schreibfehler sind) ... <<

Wohl wahr, gerade die Schreibfehler fallen mir oft erst nach Tagen auf ... die würde ich schon gerne aus der Geschichte löschen. Komischerweise macht es die Autokorrektur oft schlimmer als besser. Und auf dem Tablet oder Smartphone geschriebene Texte sind häufig nochmals schlimmer als auf der Notebook-Tastatur. Mal abgesehen davon, dass meine Rechtschreibung ohnehin schon Lücken aufweist.

Kommentierungsfehler sind ja oft relativ; wie im Spiel ist es eben mal eine falsche - oder nicht zu Ende - gedachte Variante. Natürlich hat die Kommentierung dann einen Makel, wie in den besten Büchern, schön ist dann, wenn sich Schachfreunde finden, die drüber diskutieren und Verbesserungen aufzeigen. So lebt die Rubrik wenigstens. :-)
Vabanque - 03.08.20    
>>Komischerweise macht es die Autokorrektur oft schlimmer als besser.<<

Autokorrektur ist die Hölle! Wenn ich auf dem Smartphone meinen Wohnort tippen will, will die Autokorrektur daraus 'mutterseelenallein' machen ... wetten, dass jetzt niemand daraus erschließen kann, wo ich wohne? Gut so ;-)

>>Und auf dem Tablet oder Smartphone geschriebene Texte sind häufig nochmals schlimmer als auf der Notebook-Tastatur.<<

Deswegen tippe ich nie Forenbeiträge, Chats innerhalb Partien oder PNs auf dem Smartphone, außer sie gehen nicht über 1-2 Zeilen hinaus.

>>Mal abgesehen davon, dass meine Rechtschreibung ohnehin schon Lücken aufweist.<<

Habe ich bei dir jetzt noch nicht feststellen können.

>>Kommentierungsfehler sind ja oft relativ; wie im Spiel ist es eben mal eine falsche - oder nicht zu Ende - gedachte Variante.<<

Die nicht zu Ende gedachten Varianten sind die schlimmsten bzw. die ärgerlichsten. Man war ja auf dem richtigen Weg, man hätte nur noch den berühmten einen Zug weiter denken müssen.
Aber nicht zuletzt meinte ja schon vor ca. 100 Jahren GM Maroczy: 'Man kann sich auf alle Absichten des Gegners einlassen, man muss nur einen Zug weiter rechnen als er.' Und der im entscheidenden Moment diesen einen Zug weiter gerechnet hat, gewinnt dann auch meistens. In einer Kommentierung sind die Folgen weniger dramatisch, da kann man ja nicht gewinnen oder verlieren.

>>Natürlich hat die Kommentierung dann einen Makel, wie in den besten Büchern<<

Es gibt wohl kaum ein Schachbuch, in dem sich nicht mindestens eine falsche Variante findet. Meistens sind es deutlich mehr. Trotzdem steckt in den Büchern immer noch genug Schachverständnis.

>>schön ist dann, wenn sich Schachfreunde finden, die drüber diskutieren und Verbesserungen aufzeigen. So lebt die Rubrik wenigstens. :-)<<

Tja, vielleicht erreichen wir es ja noch, die stillen Mitleser (an die ich mich in einem gesonderten Beitrag demnächst noch wenden möchte) zu aktvieren :-)
crimsonfripp - 07.11.20    
Habe das gerade mit den "stillen Mitlesern" gelesen.
Erstmal: Danke, daß sich hier einige die Mühe machen!
Zum Thema:
Habe früher mehrfach in dieser Rubrik was gepostet; das war dann aber immer so, als hätte ich gar nichts geschrieben und hinterließ den Eindruck als sei die Rubrik für einen "Immer Circle"
Oli1970 - 07.11.20    
Die „Mühe“ ist sehr gern geschehen! Ich habe festgestellt, dass solche Kommentierungen für mich eine ideale Arte der Beschäftigung mit Schach ist und mir mittlerweile die Spurensuche nach dem „Warum“ mehr gibt als das reine Lesen von Büchern oder Konsumieren von YouTube. Natürlich ziehe ich beide Quellen dazu heran, anders käme ich selten zu Ergebnissen. :-)

Zum früheren „Inner Circle“ kann ich nichts sagen; zumindest in den letzten zwei, drei Jahren dürfte sich das gewandelt haben. In meiner Erinnerung wurde in diesem Zeitraum auf fast jeden Beitrag eingegangen. Dennoch ist es zweifellos eine Erklärung, warum in dieser Rubrik kein Leben ist. Hier gibt es fast 370 (!) bis fast ins Detail kommentierte Partien, diesen Detailgrad und die Menge schafft wohl kein Buch. Alles sogar für (nahezu) Einsteiger aufbereitet und mit der Möglichkeit, Fragen zu stellen und Erklärungen zu erhalten. Ich habe mich immer gefragt, warum sich offensichtlich kaum ein Schachspieler dafür zu interessieren scheint. Selbst das Fehlen von Kommentierungen seit einem viertel Jahr hat scheinbar niemand bemerkt oder sie vermisst.

