Zeitüberschreitung und Mattmaterial

Im Live-Schach kommt eine Frage immer wieder auf. Der Gegner läuft über die Zeit, man hat selbst noch Sekunden auf der Uhr, und trotzdem wird die Partie als Remis gewertet und nicht als Sieg. Das sieht im ersten Moment nach einem Fehler aus, ist aber genau richtig. Diese Seite erklärt, warum.

Die Regel

Massgeblich ist Artikel 6.9 der FIDE-Schachregeln. Sinngemäss steht dort, dass eine Partie verliert, wer seine Bedenkzeit überschreitet. Es gibt aber eine Ausnahme. Kann der Gegner mit dem Material, das er noch auf dem Brett hat, durch keine mögliche Zugfolge mattsetzen, endet die Partie remis.

Der Gedanke dahinter ist einfach. Ein Gewinn setzt voraus, dass man theoretisch mattsetzen kann. Wer nur noch den nackten König hat, könnte auch mit unbegrenzter Bedenkzeit nie gewinnen. Also gewinnt er auch nicht dadurch, dass beim Gegner die Zeit abläuft. Beide Spieler bekommen einen halben Punkt.

Ein Beispiel

8/7K/8/3k4/6Q1/8/8/8 w - - 5 77

Weiss hat König und Dame, Schwarz nur noch den König. Weiss ist am Zug und steht auf Gewinn, aber genau hier läuft seine Bedenkzeit ab. Schwarz hat noch Zeit auf der Uhr und könnte auch noch ziehen. Mattsetzen kann er mit einem blanken König jedoch nie, deshalb ist die Partie remis und nicht gewonnen für Schwarz. Ohne diese Regel hätte Schwarz die Partie regulär verloren, so bekommt er immerhin einen halben Punkt.

Welches Material zum Mattsetzen nicht reicht

Bei einer Zeitüberschreitung prüft chessmail, was die Seite, die den Punkt bekäme, noch auf dem Brett hat. Diese Konstellationen reichen nicht zum Mattsetzen:

  • nur der König
  • König und ein Läufer
  • König und ein Springer
  • König und mehrere Läufer, die alle auf Feldern derselben Farbe stehen

In diesen Fällen endet die Partie bei Zeitüberschreitung des Gegners remis. In jedem anderen Fall gibt es den vollen Punkt. Schon ein einzelner Bauer genügt, denn er kann sich in eine Dame umwandeln.

Das gilt im Live-Schach wie im Fernschach. Im Live-Schach wertet der Server die Partie selbst, sobald die Uhr abgelaufen ist. Im Fernschach beendest du die Partie selbst, wenn dein Gegner das Zeitlimit überschritten hat, und das Formular sagt dir vorher, wenn die Wertung remis lautet.

Häufige Missverständnisse

"Mit blankem König ist die Partie doch sofort remis." Nein. Die Partie läuft ganz normal weiter, und wer nur noch den König hat, kann mattgesetzt werden oder selbst über die Zeit verlieren. Die Regel greift ausschliesslich in dem Moment, in dem beim Gegner die Zeit abläuft.

"Der Gegner ist über die Zeit gegangen, also habe ich gewonnen." Nicht zwangsläufig. Die Zeitüberschreitung des Gegners ist nur dann ein Sieg, wenn man selbst noch mattsetzen könnte.

"Das ist doch dasselbe wie eine tote Stellung." Nicht ganz. Eine tote Stellung liegt vor, wenn keine der beiden Seiten mehr mattsetzen kann, etwa König gegen König. Dann endet die Partie sofort remis, ganz unabhängig von der Uhr. Auf dieser Seite geht es dagegen nur um die eine Seite, deren Gegner über die Zeit gegangen ist.

Für Regelfüchse

Die FIDE-Formulierung ist streng genommen etwas schärfer als die Prüfung bei chessmail. Sie fragt, ob es überhaupt irgendeine Zugfolge zum Matt gäbe, auch eine, bei der der Gegner freiwillig mithilft. Bei König und Springer gegen König mit Bauern wäre so ein Hilfsmatt konstruierbar, und ein Schiedsrichter am Brett würde dort auf Sieg entscheiden. chessmail wertet solche sehr seltenen Stellungen als Remis. Für den mit Abstand häufigsten Fall, den blanken König, sind beide Formulierungen identisch.