Vabanque, 1/6, 11. Feb '26
Nach längerer Pause führe ich die Schachgedanquen in unregelmäßiger Folge jetzt mal weiter.
Diesmal möchte ich euch eine - wie ich finde - wahrhaft spektakuläre Schlusskombination vorführen, die ich schon mal als Aufgabe hatte stellen wollen, aber ich denke, an ein Matt in 7 hätten sich nur wenige Löser rangetraut.
Sibarevic - Bukic, Banja Luka 1976
Die Stellung war aus einer Sizilianischen Verteidigung entstanden, in welcher der Schwarzspieler auf eine damalige weiße Neuerung nicht die korrekte Antwort gefunden hatte (11... Db8? statt korrekt 11... Lb7 war ein Fehler gewesen, siehe das unten gezeigte pgn-File der vollständigen Partie).
In der Diagrammstellung hatte Weiß daher für eine geopferte Figur die Trümpfe in der Hand:
Die weißen Figuren sind alle entwickelt und zielen gegen den schwarzen König, der in der Mitte verblieben ist und von den spärlich entwickelten eigenen Figuren wenig Hilfe zu erwarten hat.
So eine Stellung schreit geradezu nach einer Kombination!
Den Schrei zu hören, ist natürlich eine Sache, die Kombination auch zu sehen, eine andere.
Aber wenn der Sd7 nicht das Feld f6 verteidigen würde, wäre Sf6 ja schon Matt, weil der Sc6 und die eigenen Figuren auf f7 und f8 den schwarzen König total einkeilen.
Kann man also den Sd7 von der Deckung von f6 ablenken? Nun, wenn auf fxe5 oder sogar Txe5+ (Idee💡) der schwarze Springer auf e5 wiedernehmen würde, wäre das Mattziel ja erreicht, aber leider kann Schwarz auf das Schlagen auf e5 auch mit dem d-Bauern wiedernehmen.
Moment mal, kann er das wirklich? Könnte nämlich der weiße Td1 ungehindert nach d8 gelangen, wäre dies ja ebenfalls Matt. Und nach Txe5+ dxe5 ist immerhin schon der Bauer d6 aus dem Weg geschafft, und der weiße Sd5 wie auch der schwarze Sd7 können dann noch durch das Opfer Sf6+ beiseite geräumt werden!
Wir haben es also mit einer Linienräumungskombination zu tun, und der Ablauf gestaltet sich folgendermaßen (um Scrollen zu vermeiden, hier nochmal das Ausgangsdiagramm):
17. Txe5+!! dxe5 2. Sf6+! Sxf6 3. Td8#
Schwarz darf also den weißen Turm überhaupt nicht nehmen, sondern muss 17... Le7 spielen.
Aber auch danach erreicht Weiß ein Matt in wenigen weiteren Zügen: 18. Txe7+ Kf8
Obwohl Weiß nun die geopferte Figur bei anhaltendem Angriff zurückgewonnen hat, heißt es noch aufpassen, denn es hängt nicht nur der Sc6, Weiß muss auch Abzüge des Sd7 mit Bedrohung der Dh3 berücksichtigen. Trotzdem funktioniert es mit fortgesetzten Mattdrohungen:
19. Df5 Se5 (deckt f7 und bedroht die Df5) 20. Df6 (droht offensichtlich Dxh8# und noch etwas, das gleich offenbar wird) Th7 und Schwarz gab gleichzeitig auf, warum?
Weiß kann hier auf etliche Weisen gewinnen, aber am kürzesten und hübschesten ist ein Matt in 2:
21. Te8+! Kxe8 22. Dd8#
Hier noch die vollständige Partie:
[Event "Banja Luka"]
[Site "Banja Luka"]
[Date "1976.??.??"]