Letzteres ist für mich der Grund, hier nichts mehr öffentlich gemacht zu haben. Langweilen will ich nicht, Rampenlicht brauche ich nicht, und vielleicht stimmt auch die Qualität meiner Kommentierungen nicht. Tatsache ist, dass ein Kommentator hier seit gut eineinhalb Jahren überhaupt keine Navigation bekommt. Selbst ein Plus (oder Minus) gibt es seit V3 nicht mehr als Wegweiser. Kellerdrache scheint fort, Vabanque hat‘s Kommentieren scheinbar eingestellt und als Einzelkämpfer (der ja auch Vabanque lange Zeit war) ist es dann schwer, Motivation zu schöpfen, wenn ein Ziel fehlt. Die letzten Wochen / Monate habe ich tatsächlich mehrere Partien als Hobby kommentiert, sah jedoch keinen Grund mehr, sie hier einzustellen.
Alapin2 - 08.11.20    
Ich gebe zu :"Habe auch nicht immer, und wenn, manchmal nur flüchtig reingeschaut".
Wenn man viele Bücher hat, dann auch noch eine Schachzeitung abonniert hat, ist man(ich) vielleicht auch etwas ueberfuettert mit Partiekommentaren..
Meine Idee, um das Ganze vielleicht wieder aufzupeppen : Vielleicht mal ne eigene Partie mit sparsamen Kommentaren reinstellen, das ist dann doch ziemlich "interaktiv", da traut man sich auch eher an Vorschläge ran als bei Grossmeisterpartien!??
Diejenigen,die mit viel Engagement hier was reingestellt haben, ohne sehr große Resonanz, haben vielleicht den Trost, dass es sie selbst vielleicht schachlich weitergebracht hat!?
Oli1970 - 08.11.20    
Hi Alapin, schön, dass Du eine Rückmeldung gibst. Finde ich absolut in Ordnung, dass Du sagst, dass die Kommentierungen hier (mehr oder weniger) nicht Dein Interesse wecken. SF Tschechov ist der Gegenpol, er scheint der Dauerleser zu sein, der noch dazu tief in die Partien eintaucht (Ups, ich merke: Mein Kommentar von wegen "überhaupt keine Navigation" ist überzogen, sorry, Tschechov, damit tue ich Dir unrecht!).

Ist es "nur" Überfütterung oder in erster Linie das größere Vertrauen zum großmeisterlichen Originalkommentar? Ich habe festgestellt, dass mir ein Buch oder ein Video zu einer Partie oft nicht reicht, weil der Kommentar nicht tief genug geht, bei mir bleiben immer noch Fragen offen, die vielleicht auf einem höheren spielerischen Niveau selbsterklärend sind. Daher beschreibe ich fast jeden Zug und wenn es da schon steht, sehe ich keinen Grund mehr, es zu löschen, da es jemand anderem beim Verständnis der Partie eventuell helfen könnte. Allerdings ist ein ausführlicher Kommentar ein Problem für das Entstehen von Diskussionen oder Fragen - was bleibt, wenn alles ausgelotet und beantwortet ist? Das Problem bei knappen Kommentaren ist vielleicht dasselbe - wenn allen alles klar scheint, soll ich mich als Ahnungsloser outen?

Eine eigene Partie einzustellen, finde ich eher schwierig. Zum einen müssen / sollten beide Partner damit einverstanden sein, zum anderen sind die eigenen Partien oft nicht wirklich zeigenswert. Was schief gelaufen ist, zeigt mir in der Regel die Analyse; die Frage ist, was kann man aus den eigenen Fehlern - oder aus Fehlern auf eigenem Niveau - lernen? Oder genauer: Kann man ausschließlich aus den Fehlern lernen oder gibt es auch der Spielanlage / Entwicklung und dem Positionsspiel etc. was abzugewinnen? Letzteres finde ich bei mir z. B. kaum, jedenfalls nicht mit Weitblick betrieben. "Er war stets bemüht" trifft es so ungefähr. Das Sammeln kleiner Vorteile bis es zum Gewinn reicht, findet man wohl eher bei "den Großen". In meinen Spielen ist das Lauern auf einen Fehler für einen finalen Schlag die Regel.

