Kommentierte Spiele

Schwerfiguren haben es auch nicht leicht

Oli1970 - 09. Sep '25
Meine Mottenkiste enthält noch ein ca. ein Dutzend unveröffentlichte Kommentierungen; die ältesten sind von 2019, diese hier ist von 2021. Ich weiß nicht mehr, warum ich gerade diese Partien ausgewählt oder was ich mir bei den Kommentaren gedacht hatte. Irgendwas bestimmt. Egal, hier ist eine im damaligen Originalzustand.

Bei einem Turnier in Monaco spielte Bent Larsen gegen Florin Gheorgiu. Nach nur sieben Zügen hatte Gheorgiu bereits eine Stunde seiner Bedenkzeit verbraucht. Gheorgiu trägt seit 1965 den Großmeister-Titel und war lange Zeit führender Spieler Rumäniens. War es Respekt vor dem älteren Larsen, der in dieser Zeit neben Fischer als bester Spieler außerhalb der Sowjetunion galt? Jedenfalls spielte Gheorgiu die Partie unter erheblichen Zeitdruck. Nach nur 18 Zügen sind die Leichtfiguren vom Brett verschwunden. Larsen hat jedoch die erheblich bessere Bauernstruktur und die Initiative. Dennoch dauert es, bis er seine Vorteile in einen Gewinn ummünzen kann - Gheorgiu ist unter Druck zäh.
Die Partie macht instruktiv, dass ab dem frühen Mittelspiel der Gewinn durch Schwerfiguren herausgespielt wird. Es ergeben sich allerlei Möglichkeiten, und manche Variante ist zu einem Zeitpunkt ein klarer Gewinnweg, zu anderen Zeitpunkten reicht sie nur zum Remis. Am Ende geht Larsen auf Nummer sicher und leitet eine hübsche Kombination mit Damengewinn ein, statt einen zwar stärkeren, aber auch unbestimmteren Gewinnweg zu gehen.


[Event "Monte Carlo"]
[Site "Monte Carlo MNC"]
[Date "1968.??.??"]
[Round "8"]
[White "Larsen, Bent"]
[Black "Gheorghiu, Florin"]
[Result "1-0"]
[ECO "A20"]
[Annotator "Oli1970"]
[AnnotationDate "2021.??.??"]
[Comment "Schwerfiguren haben es auch nicht leicht"]
[Link "unveröffentlicht"]

