Vabanque, 1/38, 28. Jul '21
Nun ist es tatsächlich schon fast wieder ein Jahr her, dass der große Wolfgang Uhlmann (der das ostdeutsche Schach geprägt hat wie kein anderer) im Alter von 85 Jahren gestorben ist (nämlich am 24.8.2020).
Etwas verspätet, aber bestimmt nicht zu spät, möchte ich ihn daher mit einer kleinen Auswahl von weniger bekannten, aber ganz bestimmt sehenswerten Partien ehren.
In vorliegendem Spiel kommt Uhlmann gegen einen russischen IM nach dessen ungenauer Eröffnunsbehandlung frühzeitig zu einem Opferangriff auf der h-Linie, der schnell zum Matt führt.
Wie immer habe ich mich bemüht, keine Analyse, sondern eine Kommentierung vorzulegen, d.h. nur die nötigsten Varianten aufzuzeigen und stattdessen die Ideen hinter den Zügen zu erläutern.
[Event "Leipzig DSV"]
[Site "Leipzig GDR"]
[Date "1980.??.??"]
[Round "9"]
[White "Wolfgang Uhlmann"]
[Black "Petrusin"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "E75"]
1. c4 Nf6 2. Nc3 g6 3. e4 d6 4. d4 Bg7 5. Be2 O-O 6. Bg5 {Das Awerbach-System
im Königsinder. Schwarz muss genau spielen, um nicht ins Hintertreffen zu
geraten. Wie schnell Letzteres passieren kann, zeigt vorliegende Partie.} 6...
c5 7. d5 {Die Bauernstruktur ist jetzt in einen Benoni-Typ übergegangen.} 7...
h6 {Der unangenehme Läufer wird natürlich befragt; allerdings wird der Bauer h6
schnell zum Angriffsobjekt, wie man gleich sieht. Und jeder Bauernzug vor dem
eigenen König will stets gut überlegt sein. Trotzdem ist dies immer noch alles
gut spielbar für Schwarz. } 8. Bf4 Qb6 {Eine (vermutlich nicht sehr
empfehlenswerte) Seitenvariante. Die Datenbanken empfehlen als meist gespielten
Zug das sofortige Bauernopfer e7-e6, das Schwarz später unter deutlich
ungünstigeren Umständen spielt. Auch a7-a6, zur Vorbereitung eines Gegenspiels
auf dem anderen Flügel, ist gut spielbar (oder sogar das radikale Bauernopfer
b7-b5).} 9. Qd2 Kh7 10. h4 {Schon bläst Weiß zum Angriff; er steht ja bereit,
jederzeit lang zu rochieren.} 10... e6 $2 {Angesichts der Folge vermutlich
bereits der entscheidende Fehler. Schwarz hält sich an die bekannte Maxime,
dass man einem 'verfrühten' Flügelangriff (also einem, der vor Abschluss der
eigenen Entwicklung gestartet wird, so wie Weiß dies hier tut) am besten mit
einem Gegenschlag im Zentrum begegnet. Schwarz ist bereit, dafür den Bauern d6
zu geben. Aber Uhlmann ist an diesem Bauern gar nicht interessiert.} 11. dxe6
Bxe6 12. Nf3 {Also schließt Weiß vor weiteren Angriffsaktionen doch zuerst die
Entwicklung ab.} 12... Nc6 13. Ng5+ $1 {Das Springeropfer ist, wie leicht zu
sehen, nur ein Scheinopfer. Weiß wird die Figur in Gestalt des Sf6
zurückgewinnen. Der Sinn des Scheinopfers liegt natürlich in der Öffnung der
h-Linie.} 13... hxg5 {Die Linienöffnung kann Schwarz auch gar nicht vermeiden:}
(13... Kg8 {wird nämlich mit} 14. Nxe6 fxe6 15. Bxh6 Bxh6 16. Qxh6 Qxb2 17.
Qxg6+ Kh8 18. Qh6+ Nh7 19. Qc1 {widerlegt.} ) 14. hxg5+ Kg8 ( {Auch nach} 14...
Nh5 15. g4 {gewinnt Weiß die Figur bei starkem Angriff gleich zurück.} ) 15.