[Round "9"]
[White "Sibarevic, Milenko"]
[Black "Bukic, Enver"]
[Result "1-0"]
[ECO "B96"]
[WhiteElo "2340"]
[BlackElo "2500"]
[PlyCount "40"]
1. e4 c5 2. Nf3 d6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 Nf6 5. Nc3 a6 6. Bg5 e6 7. f4 Nbd7 8. Qf3
Qc7 9. O-O-O b5 10. Bxb5 axb5 11. e5 Qb8 12. exf6 gxf6 13. Rhe1 h5 14. Qh3 e5
15. Nd5 fxg5 16. Nc6 Qb7 17. Rxe5+ Be7 18. Rxe7+ Kf8 19. Qf5 Ne5 20. Qf6 Rh7
1-0
Selbstverständlich hat die Partie schon vor der besprochenen Endphase so einige Feinheiten aufzuweisen, z.B. droht ab dem 13. Zug von Weiß schon ein Turmopfer auf e6 in Verbindung mit Sc6(+), was die schwarzen Antwortzüge 13... h5 und 14... e5 erklärt. Erst im 15. Zug schlägt Schwarz daher den weißen Lg5 (er hat auch sonst nichts mehr in petto), aber auch dann ist Sc6 in Verbindung mit einem Turmopfer tödlich.
Man sieht, dass alle weißen Kombinationen nur durch 11... Db8? möglich gemacht wurden, ein Zug, der nicht nur den Ta8 decken, sondern auch die Bedrohung der schwarzen Dame nach zu erwartendem Sdxb5 vermeiden sollte. Stattdessen wäre 11.. Lb7 12. Sdxb5 Dc8! richtig gewesen, wie uns heute die Engines verraten, was aber im Jahre 1976 vermutlich sowohl in der Eröffnungsvorbereitung wie auch in der Post-mortem-Analyse schwer zu finden war, und als Spieler am Turnierbrett ist es damals wie heute quasi ausgeschlossen, präzise Antworten auf scharfe Züge zu finden.
Danque fürs Lesen, Liken und ggf. sogar Kommentieren, denn (O-Ton shaack!) es geht in diesem Forum nicht um Belehrung, sondern um Kommunikation!
Auch mein eigenes Ziel mit den 'Schachgedanquen' ist nicht etwa Belehrung (denn niemand will gerne belehrt werden), sondern das Teilen interessanter und hoffentlich auch unterhaltsamer Spielsituationen, aus denen man dann vielleicht sogar Nutzen für das eigene Spiel ziehen kann.
Diesmal möchte ich euch eine - wie ich finde - wahrhaft spektakuläre Schlusskombination vorführen, die ich schon mal als Aufgabe hatte stellen wollen, aber ich denke, an ein Matt in 7 hätten sich nur wenige Löser rangetraut.
r1b1kb1r/1q1n1p2/2Np4/1p1Np1pp/5P2/7Q/PPP3PP/2KRR3 w kq - 2 17
Sibarevic - Bukic, Banja Luka 1976
Die Stellung war aus einer Sizilianischen Verteidigung entstanden, in welcher der Schwarzspieler auf eine damalige weiße Neuerung nicht die korrekte Antwort gefunden hatte (11... Db8? statt korrekt 11... Lb7 war ein Fehler gewesen, siehe das unten gezeigte pgn-File der vollständigen Partie).
In der Diagrammstellung hatte Weiß daher für eine geopferte Figur die Trümpfe in der Hand:
Die weißen Figuren sind alle entwickelt und zielen gegen den schwarzen König, der in der Mitte verblieben ist und von den spärlich entwickelten eigenen Figuren wenig Hilfe zu erwarten hat.
So eine Stellung schreit geradezu nach einer Kombination!
Den Schrei zu hören, ist natürlich eine Sache, die Kombination auch zu sehen, eine andere.
Aber wenn der Sd7 nicht das Feld f6 verteidigen würde, wäre Sf6 ja schon Matt, weil der Sc6 und die eigenen Figuren auf f7 und f8 den schwarzen König total einkeilen.
Kann man also den Sd7 von der Deckung von f6 ablenken? Nun, wenn auf fxe5 oder sogar Txe5+ (Idee💡) der schwarze Springer auf e5 wiedernehmen würde, wäre das Mattziel ja erreicht, aber leider kann Schwarz auf das Schlagen auf e5 auch mit dem d-Bauern wiedernehmen.
Moment mal, kann er das wirklich? Könnte nämlich der weiße Td1 ungehindert nach d8 gelangen, wäre dies ja ebenfalls Matt. Und nach Txe5+ dxe5 ist immerhin schon der Bauer d6 aus dem Weg geschafft, und der weiße Sd5 wie auch der schwarze Sd7 können dann noch durch das Opfer Sf6+ beiseite geräumt werden!
