Kommentierte Spiele
GM Vlastimil Hort R.I.P.: Ribli - Hort, Tilburg 1978
Den am 12.5. leider verstorbenen GM Vlastimil Hort muss ich den Schachfreunden ja wohl kaum nachträglich vorstellen (siehe dazu auch den Thread /forum/thread/CZmnR4lgIHit?sv=8); ich ehre ihn mit einer Kommentierung eines Schwarzsiegs gegen den damaligen ungarischen Spitzenspieler GM Zoltan Ribli. Die Partie wurde 1978 in Tilburg gespielt.
(Da ich den Partiekommentar aus gegebenem Anlass relativ schnell erstellt habe, ist er natürlich nicht besonders ausführlich oder ausgefeilt. Ich hoffe aber, den Verstorbenen damit dennoch einigermaßen angemessen zu würdigen.)
[Event "Tilburg Interpolis"]
[Site "Tilburg NED"]
[Date "1978.09.03"]
[Round "3"]
[White "Zoltan Ribli"]
[Black "Vlastimil Hort"]
[Result "0-1"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "E15"]
1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nf3 b6 4. g3 Ba6 {Greift sofort c4 an und ist schärfer
als das 'natürliche' Lb7.} 5. b3 Bb4+ 6. Bd2 Be7 {Sinn und Zweck dieses
zunächst sonderbar anmutenden, aber in ähnlichen Stellungen häufig
anzutreffenden Läufermanövers war es, den weißen Läufer auf ein Feld (d2) zu
locken, wo er mehr im Weg steht als nützt.} 7. Nc3 c6 8. e4 d5 9. Qc2 {Der
ungarische GM bereitet e5 vor, indem er das Feld e4 noch einmal überdeckt.} (
{Häufig wird auch das sofortige} 9. e5 Ne4 10. Bd3 {gespielt.} ) 9... dxe4
{Hort möchte nun e4-e5 nicht mehr zulassen.} 10. Nxe4 Bb7 {Der richtige Platz
des Läufers ist jetzt auf der langen Diagonale; auf a6 hatte er nichts mehr
auszurichten. Früher oder später wird Schwarz c5 spielen und damit den Lb7 zur
vollen Wirksamkeit verhelfen.} 11. Bd3 {Im 4. Zug hatte Weiß mit g2-g3 dem
Läufer ein Entwicklungsfeld auf g2 bereitet, aber danach waren immer wieder
Ereignisse eingetreten, die diese Entwicklung verzögert hatten. Nun entscheidet
Weiß, dass der Läufer hier besser steht als auf g2.} ( {Auf} 11. Bg2 {wäre
nämlich sofort} 11... c5 {erfolgt, mit Angriff auf den Se4.} ) 11... Nbd7 12.
O-O-O {Im Fall der kurzen Rochade würde nun der Königsläufer auf g2 fehlen.
Freilich ist die lange Rochade nicht ohne Risiken. Schwarz kann und wird mit a5
die Öffnung der a-Linie betreiben. Das hätte Hort auch gleich spielen können,
aber da seine Figuren ein wenig gedrängt stehen, zieht er es vor, zunächst
einen entlastenden Tausch einzuschalten.} 12... Nxe4 13. Bxe4 Nf6 14. Rhe1 O-O
15. h4 {Aus dem geplanten Angriff gegen die kurze Rochade des Schwarzen wird
nichts werden, trotzdem ist nichts Besseres zu sehen.} 15... a5 16. Bc3 (
{Konsequenter war} 16. h5 {.} ) 16... Bb4 $1 17. Bxb4 $6 {Ohne wirkliche
Notwendigkeit öffnet Weiß seinem Gegner die a-Linie.} ( {Es ist nicht ganz
verständlich, warum der Ungar nicht gleich} 17. Ne5 {gespielt hat.} ) 17...
axb4 18. Ne5 $6 {Nun ist dies wegen der schwarzen Fortsetzung nicht mehr so
gut.} ( {Interessant war jedenfalls} 18. c5 $5 {, um schwarzes c6-c5 zu
blockieren.} ) 18... Nxe4 19. Rxe4 c5 {Schwarz hat bereits die Initiative
übernommen.} 20. dxc5 $5 {Mit diesem Qualitätsopfer versucht Weiß das Blatt
noch zu wenden; das Spiel wird nun äußerst kompliziert.} 20... Bxe4 21. Qxe4
Qf6 $1 {Hort spielt auf Gewinn!} ( {Nach dem vorsichtigen} 21... Qc7 {hätte
Weiß mit} 22. Nd7 $1 {die Qualität zurückerobert:} 22... bxc5 $1 {(wegen der
Drohung cxb6 erzwungen)} 23. Nxf8 Rxf8 {mit sehr wahrscheinlichem Remis.} ) 22.
cxb6 {Nun hat Weiß zwei verbundene Freibauern, aber einen luftigen König.}
22... Qxf2 {Greift nicht nur b6 an und verhindert c5, sondern droht vor allem
Txa2 mit Verdopplung auf der vorletzten Reihe und tödlichen Mattdrohungen.} 23.