gxf6 Bxf6 16. O-O-O Nd4 17. Bd3 Rfe8 18. Rh2 {Weiß verdoppelt bereits die Türme
auf der offenen h-Linie. Schwarz hat auf der anderen Brettseite nichts
Vergleichbares gegen den weißen König zu bieten.} 18... Qd8 {Um Lg5 zu
verhindern, was Weiß aber bald dennoch spielt, unter Opfer!} 19. Rdh1 a6 20. e5
$1 {Ein Räumungsopfer mit Tempogewinn. Das Feld e4 wird für den weißen Springer
freigemacht und zugleich die Diagonale des Ld3 geöffnet.} 20... dxe5 {Es gibt
nichts Besseres.} ( {Nach} 20... Bxe5 21. Bxe5 dxe5 22. Qh6 {erliegt Schwarz
schnell dem Mattangriff der vertripelten Schwerfiguren auf der h-Linie: man
erkennt, wie essentiell es für die Verteidigung ist, dass der schwarzfeldrige
Läufer nicht getauscht wird.} 22... Qf6 23. Ne4 {und es gibt keinen Ausweg über
f6} ) (20... Bg7 21. Bg5 Qb6 (21... f6 22. exf6 Bxf6 23. Bxf6 Qxf6 24. Ne4 Qg7
25. Rh8+ Qxh8 26. Rxh8+ Kxh8 27. Qh6+) 22. Bf6 {wird auch matt} ) 21. Bg5 $3
{Wunderschön; Uhlmann spielt das 'verhinderte' Lg5 trotzdem! Die Pointe ist
natürlich das mögliche Eingreifen des Sc3 auf e4.} 21... Ne2+ {Ändert gegenüber
dem sofortigen Schlagen auf g5 wenig.} ( {Auf} 21... Bxg5 {folgt ganz ähnlich
zur späteren Partiefortsetzung} 22. Rh8+ Kg7 23. R1h7+ Kf6 24. Ne4+ Ke7 (24...
Kf5 25. Nxg5+ {anders als in der Partie, da der L jetzt noch auf d3 steht} )
25. Qxg5+ Kd7 26. Nf6+) 22. Bxe2 {Natürlich nur so. Vielleicht wollte Schwarz
jetzt ursprünglich die Damen tauschen und damit das Matt verhindern, sah aber
jetzt mit der glatten Minusfigur, die er nach dem Damentausch behält, keine
Chance mehr.} 22... Bxg5 {Umso besser für uns, weil wir jetzt die Pointe der
weißen Kombination vorgeführt bekommen.} 23. Rh8+ Kg7 24. R1h7+ Kf6 25. Ne4+
{Dieses entscheidende Eingreifen wurde durch den 20. weißen Zug ermöglicht.}
25... Kf5 (25... Ke7 26. Qxg5+ Kd7 27. Nf6+ {nebst Txe8. Schwarz lässt sich
lieber mattsetzen, als so viel Material einzubüßen.} ) 26. g4+ {Hübsch: Uhlmann
opfert auch noch den Se4.} (26. g4+ Kxe4 27. f3# {mit einem aparten Matt des
'zentralisierten' Königs.} ) 1-0
Etwas verspätet, aber bestimmt nicht zu spät, möchte ich ihn daher mit einer kleinen Auswahl von weniger bekannten, aber ganz bestimmt sehenswerten Partien ehren.
In vorliegendem Spiel kommt Uhlmann gegen einen russischen IM nach dessen ungenauer Eröffnunsbehandlung frühzeitig zu einem Opferangriff auf der h-Linie, der schnell zum Matt führt.
Wie immer habe ich mich bemüht, keine Analyse, sondern eine Kommentierung vorzulegen, d.h. nur die nötigsten Varianten aufzuzeigen und stattdessen die Ideen hinter den Zügen zu erläutern.
[Site "Leipzig GDR"]
[Date "1980.??.??"]
[Round "9"]
[White "Wolfgang Uhlmann"]
[Black "Petrusin"]
[Result "1-0"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[ECO "E75"]
1. c4 Nf6 2. Nc3 g6 3. e4 d6 4. d4 Bg7 5. Be2 O-O 6. Bg5 {Das Awerbach-System
im Königsinder. Schwarz muss genau spielen, um nicht ins Hintertreffen zu
geraten. Wie schnell Letzteres passieren kann, zeigt vorliegende Partie.} 6...
c5 7. d5 {Die Bauernstruktur ist jetzt in einen Benoni-Typ übergegangen.} 7...