Wir haben es also mit einer Linienräumungskombination zu tun, und der Ablauf gestaltet sich folgendermaßen (um Scrollen zu vermeiden, hier nochmal das Ausgangsdiagramm):
r1b1kb1r/1q1n1p2/2Np4/1p1Np1pp/5P2/7Q/PPP3PP/2KRR3 w kq - 2 17
17. Txe5+!! dxe5 2. Sf6+! Sxf6 3. Td8#
Schwarz darf also den weißen Turm überhaupt nicht nehmen, sondern muss 17... Le7 spielen.
Aber auch danach erreicht Weiß ein Matt in wenigen weiteren Zügen: 18. Txe7+ Kf8
r1b2k1r/1q1nRp2/2Np4/1p1N2pp/5P2/7Q/PPP3PP/2KR4 w - - 1 19
Obwohl Weiß nun die geopferte Figur bei anhaltendem Angriff zurückgewonnen hat, heißt es noch aufpassen, denn es hängt nicht nur der Sc6, Weiß muss auch Abzüge des Sd7 mit Bedrohung der Dh3 berücksichtigen. Trotzdem funktioniert es mit fortgesetzten Mattdrohungen:
19. Df5 Se5 (deckt f7 und bedroht die Df5) 20. Df6 (droht offensichtlich Dxh8# und noch etwas, das gleich offenbar wird) Th7 und Schwarz gab gleichzeitig auf, warum?
r1b2k2/1q2Rp1r/2Np1Q2/1p1Nn1pp/5P2/8/PPP3PP/2KR4 w - - 5 21
Weiß kann hier auf etliche Weisen gewinnen, aber am kürzesten und hübschesten ist ein Matt in 2:
21. Te8+! Kxe8 22. Dd8#
Hier noch die vollständige Partie:
[Site "Banja Luka"]
[Date "1976.??.??"]
[Round "9"]
[White "Sibarevic, Milenko"]
[Black "Bukic, Enver"]
[Result "1-0"]
[ECO "B96"]
[WhiteElo "2340"]
[BlackElo "2500"]
[PlyCount "40"]
1. e4 c5 2. Nf3 d6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 Nf6 5. Nc3 a6 6. Bg5 e6 7. f4 Nbd7 8. Qf3
Qc7 9. O-O-O b5 10. Bxb5 axb5 11. e5 Qb8 12. exf6 gxf6 13. Rhe1 h5 14. Qh3 e5
15. Nd5 fxg5 16. Nc6 Qb7 17. Rxe5+ Be7 18. Rxe7+ Kf8 19. Qf5 Ne5 20. Qf6 Rh7
1-0
Selbstverständlich hat die Partie schon vor der besprochenen Endphase so einige Feinheiten aufzuweisen, z.B. droht ab dem 13. Zug von Weiß schon ein Turmopfer auf e6 in Verbindung mit Sc6(+), was die schwarzen Antwortzüge 13... h5 und 14... e5 erklärt. Erst im 15. Zug schlägt Schwarz daher den weißen Lg5 (er hat auch sonst nichts mehr in petto), aber auch dann ist Sc6 in Verbindung mit einem Turmopfer tödlich.
Man sieht, dass alle weißen Kombinationen nur durch 11... Db8? möglich gemacht wurden, ein Zug, der nicht nur den Ta8 decken, sondern auch die Bedrohung der schwarzen Dame nach zu erwartendem Sdxb5 vermeiden sollte. Stattdessen wäre 11.. Lb7 12. Sdxb5 Dc8! richtig gewesen, wie uns heute die Engines verraten, was aber im Jahre 1976 vermutlich sowohl in der Eröffnungsvorbereitung wie auch in der Post-mortem-Analyse schwer zu finden war, und als Spieler am Turnierbrett ist es damals wie heute quasi ausgeschlossen, präzise Antworten auf scharfe Züge zu finden.
Danque fürs Lesen, Liken und ggf. sogar Kommentieren, denn (O-Ton shaack!) es geht in diesem Forum nicht um Belehrung, sondern um Kommunikation!
Auch mein eigenes Ziel mit den 'Schachgedanquen' ist nicht etwa Belehrung (denn niemand will gerne belehrt werden), sondern das Teilen interessanter und hoffentlich auch unterhaltsamer Spielsituationen, aus denen man dann vielleicht sogar Nutzen für das eigene Spiel ziehen kann.