Qd4 {Der einzige Zug, der alles hält.} 23... Qxa2 24. Nd7 $2 {Bisher hat Ribli
in kritischer Stellung gut mitgemischt, dieser Zug aber verliert sofort.} (
{Mit} 24. c5 $1 {konnte Weiß seine verbundenen Freibauern als Gegengewicht zum
schwarzen Angriff in die Waagschale werfen.} ) 24... Qa1+ {Hort erzwingt die
folgende - von Weiß wohl übersehene - Abwicklung in ein gewonnenes Endspiel.}
25. Qxa1 Rxa1+ 26. Kc2 Rxd1 27. Kxd1 (27. Nxf8 Rd8 {ist nicht besser und
verläuft ähnlich wie die Partiefortsetzung.} ) 27... Rd8 {Diese Fesselung ist
entscheidend, und die weißen Bauern erweisen sich als zu langsam.} 28. c5 Rxd7+
29. Ke2 {Weiß fehlt nur ein Tempo, denn wäre er am Zug, so würden nach c6 seine
verbundenen Freibauern gegen den Turm gewinnen!} 29... Rb7 {So aber hilft auch
die Annäherung des weißen Königs nicht mehr, da der schwarze ebenfalls
herankommt.} 30. Kd3 Kf8 31. Kc4 Ke8 {und Ribli gab auf, weil er sah, dass Hort
die weißen Bauern stoppen wird.} ( {Es könnte noch weitergehen mit} 31... Ke8
32. Kb5 Kd8 33. c6 Re7) 0-1
(Da ich den Partiekommentar aus gegebenem Anlass relativ schnell erstellt habe, ist er natürlich nicht besonders ausführlich oder ausgefeilt. Ich hoffe aber, den Verstorbenen damit dennoch einigermaßen angemessen zu würdigen.)
[Site "Tilburg NED"]
[Date "1978.09.03"]
[Round "3"]
[White "Zoltan Ribli"]
[Black "Vlastimil Hort"]
[Result "0-1"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "E15"]
1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nf3 b6 4. g3 Ba6 {Greift sofort c4 an und ist schärfer
als das 'natürliche' Lb7.} 5. b3 Bb4+ 6. Bd2 Be7 {Sinn und Zweck dieses
zunächst sonderbar anmutenden, aber in ähnlichen Stellungen häufig
anzutreffenden Läufermanövers war es, den weißen Läufer auf ein Feld (d2) zu
locken, wo er mehr im Weg steht als nützt.} 7. Nc3 c6 8. e4 d5 9. Qc2 {Der
ungarische GM bereitet e5 vor, indem er das Feld e4 noch einmal überdeckt.} (
{Häufig wird auch das sofortige} 9. e5 Ne4 10. Bd3 {gespielt.} ) 9... dxe4
{Hort möchte nun e4-e5 nicht mehr zulassen.} 10. Nxe4 Bb7 {Der richtige Platz
des Läufers ist jetzt auf der langen Diagonale; auf a6 hatte er nichts mehr
auszurichten. Früher oder später wird Schwarz c5 spielen und damit den Lb7 zur
vollen Wirksamkeit verhelfen.} 11. Bd3 {Im 4. Zug hatte Weiß mit g2-g3 dem
Läufer ein Entwicklungsfeld auf g2 bereitet, aber danach waren immer wieder
Ereignisse eingetreten, die diese Entwicklung verzögert hatten. Nun entscheidet
Weiß, dass der Läufer hier besser steht als auf g2.} ( {Auf} 11. Bg2 {wäre
nämlich sofort} 11... c5 {erfolgt, mit Angriff auf den Se4.} ) 11... Nbd7 12.
O-O-O {Im Fall der kurzen Rochade würde nun der Königsläufer auf g2 fehlen.