1.c4 e5 2.g3 g6 3.d4 exd4 4.Qxd4 Nf6 5.Nc3 Nc6 6.Qe3+ Be7 $6
{Schwarz muss sich fragen lassen, warum er den Königsflügel öffnet, wenn er den Läufer nicht nach g7 fianchettiert.}
( 6...Qe7 {Evtl. die bessere Erwiderung. Weiß wählt dann voraussichtlich zwischen Entwicklung mit Lg2 oder Damentausch mit Dxe7 Lxe7.} )
( 6...Ne7 $2 {Verliert mindestens einen Bauern.} 7.Qe5 Bg7 8.Nd5 $1 Kf8
( 8...Nxd5 9.Qxg7 Rg8 10.Qd4 {denn Dxh7 Sb4! mit Drohung Sc2.} )
( 8...O-O $4 9.Nxe7+ )
9.Qxc7 {denn Sxc7? d6!,} 9...Qxc7 10.Nxc7 )
7.Nd5 Nxd5
{Gheorghiu hatte hier bereits eine Stunde (!) Bedenkzeit verbraucht.}
8.cxd5 Nb8
( {Die schlechtere Alternative wäre } 8...Nb4 9.Qc3 f6 {Die Drohung gegen Th8 kann nur durch Vorziehen des f6 pariert werden. O-O wird mit Lh6 und der Drohung Dg7# beantwortet.} )
9.d6 $1
{Da der Läufer gefesselt ist, kann Gheorghiu nur mit dem Bauern nehmen. Der Doppelbauer erschwert die Entwicklung des Damenflügels.}
9...cxd6 10.Nh3 O-O 11.Qh6 Nc6 12.Ng5 Bxg5 13.Bxg5 f6 14.Bd2
{Dorthin wegen Da5+ mit Wechsel der Initiative, Ld2 ist die beste Verteidigung.}
14...b6
{Notwendig, um den Läufer in Bewegung zu bekommen, dafür hat die Dame keinen direkten Weg ins Feld mehr.}
15.Bg2 Bb7
( {Nicht unbedingt stärker, aber ebenso spielbar, ist} 15...Ba6 {mit der Möglichkeit De7 und der Drohung De2#.} 16.Bd5+ Kh8 17.Bc3 Rc8 {Um Se5 zur Unterbrechung der Läuferdiagonale spielen zu können. Schwarz steht trotz Bauernrückstand recht solide, da Weiß zunächst neue Angriffsideen entwickeln muss. Dem Vorstoß h2-h4-h5 wird mit g6-g5 begegnet. Auf Df4 mit Zielen d6 und f6 folgt De7 oder Se5. O-O kostet e2.} )
16.O-O Na5
{Deckt natürlich Lb7, fordert jedoch auch den Abtausch des potentiell gefährlichen schwarzfeldrigen Läufers heraus.}
17.Bxa5 Bxg2 18.Kxg2
{Erzwungen wegen Lxf1.}
18...bxa5
{Die Leichtfiguren sind fort, aber zum Preis einer äußerst schwachen Bauernstruktur.}
19.Rad1 Qe7 20.Rd2 Rab8 21.Rfd1 Qe4+
{Das Zwischenschach verhindert Df4 und verschafft dadurch Zeit für Tb6. }
22.Kg1 Rb6 23.h4
( 23.Rxd6 $2 Rxd6 24.Rxd6 {mit Remis wegen Dauerschach Db1 / De4.} )
23...Qe5 24.b3
{Wegen des Doppelangriffs auf b2.}
24...Rc8 $2
{In Zeitnot holt sich Gheorgiu die offene Linie. }
( 24...a4 $1 {Verpasst Larsen einen Doppelbauern und gibt Angriffschancen auf der b-Linie.} 25.bxa4 Rfb8 )
( 24...Rc6 $5 {Nun muss Weiß sorgfältig spielen und zunächst mit e2-e3 verhindern, dass Schwarz nach Tfc8 mit Dxe2 selbst einen Angriff erhält. Die Partiefortsetzung funktioniert so nicht:} 25.Rd5 Qxe2 26.h5 $2
( 26.Rxd6 Rxd6 27.Rxd6 {ergibt eine völlig ausgeglichene Stellung.} )
26...g5 $1 $17 )
25.Rd5 Qxe2 26.h5
( 26.Rxd6 $2 Rxd6 27.Rxd6 {mit Gewinnstellung für Schwarz!} )
26...Rc2
{Natürlich nicht g5 wegen Dxf6.}
27.Rf1 Qe4 $2
{Schwer zu sehen, warum dieser Zug ein Fehler ist. Bg6 wird gedeckt, die Dame steht zentral und greift den Turm an. Das Problem ist, dass die Dame in der Folge zum Ziel wird. Die Ausweichmanöver kosten Zeit, die Larsen für seinen Angriff nutzt.}
( 27...Qe8 {zieht die Dame in die Verteidigung zur Deckung von g6 zurück. } 28.hxg6
( {Unterschied zur Partiefortsetzung: } 28.Rxa5 d5 29.hxg6
( 29.Rxd5 g5 {mit schwarzem Vorteil.} )
29...Qxg6 30.Qe3 )
28...Qxg6 29.Qf4 Rxa2 )
28.Rxa5 a6
( 28...Rc5 $5 {falls jetzt } 29.Rxa7 $4 Rxh5 {droht Dh1#. Weiß muss die Dame geben. } )
29.Ra4 Qe8 30.Rg4
{Larsen hat eine sehr starke Angriffsposition erspielt.}
30...Qf8 31.Qe3
( 31.Rxg6+ {Eine alternative starke Kombination.} 31...hxg6 32.Qxg6+ Kh8 33.Qxc2 )
31...Rbc6 $4
{Dieser Zug verliert endgültig. Bf6-f5 oder Tb5 waren besser. Das folgende Muster ist aus den Varianten bekannt.}
32.hxg6 hxg6 33.Rxg6+ Kf7 34.Rg4
( 34.Rh6 $3 {mit der Drohung Th7+ hat Larsen nicht genutzt.} 34...Qg7 35.Re1 {droht De8#.} )
34...R2c5 35.Qd3
{Wieder lange nicht so stark wie De4 mit der Drohung Dh7+.}
35...Re5 36.f4 Re8 37.Qd5+
{Larsen sah den stärkeren Gewinnweg nicht und geht daher auf Nummer sicher. Mit einer schönen Kombination hätte er Gheorgius Dame gewonnen, wenn dieser nicht einen Zug später aufgegeben hätte.}
( 37.Qh7+ $3 {drängt den König in die Brettmitte.} 37...Ke6
( 37...Qg7 38.Rxg7+ {Schwarz ist matt im nächsten Zug.} )
38.f5+ Kd5 )
37...Ke7 38.Re1+
( 38.Re1+ {Die Kombination zum Damengewinn:} 38...Kd8 39.Rxe8+ Qxe8 40.Rg8 Qxg8 41.Qxg8+ )
1-0
Vabanque - 09. Sep '25
Also erstmal danke für die Partie, klasse👏