Übrigens habe ich damals die gleiche Frage an Vabanque und Kellerdrache gerichtet - warum bringt ihr keine eigenen Partien, ihr kennt doch schließlich eure eigenen Gedanken dazu? Mittlerweile sehe ich es aber ähnlich; der Lernwert aus großmeisterlichen Partien ist in der Regel höher und oft ist das Verständnis sogar besser, weil einfach ein roter Faden in deren Spiel vorhanden ist. Mal abgesehen von oft reichhaltigem Material zu den Partien in den bekannten Medien.

Natürlich haben mich die kommentierten Spiele (sowohl die fremd- als auch die selbstkommentierten) schachlich weitergebracht, und den ein oder anderen netten Kontakt, der daraus entstanden ist, möchte ich nicht missen. Das Kommentieren führe ich durchaus weiter, die Frage ist vielmehr, ist eine Veröffentlichung eher wie Werbung im Briefkasten? Mal was Interessantes dabei aber auch viel Altpapier? :-) Vielleicht ist ein Abo-Service eine Alternative... ;-)
Tschechov - 09.11.20    
Oli1970, du überschätzt mich. Mir fehlt für ein wirklich tiefes Eintauchen das Spielverständnis. Trotzdem überlege ich gerade, mal selbst eine Partie reinzustellen, ich müßte mir aber erstmal sowas wie Fritz installieren, um mögliche Alternativzüge aufzeigen zu können (ich selbst bin ja wohl kaum in der Lage, einem GM oder gar Weltmeister nachzuweisen, was er hätte besser machen können).
Oli1970 - 09.11.20    
Nee, Tschechov, ich glaube eher, Du überschätzt mich. :-) Als tiefes Eintauchen sehe ich schon eine mehr als oberflächliche Beschäftigung mit der Partie, mehr als ein bloßes Durchklicken. Deine Anmerkungen zeigen immer, dass Du Dir Gedanken machst, statt Dich nur berieseln zu lassen. Ich empfinde es als schwer, halbwegs qualifizierte Aussagen zu einer Partie zu machen, deshalb vollen Respekt!

Wir dürften etwa die gleiche Tellerandhöhe vor Augen haben. Zum Spiel habe ich nie Anleitung gehabt, ist alles autodidaktisch erworben und auf entsprechendem Niveau. Ich habe weder großes Eröffnungs- noch Endspielwissen, jedenfalls nicht spezialisiert. Eher in Form von (lückenbehafteten) Regeln und Strukturen. Vieles davon kommt sogar von hier aus den kommentierten Spielen oder Büchern wie z.B. von J. Silman. Wenn ich mir nur die Hälfte davon dauerhaft merken könnte, aber Tatsache ist, ich bin in der Regel zu faul, mir die Beispiele auf einem Brett aufzubauen.

Meine Kommentierungen entstehen aus eigenen Gedanken, die ich durch Medienwissen prüfe, ergänze oder revidiere. Oder als Irrtum in eine Variante einbaue. ;-) Und natürlich ist eine Engine immer zur Unterstützung dabei (Nullzüge sind ein tolles Mittel, um taktische Motive zu finden). Ich finde es auch nicht wichtig, immer den besten Zug nachzuweisen - mir ist wichtiger zu verstehen, warum jemand Zug xy spielt. Dass Fehler geschehen, die eine Engine nachweist, ist menschlich. Spannend ist dann herauszufinden, was dazu führte, wie der Fehler vermeidbar ist oder eben ausgenutzt werden kann. Manchmal ist der zweit- oder drittbeste Zug viel einleuchtender als der Maschinenvorschlag.

Nur ein paar Gedanken, da ich noch sehr gut weiß, welche Überwindung es mich kostete, hier das erste Mal ein Spiel einzustellen. Ich würde mich freuen, wenn Du ein Spiel präsentierst. Wenn ich helfen kann, melde Dich einfach.
Alapin2 - 09.11.20    
... Klasse, Oli! Ich habe grosse Achtung vor Leuten, die schachlich mehr oder weniger autodidaktisch unterwegs sind! Ich selbst hatte das Glück, in einer Schulschachgruppe mit 12 Jahren die Grundlagen zu erlernen.
Zig Jahre später tauchten 2 schon sehr Erwachsene Brüder in meinem Club auf :
Beide hatten gerade erst mithilfe der ersten Schach Programme die Grundvoraussetzung erworben. 3 Jahre später spielten sie in der Ersten!