Freilich ist die lange Rochade nicht ohne Risiken. Schwarz kann und wird mit a5
die Öffnung der a-Linie betreiben. Das hätte Hort auch gleich spielen können,
aber da seine Figuren ein wenig gedrängt stehen, zieht er es vor, zunächst
einen entlastenden Tausch einzuschalten.} 12... Nxe4 13. Bxe4 Nf6 14. Rhe1 O-O
15. h4 {Aus dem geplanten Angriff gegen die kurze Rochade des Schwarzen wird
nichts werden, trotzdem ist nichts Besseres zu sehen.} 15... a5 16. Bc3 (
{Konsequenter war} 16. h5 {.} ) 16... Bb4 $1 17. Bxb4 $6 {Ohne wirkliche
Notwendigkeit öffnet Weiß seinem Gegner die a-Linie.} ( {Es ist nicht ganz
verständlich, warum der Ungar nicht gleich} 17. Ne5 {gespielt hat.} ) 17...
axb4 18. Ne5 $6 {Nun ist dies wegen der schwarzen Fortsetzung nicht mehr so
gut.} ( {Interessant war jedenfalls} 18. c5 $5 {, um schwarzes c6-c5 zu
blockieren.} ) 18... Nxe4 19. Rxe4 c5 {Schwarz hat bereits die Initiative
übernommen.} 20. dxc5 $5 {Mit diesem Qualitätsopfer versucht Weiß das Blatt
noch zu wenden; das Spiel wird nun äußerst kompliziert.} 20... Bxe4 21. Qxe4
Qf6 $1 {Hort spielt auf Gewinn!} ( {Nach dem vorsichtigen} 21... Qc7 {hätte
Weiß mit} 22. Nd7 $1 {die Qualität zurückerobert:} 22... bxc5 $1 {(wegen der
Drohung cxb6 erzwungen)} 23. Nxf8 Rxf8 {mit sehr wahrscheinlichem Remis.} ) 22.
cxb6 {Nun hat Weiß zwei verbundene Freibauern, aber einen luftigen König.}
22... Qxf2 {Greift nicht nur b6 an und verhindert c5, sondern droht vor allem
Txa2 mit Verdopplung auf der vorletzten Reihe und tödlichen Mattdrohungen.} 23.
Qd4 {Der einzige Zug, der alles hält.} 23... Qxa2 24. Nd7 $2 {Bisher hat Ribli
in kritischer Stellung gut mitgemischt, dieser Zug aber verliert sofort.} (
{Mit} 24. c5 $1 {konnte Weiß seine verbundenen Freibauern als Gegengewicht zum
schwarzen Angriff in die Waagschale werfen.} ) 24... Qa1+ {Hort erzwingt die
folgende - von Weiß wohl übersehene - Abwicklung in ein gewonnenes Endspiel.}
25. Qxa1 Rxa1+ 26. Kc2 Rxd1 27. Kxd1 (27. Nxf8 Rd8 {ist nicht besser und
verläuft ähnlich wie die Partiefortsetzung.} ) 27... Rd8 {Diese Fesselung ist
entscheidend, und die weißen Bauern erweisen sich als zu langsam.} 28. c5 Rxd7+
29. Ke2 {Weiß fehlt nur ein Tempo, denn wäre er am Zug, so würden nach c6 seine
verbundenen Freibauern gegen den Turm gewinnen!} 29... Rb7 {So aber hilft auch
die Annäherung des weißen Königs nicht mehr, da der schwarze ebenfalls
herankommt.} 30. Kd3 Kf8 31. Kc4 Ke8 {und Ribli gab auf, weil er sah, dass Hort
die weißen Bauern stoppen wird.} ( {Es könnte noch weitergehen mit} 31... Ke8
32. Kb5 Kd8 33. c6 Re7) 0-1
Dankeschön!
Kam jetzt zum richtigen Zeitpunkt.
Ich hätte mich in der Position wahrscheinlich nicht getraut groß zu rochieren. Vielleicht musste Weiß aber auch auf Sieg spielen und suchte die Komplikation, dass weiss ich nicht. V. Hort hat es jedenfalls schön bestraft.
Kam jetzt zum richtigen Zeitpunkt.
Ich hätte mich in der Position wahrscheinlich nicht getraut groß zu rochieren. Vielleicht musste Weiß aber auch auf Sieg spielen und suchte die Komplikation, dass weiss ich nicht. V. Hort hat es jedenfalls schön bestraft.
Danke für die Kommentierung, Vabanque! Bist fleißig in den letzten Monaten. :-)
Hier hat mir das Endspiel besonders gut gefallen. Dass Riblis Sd7 die Niederlage einleitet, ist mit den nachfolgenden Zügen gut nachvollziehbar. Die Abwicklung kann man sich einprägen - relativ unkompliziert und doch ein ordentlicher Einschlag. 28.Td8 hätte von mir gut und gerne ein bis zwei Ausrufezeichen bekommen, sehr stark gespielt. Auf Horts Niveau wahrscheinlich Endspiel-Basics, für mich ein Aha-Effekt.