Diese Partie wird für mich vor allem ab der Phase, wo nur noch Schwerfiguren auf dem Brett sind, sehr interessant.
In den meisten Endspielen wäre wohl eine solche zersplitterte Bauernstellung ein Verlustmerkmal, aber in Schwerfigurenendspielen (die keine reinen Turmendspiele sind) werden die Bauernschwächen oft gut kompensiert durch offene Linien und Diagonalen (für die Dame), und vor allem durch die Initiative. Deswegen kommt ja Georghiu zeitweise noch gut ins Spiel (oder hätte es zumindest kommen können).

Übrigens sehe ich das Dauerschach nach der Anmerkung zum 23. Zug nicht, denn was ist, wenn der wK nach h3 ausweicht? Auf Df5+ könnte ja g4 erfolgen.

Und die Anmerkung zum 37. Zug erscheint mir eine 'Unvollendete', denn was geschieht denn nach 38... Kd5?
Und warum soll das stärker sein als das, was Larsen gespielt hat, die von ihm gewählte Kombination gewann ja auch die Dame?
Vabanque - 09. Sep '25
>>Meine Mottenkiste enthält noch ein ca. ein Dutzend unveröffentlichte Kommentierungen<<

Bei mir ist es etwa ein halbes Dutzend.
Oli1970 - 10. Sep '25
Danke fürs Lesen der Kommentierung, Vabanque! Ich habe die Partie vor der Veröffentlichung nicht mehr geprüft und würde das auch bei anderen aus der Mottenkiste nicht mehr tun. Für die eigenen Fehler ist man meist eh blind; eine Prüfung würde heißen, neu kommentieren zu müssen, wenn sie erfolgreich werden soll.

> Übrigens sehe ich das Dauerschach nach der Anmerkung zum 23. Zug nicht, denn was ist, wenn der wK nach h3 ausweicht? Auf Df5+ könnte ja g4 erfolgen. <
Warum sollte Larsen den König nach h3 spielen? Wie würde es weiter gehen? Laut Engine wäre die Stellung weiterhin völlig ausgeglichen, nur dass auf beiden Seiten noch Bauern purzeln. Warum ein Risiko eingehen, wenn nichts mehr zu holen ist?

