Kommentierte Spiele

Knackige Kombinationen - Efim Geller

Oli1970 - 11. Sep '25
Efim Geller war ein russischer Schachgroßmeister, der es nie bis ganz an die Spitze geschafft hatte. 1963 lag er zeitweise auf Platz 2 der Weltrangliste. Er ist derjenige, der eine positive Bilanz gegen die Weltmeister Michail Botwinnik, Wassili Smyslow, Tigran Petrosjan und Bobby Fischer vorweisen konnte. Seine Gewinnpartie gegen Fischer von 1967 wurde von Vabanque kommentiert, neben einem Remis ist er in den kommentierten Spielen in vier weiteren Partien als Unterlegener präsent, was seiner schachlichen Leistung nicht gerecht wird.

Die nachfolgende Partie gegen Heinz Liebert startet mit einem ungewöhnlichen 7. Zug Gellers in der Pirc-Verteidigung. Das Spiel wurde während der vierten Mannschaftseuropameisterschaft gespielt. Liebert errang dort die Silbermedaille an Brett 5. Das Mittelspiel ist etwas durchwachsen; von beiden Seiten alles andere als optimal gespielt, wirkt es etwas lustlos. So bleibt das Spiel lange Zeit ausgeglichen, ohne dass eine Seite einen Vorteil erzielt, obgleich es Gelegenheiten gab. Es sind einige interessante Linien in der Partie, z. B. Varianten um den 18. Zug, die sie reizvoll machen. Den Sieg schon in der Tasche, unterläuft Geller im 37. Zug ein grober Schnitzer, Liebert findet die Antwort nicht. Dann jedoch das Highlight, das Finale der Partie macht alle vorherigen Schwächen wett! Geller findet ein vergiftetes doppeltes Turmopfer! Annehmen oder Ablehnen verliert gleichermaßen.


[Event "EU Team Ch Kapfenberg"]
[Site "Kapfenberg AUT"]
[Date "1970.??.??"]
[Round "6"]
[White "Geller, Efim P"]
[Black "Liebert, Heinz"]
[Result "1-0"]
[ECO "B07"]
[Annotator "Oli1970"]
[AnnotationDate "2021.??.??"]
[Comment "Knackige Kombinationen - Efim Geller"]