h6 {Der unangenehme Läufer wird natürlich befragt; allerdings wird der Bauer h6
schnell zum Angriffsobjekt, wie man gleich sieht. Und jeder Bauernzug vor dem
eigenen König will stets gut überlegt sein. Trotzdem ist dies immer noch alles
gut spielbar für Schwarz. } 8. Bf4 Qb6 {Eine (vermutlich nicht sehr
empfehlenswerte) Seitenvariante. Die Datenbanken empfehlen als meist gespielten
Zug das sofortige Bauernopfer e7-e6, das Schwarz später unter deutlich
ungünstigeren Umständen spielt. Auch a7-a6, zur Vorbereitung eines Gegenspiels
auf dem anderen Flügel, ist gut spielbar (oder sogar das radikale Bauernopfer
b7-b5).} 9. Qd2 Kh7 10. h4 {Schon bläst Weiß zum Angriff; er steht ja bereit,
jederzeit lang zu rochieren.} 10... e6 $2 {Angesichts der Folge vermutlich
bereits der entscheidende Fehler. Schwarz hält sich an die bekannte Maxime,
dass man einem 'verfrühten' Flügelangriff (also einem, der vor Abschluss der
eigenen Entwicklung gestartet wird, so wie Weiß dies hier tut) am besten mit
einem Gegenschlag im Zentrum begegnet. Schwarz ist bereit, dafür den Bauern d6
zu geben. Aber Uhlmann ist an diesem Bauern gar nicht interessiert.} 11. dxe6
Bxe6 12. Nf3 {Also schließt Weiß vor weiteren Angriffsaktionen doch zuerst die
Entwicklung ab.} 12... Nc6 13. Ng5+ $1 {Das Springeropfer ist, wie leicht zu
sehen, nur ein Scheinopfer. Weiß wird die Figur in Gestalt des Sf6
zurückgewinnen. Der Sinn des Scheinopfers liegt natürlich in der Öffnung der
h-Linie.} 13... hxg5 {Die Linienöffnung kann Schwarz auch gar nicht vermeiden:}
(13... Kg8 {wird nämlich mit} 14. Nxe6 fxe6 15. Bxh6 Bxh6 16. Qxh6 Qxb2 17.
Qxg6+ Kh8 18. Qh6+ Nh7 19. Qc1 {widerlegt.} ) 14. hxg5+ Kg8 ( {Auch nach} 14...
Nh5 15. g4 {gewinnt Weiß die Figur bei starkem Angriff gleich zurück.} ) 15.
gxf6 Bxf6 16. O-O-O Nd4 17. Bd3 Rfe8 18. Rh2 {Weiß verdoppelt bereits die Türme
auf der offenen h-Linie. Schwarz hat auf der anderen Brettseite nichts
Vergleichbares gegen den weißen König zu bieten.} 18... Qd8 {Um Lg5 zu
verhindern, was Weiß aber bald dennoch spielt, unter Opfer!} 19. Rdh1 a6 20. e5
$1 {Ein Räumungsopfer mit Tempogewinn. Das Feld e4 wird für den weißen Springer
freigemacht und zugleich die Diagonale des Ld3 geöffnet.} 20... dxe5 {Es gibt
nichts Besseres.} ( {Nach} 20... Bxe5 21. Bxe5 dxe5 22. Qh6 {erliegt Schwarz
schnell dem Mattangriff der vertripelten Schwerfiguren auf der h-Linie: man
erkennt, wie essentiell es für die Verteidigung ist, dass der schwarzfeldrige
Läufer nicht getauscht wird.} 22... Qf6 23. Ne4 {und es gibt keinen Ausweg über
f6} ) (20... Bg7 21. Bg5 Qb6 (21... f6 22. exf6 Bxf6 23. Bxf6 Qxf6 24. Ne4 Qg7
25. Rh8+ Qxh8 26. Rxh8+ Kxh8 27. Qh6+) 22. Bf6 {wird auch matt} ) 21. Bg5 $3
{Wunderschön; Uhlmann spielt das 'verhinderte' Lg5 trotzdem! Die Pointe ist
natürlich das mögliche Eingreifen des Sc3 auf e4.} 21... Ne2+ {Ändert gegenüber
dem sofortigen Schlagen auf g5 wenig.} ( {Auf} 21... Bxg5 {folgt ganz ähnlich
zur späteren Partiefortsetzung} 22. Rh8+ Kg7 23. R1h7+ Kf6 24. Ne4+ Ke7 (24...
Kf5 25. Nxg5+ {anders als in der Partie, da der L jetzt noch auf d3 steht} )
25. Qxg5+ Kd7 26. Nf6+) 22. Bxe2 {Natürlich nur so. Vielleicht wollte Schwarz
jetzt ursprünglich die Damen tauschen und damit das Matt verhindern, sah aber
jetzt mit der glatten Minusfigur, die er nach dem Damentausch behält, keine
Chance mehr.} 22... Bxg5 {Umso besser für uns, weil wir jetzt die Pointe der
weißen Kombination vorgeführt bekommen.} 23. Rh8+ Kg7 24. R1h7+ Kf6 25. Ne4+
{Dieses entscheidende Eingreifen wurde durch den 20. weißen Zug ermöglicht.}
25... Kf5 (25... Ke7 26. Qxg5+ Kd7 27. Nf6+ {nebst Txe8. Schwarz lässt sich
lieber mattsetzen, als so viel Material einzubüßen.} ) 26. g4+ {Hübsch: Uhlmann
opfert auch noch den Se4.} (26. g4+ Kxe4 27. f3# {mit einem aparten Matt des
'zentralisierten' Königs.} ) 1-0