Hier hat mir das Endspiel besonders gut gefallen. Dass Riblis Sd7 die Niederlage einleitet, ist mit den nachfolgenden Zügen gut nachvollziehbar. Die Abwicklung kann man sich einprägen - relativ unkompliziert und doch ein ordentlicher Einschlag. 28.Td8 hätte von mir gut und gerne ein bis zwei Ausrufezeichen bekommen, sehr stark gespielt. Auf Horts Niveau wahrscheinlich Endspiel-Basics, für mich ein Aha-Effekt.
>>Danke für die Kommentierung, Vabanque! Bist fleißig in den letzten Monaten. :-)<<
Es bestanden ja auch häufiger konkrete Anlässe zu einer Kommentierung, wie eben auch hier. Ein trauriger Anlass zwar, aber dafür doch umso mehr ein Anlass.
>>Dass Riblis Sd7 die Niederlage einleitet, ist mit den nachfolgenden Zügen gut nachvollziehbar. Die Abwicklung kann man sich einprägen - relativ unkompliziert und doch ein ordentlicher Einschlag. 28.Td8 hätte von mir gut und gerne ein bis zwei Ausrufezeichen bekommen, sehr stark gespielt. Auf Horts Niveau wahrscheinlich Endspiel-Basics, für mich ein Aha-Effekt.<<
Die mit Da1+ beginnende Abwicklung ist zwingend (dem Damentausch auszuweichen bedeutet für Weiß die sofortige Niederlage) ... das Wesentliche war (finde zumindest ich), dabei zu erkennen, dass die weißen Bauern hinterher keine Gefahr darstellen. Ich denke auch, ein sehr starker Spieler sieht das schnell. Ich dagegen war erstaunt, als ich gemerkt habe, dass es hier wirklich um ein einziges Tempo geht. Hätte Schwarz nicht dieses Mehrtempo und könnten die weißen Bauern einen Zug früher gemeinsam auf die 6. Reihe gelangen, würde Weiß GEWINNEN, und die ganze Abwicklung mit der Fesselung durch Td8 als hübsche Pointe (darin stimme ich dir zu, SF Oli1970!) wäre keinen Pfifferling wert gewesen.
Die Frage ist für mich, ob der ungarische GM die Abwicklung selbst bzw. die Fesselung durch Td8 übersehen hat (was in einer so komplizierten Stellung selbst für einen GM vorstellbar ist, wenn auch einigermaßen überraschend), oder ob er nicht gesehen hat, dass Schwarz seine Bauern unschädlich machen kann.
Ribli lebt noch, man könnte ihn theoretisch fragen (nur wie?). Hort kann man leider nichts mehr fragen🙁
Es bestanden ja auch häufiger konkrete Anlässe zu einer Kommentierung, wie eben auch hier. Ein trauriger Anlass zwar, aber dafür doch umso mehr ein Anlass.
>>Dass Riblis Sd7 die Niederlage einleitet, ist mit den nachfolgenden Zügen gut nachvollziehbar. Die Abwicklung kann man sich einprägen - relativ unkompliziert und doch ein ordentlicher Einschlag. 28.Td8 hätte von mir gut und gerne ein bis zwei Ausrufezeichen bekommen, sehr stark gespielt. Auf Horts Niveau wahrscheinlich Endspiel-Basics, für mich ein Aha-Effekt.<<
Die mit Da1+ beginnende Abwicklung ist zwingend (dem Damentausch auszuweichen bedeutet für Weiß die sofortige Niederlage) ... das Wesentliche war (finde zumindest ich), dabei zu erkennen, dass die weißen Bauern hinterher keine Gefahr darstellen. Ich denke auch, ein sehr starker Spieler sieht das schnell. Ich dagegen war erstaunt, als ich gemerkt habe, dass es hier wirklich um ein einziges Tempo geht. Hätte Schwarz nicht dieses Mehrtempo und könnten die weißen Bauern einen Zug früher gemeinsam auf die 6. Reihe gelangen, würde Weiß GEWINNEN, und die ganze Abwicklung mit der Fesselung durch Td8 als hübsche Pointe (darin stimme ich dir zu, SF Oli1970!) wäre keinen Pfifferling wert gewesen.
Die Frage ist für mich, ob der ungarische GM die Abwicklung selbst bzw. die Fesselung durch Td8 übersehen hat (was in einer so komplizierten Stellung selbst für einen GM vorstellbar ist, wenn auch einigermaßen überraschend), oder ob er nicht gesehen hat, dass Schwarz seine Bauern unschädlich machen kann.
Ribli lebt noch, man könnte ihn theoretisch fragen (nur wie?). Hort kann man leider nichts mehr fragen🙁