1.e4 d6 2.d4 Nf6 3.Nc3 g6
{Pirc-Verteidigung.}
4.f3
{Populärer als f3 ist f4 - das Dreibauernsystem.}
4...c6 5.Be3 b5 6.Qd2 Nbd7 7.Nh3
{Der Aufbau wird gewöhnlich mit g4 fortgesetzt. }
7...Qa5 8.Nf2 Bb7 9.Be2 a6 10.O-O Bg7
{Liebert hat nun beide Läufer fianchettiert.}
11.Bh6 O-O
{Denn wenn Schwarz schlägt, erhält Weiß einen positionellen Vorteil. Die Verhinderung der Rochade ist jedoch nur von kurzer Dauer.}
( 11...Bxh6 12.Qxh6 Qb4 {Die Dame muss zurück auf e3 oder d2, um d4 zu schützen. Falsch wäre } 13.Qg7 $2 Rg8 14.Qh6 Qxd4 )
12.Bxg7 Kxg7 13.f4 Rad8 14.Kh1 $6
{Gegenwärtig nur ein Tempoverlust, es droht nichts. Lf3 zur Unterstützung von e4 hätte das folgende unterbunden. }
14...e5 $1 15.fxe5 dxe5 16.dxe5 Nxe5 17.Qf4 b4 18.Ncd1
( 18.Na4 $1 {stoppt den b-Bauern.} 18...Ned7
( 18...Qxa4 $2 19.Qxe5 {Auch wenn offensichtlich nur Material getauscht wurde, erhält Weiß Angriff.} 19...Rfe8 20.Qf4 Qxc2 21.Ng4 $1 Nxg4
( {Läufergewinn bedeutet Partieverlust.} 21...Qxe2 $4 22.Qxf6+ Kg8 23.Nh6+ Kf8 24.Qxf7# )
22.Qxf7+ Kh8 23.Bxg4 )
19.b3 )
18...Rde8 19.a3 c5 20.Ne3 Qb6 21.h3 a5 22.b3 h6 23.axb4 axb4 24.Kg1
( 24.Nd3 {hätte mit der Drohung Sxe5 etwas Initiative gezeigt. } )
24...Re7 $6
{Die Partie verlief in den letzten Zügen ausgeglichen, hier hätte Liebert mit c5-c4 das Spiel gehalten.}
25.Bc4
{Kein Fehler, aber schwach.}
( 25.Nd3 Nxd3 26.cxd3
( 26.Bxd3 $2 Nxe4 $1 $19 {Der Springer ist zweimal gedeckt, schlagen geht nicht!} )
26...c4 )
25...Rfe8
( {Liebert versäumt seinerseits} 25...Nh5 {, um die Dame zurück auf h2 oder zum Abtausch zu zwingen.} 26.Qh4 Qf6 27.Qxf6+ Nxf6 )
26.Nd3
{Na endlich!}
26...Nfd7 $2
{Liebert findet keine Antwort, dieser Zug ist der Bruch der Partie.}
( 26...g5 {war Liebelts beste Option.} 27.Nf5+ Kh7 28.Qe3 Nxc4 29.bxc4 )
27.Rf2 Nxd3 $6
{Gleich nochmal schwach gespielt. Tf8 oder, schon deutlich schlechter, Sxc4 waren angezeigt.}
28.cxd3 Ne5 29.Raf1 Rd7
{Der Nachziehende ist nun völlig aus dem Tritt.}
30.Ng4
{Droht 31.Dxh6 Kg8 32.Sxe5 33. Txf7 nebst Lxf7#.}
30...Nxg4 31.Qxg4 Ree7 32.Qh4 Qd6 33.Rf6 Qd4+ 34.Kh1 Qe3 35.R1f3 Qc1+ 36.Kh2 Qb2
{Die Optionen gehen aus, und so verschlechtert auch diese Zug nochmals Lieberts Spiel. Als letzten Plan gibt es den Versuch, mit De5 und Ta7 nach Lc8, nochmals Aktivität zu entwickeln, was schon durch T3f5 oder Df4 unterbunden werden kann. Aber auch so kommt es dazu nicht mehr.}
37.Qf2 $4
{Ein ziemlicher Schnitzer. Nach der richtigen Antwort würde das Spiel remisverdächtig.}
37...Qe5+
( 37...Qxf2 $1 {Liebelt wäre alle Sorgen los!} 38.Rxf2 Bc8 )
38.g3
{Schon ist die Diagonale unterbrochen.}
38...Qc7 39.h4 h5
{Um ein weiteres Vorrücken zu unterbinden.}
40.R3f4 Bc8 41.Qb2
{Es droht Txf7+ nebst Dg7#.}
41...Kh7 42.Qf2 Kg7 43.Qb2 Kh7 44.R4f5 $3
{Nach der Stellungswiederholung hat Efim Geller die zündende Idee! Er bietet den ersten Turm an - vergiftet!}
44...gxf5 $4
{Damit führt der Weg nur noch ins Matt. Das Opfer nicht anzunehmen, rettet nichts! Die Partie hat Liebert verloren.}
( 44...Rxd3 45.Rxf7+ $1 {Es droht Dg7#, also} 45...Rxf7 46.Rxf7+ Qxf7 47.Bxf7 )
( 44...Re6 45.Bxe6 fxe6 46.Rg5 {Es droht Tfxg6, die Schlinge zieht sich zu.} 46...Rg7 47.Qe2 {Nun mit der Drohung Tgxg6 nebst Dxh5+. } 47...Kg8 48.Rfxg6
( 48.Rgxg6 Qe5 49.Qf2 )
)
( {Die stärkste Ablehnung des Opfers ist, selbst ein Opfer zu bringen.} 44...Ba6 45.Rxa6 Rd6 46.Rxd6 Qxd6 47.Rf6 {Mit einer Leichtfigur voraus brennt hier nichts mehr an.} )
45.Rh6+
{Nicht nehmen bedeutet matt durch Dh8.}
45...Kxh6 46.Qh8+ Kg6 47.exf5+
( 47.exf5+ Kxf5 48.Qxh5+ Kf6 49.Qg5# )
1-0
Steinitz - 11. Sep '25
Das ist wirklich eine sehr schöne Kombination!

Jede Variante ist schön für sich alleine, finde ich.