> Und die Anmerkung zum 37. Zug erscheint mir eine 'Unvollendete', denn was geschieht denn nach 38... Kd5? <
Die Engine rechnet dann ein Matt in 11, 12 Zügen vor, daher wäre der Weg stärker, aber auch unbestimmter - natürlich kaum zu berechnen (und daher in meinen Augen sinnlos, eine Variante dazu auszuführen). Man jagt dem König nach, greift dann und wann eine Figur oder einen Bauern ab und hofft, dass Schwarz nicht irgendwie der Schlinge entkommen kann. Wohl deshalb nahm Larsen den Weg über den sichereren Damengewinn.

Sprachlos machte mich allerdings, daran kann ich mich noch gut erinnern, der Bedenkzeitverbrauch Gheorghius für die ersten sieben Züge der Eröffnung.
Vabanque - 10. Sep '25 Bearbeitet
>>Warum sollte Larsen den König nach h3 spielen? Wie würde es weiter gehen? Laut Engine wäre die Stellung weiterhin völlig ausgeglichen, nur dass auf beiden Seiten noch Bauern purzeln. Warum ein Risiko eingehen, wenn nichts mehr zu holen ist?<<

Das muss ich mir noch konkret anschauen. Natürlich ist die K-Stellung auf h3 riskant, aber ich habe ja nur das im Brustton der Überzeugung vorgetragene 'Dauerschach' bezweifelt. Dem kann man nämlich entgehen - ob es etwas bringt, ist tatsächlich die andere Frage, klar.

>>Die Engine rechnet dann ein Matt in 11, 12 Zügen vor<<

Na, dann brauche ich mich ja nicht zu schämen, dass ich keine Fortsetzung gesehen habe😁

>>Wohl deshalb nahm Larsen den Weg über den sichereren Damengewinn.<<

Natürlich folgt man immer dem berechenbaren Pfad. Das ist eben der Unterschied zwischen menschlichem und Engine-Schach. Ich wollte diesem Thema sogar schon einmal eine Folge der 'Schachgedanquen' widmen, und mache es vielleicht auch noch, nämlich an Hand einer Super-GM-Partie, in der KEINER der beiden Kontrahenten in irgendeinem Zug dem Engine-Vorschlag folgt - was auf diesem Spielniveau sicher eine Rarität ist.

>>Sprachlos machte mich allerdings, daran kann ich mich noch gut erinnern, der Bedenkzeitverbrauch Gheorghius für die ersten sieben Züge der Eröffnung.<<

Dafür gibt es so manche Erklärungen. Reshevsky und Sämisch waren z.B. ja auch für solche exorbitanten Zeitverbrauche (gibt es einen Plural zu 'Zeitverbrauch'?) in den ersten Eröffnungszügen berüchtigt. Reshevsky hat sogar in seinem Vorwort zu seinem ersten Buch etwas darüber geschrieben.
Oli1970 - 10. Sep '25
Zeitverbrauch wäre wohl auch ein Schachgedanque wert. ;-)
Vabanque - 10. Sep '25
Ach je, da muss man aber erstmal Partien finden, wo der Zeitverbrauch bekannt ist bzw. notiert wurde ...
Oli1970 - 10. Sep '25
Oder Reshevsky zitieren? ;-) Ich hätte tatsächlich oft gerne die Restzeiten in den Partien benannt. Die würden wahrscheinlich manchen meisterhaften Griff ins Klo erklären. Oder im Falle von Zeitüberschreitungen, warum manchmal das Spiel-Ergebnis nicht zur Stellung passt. Zeiteinteilung wäre tatsächlich ein paar Gedanken wert, bliebe aber wohl theoretisch-abstrakt und zu trocken. Schachgedanquen ohne Diagramme, nee, lass mal lieber.
Vabanque - 10. Sep '25
>>Oder Reshevsky zitieren?<<

Das würde dann allerdings ein längeres Zitat und wäre ja kein Schach'gedanque', zumindest keiner von mir, sondern ein Fremdgedanke, ein abgeschriebener Gedanke. Das ist mir dann als Schreibender zu langweilig. Wenn schon die gezeigten Partien und Beispiele nicht von mir selbst sind, dann sollen es wenigstens die 'Gedanquen' dazu sein.