Gut zu sehen, wie weit die schwarze Dame von der Verteidigung des eigenen König`s entfernt ist und aus der Ferne wirkt der weiße Läufer umso stärker.

Danke für diese lehrreiche Partie.
Vabanque - 11. Sep '25
Das Turmopfer im 44. Zug ist wirklich klasse.

Man sollte vielleicht die Drohung erwähnen, die in 45. Txh5+ gxh5+ 46. Dd2 besteht, wonach Schwarz 47. Dh6+ Kg8 48. Tg6# (der f-Bauer ist ja vom Lc4 gefesselt) nicht mehr abwehren könnte.
Verteidigungen gegen diese Drohung verlieren - wie im Partiekommentar ausgeführt - dann erhebliches Material.

Liebert hat das mutmaßlich erkannt und beschlossen, durch die Annahme des Turmopfers wenigstens in Schönheit zu sterben😉
Oli1970 - 11. Sep '25
Danke Euch beiden für die Beschäftigung mit der Partie! :-)
Du hast völlig Recht, Uwe, die schwarzen Schwerfiguren stehen aufgereiht wie die Orgelpfeifen und können nicht ausrichten, der schwarze Läufer hat keinen Ausgang. Trotz der Hilflosigkeit sieht die Stellung zunächst remisverdächtig aus - bis Geller auf die Kombination kommt. Sowas lässt die vorherigen Schwächen vergessen, das hat mich auch sehr angesprochen.

@Vabanque: Die Drohung hätte man mit Nullzügen schön zeigen können. Ich habe sie in meiner privaten Partienotation nachgetragen. Sie geht aber nur theoretisch auf, da Schwarz nicht viele Zugmöglichkeiten hat. Lb7 nebst Lc8 als Nullzugersatz okay, aber schon nach La6 funktioniert die Drohung ohne schwarze Hilfe nicht mehr.
Vabanque - 11. Sep '25 Bearbeitet
>>Trotz der Hilflosigkeit sieht die Stellung zunächst remisverdächtig aus<<

Es scheint alles gedeckt. Aber meistens gibt es dann bei völlig passiver Verteidigung doch einen Weg zum Durchbruch.

>>Die Drohung hätte man mit Nullzügen schön zeigen können.<<

Ja, die Nullzüge fehlen auch im gegenwärtigen pgn-Viewer. Hatte ich sogar vergessen, shaack zu sagen, als ich ihm beim Treffen die Mängel des Viewers aufgezählt hatte. Sind halt gar so viele🙁
Oli1970 - 11. Sep '25
Welche Mängel siehst Du denn neben SetUp-Vorgaben und fehlenden Nullzügen? 🤔 Würde mich interessieren, denn mehr vermisse ich eigentlich nicht.
Vabanque - 11. Sep '25
Mit SetUp-Vorgaben meinst du wahrscheinlich Start bei einer bel. Stellung? Wenn das so ist, dann wäre das natürlich auch mein größtes Anliegen.
Dann könnte man Endspielstudien, langzügige Mattaufgaben, Vorgabepartien (also wo z.B. Weiß ohne Sb1 spielt), Chess960-Partien, ja das alles könnte man dann darstellen, was bisher nicht möglich ist!

Ansonsten guck doch mal in den 15. Zug 'deiner' obigen Partie!
Da schreibt der Viewer 3mal hintereinander 'xe5'! Ja, was ist denn das für eine Notation?? Im ersten Fall geht daraus nicht einmal hervor, welcher Bauer überhaupt auf e5 geschlagen hat!

Und außerdem - und das ist noch wichtiger - hat dieser Viewer kein eingebautes Analysebrett! D.h. man kann nicht beliebig eigene Varianten eingeben, sondern ist darauf angewiesen, die von dir eingespeisten nachzuspielen! Das können ja mittlerweile die simplen Diagramme bei chessmail (was ein großer Fortschritt war!), aber der pgn-Viewer kann es nicht. Man kann damit nicht selbständig analysieren.

Freilich ist nicht zu verkennen, dass dieser Viewer schon ein gewaltiger Fortschritt gegenüber dem ersten pgn-Viewer war, der nicht einmal die Darstellung von Varianten erlaubte. Da konnte man Partien nur verbal kommentieren. Meine ersten 'Kommentierten Spiele' von 2014 (?) sind noch so (also ohne Varianten). Da war das Kommentieren schon sehr mühsam.